Man sah, wie sich vorn, von Olmütz her, eine Reitergruppe näherte. In diesem Augenblick strich, obgleich es ein windstiller Tag war, ein sanfter Luftzug über das ganze Heer und bewegte die Lanzenfähnchen und die entrollten Fahnen leicht hin und her, so daß sie gegen ihre Stangen schlugen. Es schien, als wolle die Armee selbst durch diese leise Bewegung ihre Freude über die Ankunft der beiden Herrscher ausdrücken. Eine Stimme ertönte: »Stillgestanden!« Darauf wiederholte sich dieses Kommando an allen Ecken und Enden wie das Krähen der Hähne bei Sonnenaufgang. Dann wurde alles still.
In dieser Totenstille hörte man nur das herannahende Getrappel von Pferdehufen. Es waren die beiden Kaiser mit ihrem Gefolge. Sie begaben sich nach dem einen Flügel, und schon ertönten die Trompeten des ersten Kavallerieregimentes, die den Generalmarsch bliesen. Es schien, als wären es nicht die Trompeten, sondern das ganze Heer, das seine Freude über die Ankunft der beiden Herrscher durch diese Töne zum Ausdruck brächte. Doch alle diese Laute übertönte deutlich und klar die junge, freundliche Stimme Kaiser Alexanders. Er sprach ein paar Worte der Begrüßung, und das erste Regiment brüllte: »Hurra!« Das dröhnte so ohrenbetäubend, so unendlich und froh, daß die Leute selber über die zahllose und gewaltige Masse, die sie bildeten, erschraken.
Rostow stand in den vordersten Reihen der Kutusowschen Armee, die der Kaiser zuerst abritt, und empfand das gleiche Gefühl, das jeder einzelne Mann dieser Truppe empfand – das Gefühl der Selbstvergessenheit, des stolzen Bewußtseins eigner Kraft und der leidenschaftlichen Hingabe für denjenigen, dem die heutige Feier galt.
Er war sich bewußt, daß es nur eines Wortes dieses Mannes bedurfte, um diese ganze gewaltige Masse – der auch er selber als nichtiges Sandkörnchen angehörte – ins Feuer, ins Wasser, zum Verbrechen, in den Tod oder zu erhabensten Heldentaten zu führen, und konnte deshalb gar nicht anders, als in Erwartung dieses herannahenden Wortes erzittern und fast vergehen.
»Hurra! Hurra! Hurra!« dröhnte es von allen Seiten, und ein Regiment nach dem anderen empfing den Herrscher mit den Klängen des Generalmarsches. Dann »Hurra!« und wieder Generalmarsch und abermals »Hurra!« und »Hurra!«, und all das verschmolz, immer stärker und stärker werdend, zu einem ohrenbetäubenden Getöse.
Solange der Kaiser noch nicht herangeritten war, glich jedes Regiment in seiner Stille und Starrheit einem leblosen Körper, langte aber der Herrscher dort an, so belebte es sich sogleich und stimmte donnernd in das Hurrarufen jener Reihen ein, die der Kaiser soeben abgeritten hatte. In dem furchtbaren, ohrenbetäubenden Brausen dieser Stimmen, mitten durch diese unbeweglichen, in ihren Vierecken wie zu Stein erstarrten Truppenmassen bewegte sich lässig, aber gleichmäßig und frei die Suite von einigen hundert Reitern. Ihnen voran ritten die zwei Hauptpersonen, die beiden Kaiser. Auf sie konzentrierte sich rückhaltlos die leidenschaftliche, aber verhaltene Aufmerksamkeit dieser ganzen Menschenmasse.
Der junge, hübsche Kaiser Alexander in der Uniform der Gardereiter, mit dem Dreispitz auf dem Kopf, mit seinem sympathischen Gesicht und seiner wohltönenden, nicht überlauten Stimme zog mit Macht alle Aufmerksamkeit auf sich.
Rostow stand nicht weit von den Trompetern und hatte mit seinen scharfen Augen schon von weitem den Herrscher erkannt und sein Herannahen verfolgt. Als der Kaiser bis auf eine Entfernung von zwanzig Schritten zu ihm herangekommen war, und Nikolaj sein schönes, junges und glückliches Gesicht ganz klar und in allen Einzelheiten erkennen konnte, empfand er ein solches Gefühl der Begeisterung und Liebe, wie er es bisher noch nie empfunden hatte. Alles – jeder Zug und jede Geste – erschien ihm herrlich an seinem Kaiser.
Der Kaiser machte vor dem Pawlograder Regiment halt, sagte zu dem Kaiser von Österreich ein paar Worte auf französisch und lächelte.
Als Rostow dieses Lächeln sah, mußte er unwillkürlich selber mitlächeln, und der Strom der Liebe, die er für seinen Kaiser empfand, überflutete ihn immer stärker. Wie gern hätte er dem Herrscher seine Liebe irgendwie bekundet! Und weil er wußte, daß dies unmöglich war, kamen ihm beinahe die Tränen. Der Kaiser rief den Regimentskommandeur vor und sprach ein paar Worte mit ihm.
Großer Gott, wie würde mir werden, wenn der Kaiser sich an mich gewandt hätte! dachte Rostow. Ich würde sterben vor Glück.
Da wandte sich Kaiser Alexander an die Offiziere: »Ihnen allen, meine Herren« – Rostow hörte jedes seiner Worte und sie deuchten ihm wie Töne des Himmels –, »danke ich von ganzem Herzen.«
Wie selig wäre Rostow gewesen, hätte er in diesem Augenblick für seinen Kaiser sterben dürfen.
»Sie haben sich die Georgsfahnen verdient und werden sich ihrer auch künftig würdig erweisen.«
Nur sterben, sterben für ihn! dachte Rostow.
Der Kaiser fügte noch ein paar Worte hinzu, die Rostow nicht verstand, und die Soldaten brüllten aus voller Kehle: »Hurra!«
Rostow schrie ebenfalls, so laut er nur konnte, mit, indem er sich bis zum Sattel niederbeugte, und hätte sich gern durch dieses Schreien Schaden getan, wenn er nur dadurch die Begeisterung für seinen Kaiser hätte bekunden können.
Der Kaiser blieb noch ein paar Augenblicke vor den Husaren stehen, als wäre er sich über etwas nicht ganz schlüssig.
Wie kann ein Kaiser unschlüssig sein? dachte Rostow, dann aber erschien ihm auch diese Unschlüssigkeit erhaben und begeisternd wie eben alles, was der Kaiser tat.
Aber diese Unentschiedenheit des Kaisers dauerte nur einen Augenblick. Sein einer Fuß mit der nach damaliger Mode langen und schmalen Stiefelspitze berührte die Flanke der englisierten Fuchsstute, die er ritt, seine weißbehandschuhte Rechte straffte die Zügel und er sprengte davon, gefolgt von dem wirr durcheinander wogenden Heere der Adjutanten. Weiter und weiter entfernte er sich, machte vor anderen Regimentern halt, und schließlich konnte Rostow über das Gefolge hinweg, das die beiden Kaiser umgab, nur noch seinen weißen Federbusch wehen sehen.
Unter den Offizieren der Suite hatte Rostow auch Bolkonskij bemerkt, der lässig und leicht auf seinem Pferd saß. Rostow erinnerte sich an seinen gestrigen Streit mit ihm und legte sich abermals die Frage vor, ob er ihn fordern müsse oder nicht. Natürlich brauche ich ihn nicht zu fordern, dachte Rostow. Ist es überhaupt der Mühe wert, in einem solchen Augenblick wie jetzt an so etwas zu denken und davon zu sprechen? Was haben all unsere Streitereien und Beleidigungen zu bedeuten in einem Augenblick, wo man eine solche Liebe, Begeisterung und Selbstvergessenheit empfindet? Ich liebe alle, alle und verzeihe jetzt allen, dachte Rostow.
Als der Kaiser fast alle Regimenter abgeritten hatte, fingen die Truppen an, noch einmal im Parademarsch an ihm vorüberzuziehen, und Rostow mußte am Schluß seiner Eskadron auf seinem erst kürzlich von Denissow gekauften »Beduinen« vorbeireiten, das heißt ganz allein und unmittelbar vor den Augen Seiner Majestät.
Kurz bevor er beim Kaiser vorbeikam, gab Rostow, der ein glänzender Reiter war, seinem »Beduinen« zweimal die Sporen und brachte ihn so glücklich bis zu jener tollen Art des Trabens, die der »Beduine«, wenn er angefeuert wurde, immer anzuschlagen pflegte. Die mit Schaum bedeckten Nüstern tief auf die Brust niedergebeugt, den Schweif lang ausgestreckt, schien er, fast ohne die Erde zu berühren, durch die Luft zu schießen, indem er hoch und graziös mit den Beinen ausholte, und kam so ausgezeichnet vor dem Kaiser vorbei, als fühle er ebenfalls den Blick des Herrschers auf sich ruhen.
Rostow selber warf die Beine zurück, zog den Bauch ein, fühlte, wie er mit seinem Pferd gleichsam zu einem Ganzen verschmolz und ritt mit finsterem, aber glückseligem Gesicht, »wie der Deibel«, wie Denissow zu sagen pflegte, vor dem Kaiser vorbei.
»Forsche Jungen, meine Pawlograder!« murmelte der Kaiser.
Großer Gott, wie selig wäre ich, wenn er mir jetzt befehlen würde, mich sogleich ins Schlachtenfeuer zu stürzen! dachte Rostow.