Monate später, bevor ich diesen Bericht zu schreiben begann, sah ich die Toten im Traum. Sie standen am Weg, in ihrer unvollständigen, kaum definierbaren Gestalt (Obduktionsberichte ähneln Bildbeschreibungen, hatte Madsen gesagt), und fragten nach ihrem Namen. Heiße ich Schiffsschraube? Heiße ich Gummipuppe? Oder heiße ich Walter? Oder Monika? Im Traum war es so, als müsse die Antwort jetzt gefunden werden, als verbliebe nur noch sehr wenig Zeit und als wäre das die letzte Gelegenheit, bevor sie wieder zurücktreten würden von diesem Weg, fraglos, spurlos und wie nie gewesen.
Aber ich war abgereist, ich war nicht zurückgekehrt ins Archiv. Auch mein Bericht verrät, wie wenig ich für all das geeignet, wie wenig ich der Aufgabe gewachsen war. Ein Bericht voller nebensächlicher Details, dazu Gefühle und Gedanken, wo es nur um Fakten gehen sollte.
Es gab auch andere Gründe. Ich hatte ihr Gebiet betreten, das Territorium der Toten, zufällig ich, vielleicht lag es daran, und das Schreiben war Abwehr, Schild, Tarnkappe gewesen, ohne Notizbuch hätte ich nichts gesehen. Sie hätten mich nicht erwählt dafür und niemand sonst hätte das, das war mir bewusst. Ich war kein Forscher, kein Historiker, die Wege der Aufarbeitung waren mir nicht vertraut, ich war lediglich einem Versprechen gefolgt, den Gesetzen der Freundschaft, wenn man so will, am Anfang war es nur das gewesen: Krusos Bitte. Und: lediglich. Aber dann hatte ich jene Grenze überschritten, mit dem Wort vom dritten Verschwinden, als ich genau so zu denken begann.
Immerhin kehrte beim Schreiben mein Verstand zurück, und die dumpf lodernde Stelle in meinem Magen beruhigte sich. Ich ging in den Schuppen, der etwas entfernt liegt vom Haus, ich hatte ihn lange nicht betreten. Vor der Tür lag ein fauliger Teppich aus Kiefernnadeln. Nach einer Weile fand ich, was ich gesucht hatte, ein blassgelbes Postpaket, in einem Regal voll mit Kinderspielzeug, Technikschrott, nie benutzten Fitnessgeräten. Über allem hockte eine dumpfe Trauer, muffig und verstockt. Ich öffnete die Kiste. Im Pullover hing ein großer, klebriger Mottenkokon, die Wildlederschuhe waren verschimmelt. Beides hatte ich getragen beim Verlassen der Insel, Schuhe und Pullover, auch später noch. Im Innenfutter der Tasche (alles war kalt und klamm) fand ich Speiches Brille — während meiner Krankentage im Klausner hatte ich sie irgendwann selbst dort verstaut und fortan nicht mehr daran gedacht, keine Sekunde.
Die Sachen aufzubewahren konnte nicht viel mehr als ein Versuch gewesen sein, mich über die Tatsache hinwegzutäuschen, dass ich ein paar Dinge, die mir nicht gehörten, benutzt und verschlissen hatte. Sollte Speiche sich eines Tages plötzlich melden, würde ich zumindest in der Lage sein … So oder so ähnlich musste der, der ich damals gewesen war, gedacht haben, für eine kleine Weile, bevor er die Kiste vergessen hatte.
Obwohl es sich (gewissermaßen) um das Gegenteil handelte, kam ich mir wie ein Grabräuber vor, als ich mit meinem Karton unter dem Arm den Friedhof betrat. Kaum hatte ich die Kiste abgesetzt, begann hinter mir jemand zu rufen, in russischer Sprache. Ich schaute nicht hin, aber der Mann kam näher. Er trug eine Uniform, den Mantel offen, und ohne Zweifel war er betrunken. In aller Eile montierte ich die Reste meines Schulrussisch zusammen (zwölf Vokabeln vielleicht, manchmal mehr), aber es wurde nicht gebraucht.»Nix trinkt, Faschist!«Der Russe packte meinen Arm und führte mich über den Friedhof, am Golem vorbei über die tiefen, aufgeweichten Wege bis an das Grab, das zu ihm gehörte. Er zeigte darauf.
Sie waren zu dritt, zwei Frauen und er. Die Frauen in Jacken und Tüchern bis über den Kopf, die ältere hatte Filzstiefel an den Füßen. Sie saßen auf einer kleinen Plastikplane. Über die untere Hälfte des Grabs war ein Geschirrtuch gebreitet, auf dem Schokolade, Speck und Zigaretten lagen, am Grabstein lehnte eine Konservenbüchse.»Trinke-trink Kamerad, fünf Minut — nix Faschist!«Eine flache Hand schnitt vor meiner Brust quer durch die Luft, und damit war es entschieden. Der Wodka hieß Parliament. Sie hatten sogar Gläser dabei, mit Goldrand. Den ersten Schluck goss der Russe in die rechte Ecke des Grabs, neben den Stein. Dann zündete er sich zwei Zigaretten an. Eine steckte er ins Grab, wo sie langsam herunterbrannte. Die Frauen redeten mit dem Toten, dabei streichelten sie die Erde und bliesen in die Glut der Zigarette. Ab und zu ein leises, aber hemmungsloses Wimmern, eine Art Weinen, das ein paar Sekunden anhielt, dann wieder Wodka. Der Russe nickte ein. Er sah zufrieden aus. Ich stand auf und verabschiedete mich von den Frauen, ich glaube, ich verbeugte mich sogar, und ging zu meinem Grab zurück. Ich war froh,»nix Faschist «gewesen zu sein, und wahrscheinlich war ich betrunken.
Stück für Stück nahm ich die Sachen aus der Kiste und putzte sie ab, provisorisch jedenfalls. Sie hatten mir gute Dienste geleistet, ja, ich hatte sie damals wirklich gebraucht.»Wirklich gebraucht«, flüsterte ich und empfand plötzlich eine grenzenlose Dankbarkeit, die mich gütig durchströmte. Vielleicht hatte das nichts mehr mit Speiche zu tun. Für einen unwägbaren Moment sah ich mein Leben als Ganzes, eine lange Geschichte, mit diesen Sachen verknüpft, ja, in diesem Augenblick waren sie der genauestmögliche Ausdruck für alles, was bis zu diesem Tag, dieser Stunde, diesem Ort geschehen war: ein paar schimmlige Tramper, ein Batzen Wolle und eine Brille mit nur einem Glas.
«Entschuldigung, bitte Entschuldigung. «Irgendwann hatte meine Rede begonnen. Zuerst entschuldigte ich mich bei Kruso — dafür, dass ich nicht standgehalten hatte. Ich erklärte es ihm. Ich versuchte, nichts auszusparen. Ich versuchte, es zusammenzufassen: Angst und eine irre Abscheu (Abscheu vor den Toten) auf der einen, Trauer und ein irres Mitleid (Mitleid mit den Toten) auf der anderen Seite. Plötzlich konnte ich reden. Da ich betrunken war, sagte ich ein paar Sätze, die ich nicht geplant, ja, die ich noch nie ausgesprochen hatte, Dinge, die nur uns betrafen, Losch und mich, die zwei beiden. Auch Tränen waren nicht geplant gewesen. Schließlich bat ich Kruso um Erlaubnis für die Sache mit Speiche. Ich erklärte, was ich mir vorgenommen hatte (es lag einfach nah, Speiche» ausm Heim«, das Waisenkind, irgendwann war mir klar geworden, dass es für ihn keinen anderen Angehörigen gab, keinen anderen geben würde als mich, seinen Nachfolger im Abwasch des Klausners) und warum es das Andenken Valentina Krusowitschs oder das Andenken Sonjas (ich formulierte es so) nicht beschädigen würde, im Gegenteil. Ich konnte jetzt regelmäßig hier sein und würde mich kümmern, wie versprochen, hier wäre der richtige Platz dafür, Abteilung Gefunden. Dann entschuldigte ich mich bei Speiche selbst, zunächst für den Pullover und die Schuhe. Dann, stellvertretend, für die üble Nachrede, den Spott (Heimkind, Hampelmann, Versager), all die schäbigen Witze über jemanden, der, wie Kruso es ausgedrückt hatte,»auch darüber hinaus nicht geeignet gewesen war«.
Im Verlauf der Herbstwochen hatte sich Wulf D. Wätjen vom Kirchenrat in Kopenhagen noch einmal gemeldet.»Es tut mir immer noch sehr leid, dass ich Ihnen bei Ihrer Recherche nicht mehr helfen konnte …«, so begann seine Mail, und ich muss zugeben, dass ich gerührt war von diesem Satz. In der dänischen Tageszeitung POLITIKEN habe er eine Mitteilung über ein Projekt des Berliner Mauermuseums gelesen. Es gehe um die DDR-Flüchtlinge nach Dänemark. Das Museum habe den Verfasser des soeben erschienenen Buches Flugtrute Østersøen, Jesper Clemmensen, damit beauftragt, Gegenstände, Namen und andere Tatsachen zu erkunden. Ein Kontakt zum Mauermuseum, so Wätjen, brächte mich vielleicht ein Stück weiter. Noch einmal telefonierte ich mit Jesper, der mir erklärte, dass die Berliner zunächst versuchen wollten, die entsprechenden Anträge zu stellen für die Finanzierung des Projekts. Ich drückte das Telefon noch fester an mein Ohr und behauptete, vollkommen sicher zu sein, dass es Geld geben würde dafür, Geld ohne Ende,»wofür sonst, Jesper?«