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Irgendwo muss Mads Christiansen sein, irgendwo zwischen den Tanzenden. Vielleicht vor dem hölzernen Podest, über dem in Großbuchstaben auf mehreren Plakaten Wicked Pictures steht und darunter die Namen der Darsteller. Die Tanzenden auf dem Schiff reißen die Arme hoch. Jack Sanders hat erst in fünf Filmen mitgespielt, während Manuel Torres schon bei zwanzig dabei gewesen ist. Seine Lippen ragen merkwürdig hell und verletzlich aus seinem Gesicht, er macht eine Drehung um seine eigene Achse. Er hat die meisten Zuschauer, während die Traube, die sich zuvor noch um den Holzfäller-Körper von Micky Powers gebildet hat, jetzt zu Jack Sanders abgewandert ist. Manuel Torres ist ein kleiner, stämmiger, stiernackiger Mann, der aber, wie ich von Mads Christiansen weiß, der eigentliche Star des Abends ist und jetzt, so kommt es mir zumindest vor, nach seinem halb erigierten Geschlechtsteil wie nach einem Lasso greift und es ein bisschen schüttelt. Oder müsste man sagen, zu zügeln versucht? Ich versuche zur anderen Seite zu kommen, aber es ist kein Durchkommen. Judith setzt sich das Vampirgebiss in den Mund. Wie schafft sie das, ohne dass ich es merke? Hat Kyra es ihr gegeben? Oder hat sie es doch unterwegs gekauft? Ich kann Mads Christiansen nirgendwo finden. Auf einmal muss ich an Gabriela denken. Ich sehe, wie Manuel Torres einem Mann mit einer kleinen Digitalkamera zulächelt, der vor ihm auf die Knie geht, während Torres sich in Pose stellt. Das Lächeln von Gabriela. Die Mittagspausen in ihrem Auto, in dem künstlichen Dämmerlicht des unterirdischen Parkhauses, ganz in der Nähe der Frauenparkplätze. Ihre dunkle Haut, ich muss immerzu an den Ausdruck dunkelgebeizt oder ebenholzfarben denken. Und wie sie sich an der großen Metalltür der Tiefgarage festhält. Die Gedanken an Gabriela. Rohe, ungestüme, zirkuläre Gedanken. Morgens bei einem kurzen Halt auf dem Weg in meine Praxis. Gedanken eines Chirurgen, der kurz vor der Operation steht. Und Gabriela, die sich mir nicht hingibt, sondern bei unseren Zärtlichkeiten immerzu protestiert. Ihr Lachen, als ich mich über sie beuge und sie mit verbalen Liebkosungen überschütte. An manchen Tagen fahre ich rechts ran, um diese Gedanken auf mich wirken zu lassen, als hätte ich gerade eine Nachricht empfangen oder müsste ein dringendes Telefongespräch führen, dabei habe ich mein Mobiltelefon absichtlich zu Hause gelassen, damit mich Judith nicht erreicht. Auf dem Seitenstreifen, in einer Parkbucht, höre ich in mich hinein, in der Hoffnung, meine Imagination würde noch intensivere Erinnerungen zutage fördern. Wie Gabriela und ich in ihrem silbernen Mitsubishi im Parkhaus in der Nähe der Fünf Höfe sitzen, und wie ich mit aller Kraft ihren Widerstand zu überwinden versuche, den sie mit der Lüsternheit, zu der sie fähig ist, aufrechterhält. Manchmal, in einer dieser zahllosen Mittagspausen, ich verlasse meine alte Praxis, die ich damals nur stundenweise gemietet habe, und Gabriela verlässt ihre kleine Schmuckboutique in den Fünf Höfen, erfasst mich eine große Müdigkeit, sodass ich auf ihrem halb entblößten Oberkörper beinahe zusammenbreche und aufgebe. Ich flüchte mich in poetische Beschwörungen ihrer Brustwarzen, die so schön sind, dass ich von Blumen spreche, von großen blühenden dunklen Blumen. Ich benutze bewusst kitschige Metaphern, alles andere würde sie überfordern, obwohl sie dann wiederum gerade für komplizierte und abwegige Komplimente zu haben ist, und wie sie dann sagt:»Wie bitte? Was sagst du da?«Zum Beispiel meine Behauptung, ihre Brustwarzen seien zwei große, auf ihren Brüsten schwimmende Blumen, deren Blüten nach innen gewachsen seien und deren Schönheit sich in ihr entfalten würde, ich aber sei der einzige Mensch, der von diesem Geheimnis wisse. Und deswegen erkläre ich ihr, bevor mein Mund diese nach innen wachsenden Blumen umschließt, dass sie in mich hineinwachsen und sich in mir entfalten würden. Ich erkläre ihr, dass dieses Geheimnis nur mir und ihr bekannt sei und dass man es auch nicht sehen, sondern nur fühlen und nur mit der Zunge ertasten kann.»Deine Blume blüht nur in meinem Mund«, flüstere ich ihr zu. Sie lächelt. Es ist vier Jahre her. Aber ich denke immer noch daran. An der Ampel in der Nähe des Josephplatzes oder zu Hause morgens unter der Dusche. Gabriela vor der Metalltür, die zur Tiefgarage führt. Die ganze Fahrt in mäandernden Bewegungen durch das Labyrinth der sexuellen Versteckspiele zwischen Gabriela und mir, die niemals irgendwo hinführen und kein Ende nehmen.»Das sind Blumen.«»Was?«»Ja, die da. «Ich zeige auf ihre linke Brustwarze.»Hä? Was?«Sie gibt ein glucksendes Geräusch von sich.»Ich meine«, sage ich, während ich mich aufrichte,»es sind Blumen, aber man kann sie nicht sehen, nur wir zwei. Willst du nicht mal … «Ich schaue sie an. Sie riecht nach nichts, ihr Körper ist von einer Perfektion, die etwas Klinisches hat. Und wie sie immer wieder sagt:»Ist das nicht schlimm? Ist das nicht schlimm, was wir hier machen?«Ihre Haut erscheint mir weich und hart zugleich. Und vielleicht schmerzt mich die Erinnerung deswegen, bohrt sich diese Erinnerung deswegen geradewegs in mich hinein.»Ich wünsche mir so sehr, dass du glücklich bist«, sagt sie. Ich erinnere mich an sie, morgens zwischen sieben und acht, zwischen acht und neun. In meiner Verzweiflung schaffe ich es nicht herauszufinden, ob meine sexuelle Fixierung auf sie nicht doch einen emotionalen Kern hat. Wenn ich sie also gerade zu diesem Zeitpunkt, zu dieser Tageszeit begehre, muss das doch bedeuten, dass die Gefühle für sie von so großer Kraft sind, dass sie den Morgen besiegen und den morgendlichen Horror überwinden. Dass sie also irgendwie wahr sein müssen. Eingeklemmt zwischen einem Schuhdiscounter und einer Papeterie liegt ihr kleiner Verkaufsraum. Abends schiebt sie die großen rahmenlosen Glastüren auf ihren in den Boden eingelassenen Schienen vor ihr beschämend schönes Lächeln.»Bist du glücklich?«, fragt sie. Die schwere Metalltür der Tiefgarage, der schmale schwarze Lackgürtel auf dem staubigen Betonboden zwischen ihren Beinen.»Du hast mich überall vollgespuckt«, sagt sie später, bei unserem rituellen abendlichen Telefonat, das wir führen, bevor ich die Praxis verlasse und bevor ihr Freund, der als Fernmeldetechniker bei der Telekom arbeitet, nach Hause kommt. Ich erinnere mich an sie. Von acht bis neun. Oder um sieben Uhr fünfunddreißig. Ihr Körper ähnelt dem von Manuel Torres, dem mittleren der drei Porno-Darsteller, der jetzt die meiste Aufmerksamkeit bekommt. Und was soll das um Gottes willen heißen? Was um Himmels willen soll das bedeuten? Ich denke es im Grunde ganz unschuldig. Auf dem Dampfer auf dem Hudson River. Die Stadt New York wie ein großer silberner Schrein, der immer heller und glänzender wird. Ich sehe Mads Christiansen. Er tanzt in der Mitte des Decks, von mehreren jungen Männern mit nacktem Oberkörper umgeben. Er tanzt mit geschlossenen Augen, rudert mit den Armen, die flach ausgestreckten Hände wie kleine Segel zwischen den anderen um ihn herumtanzenden Körpern. Er tanzt wie ein stählerner, blitzender Propeller, seine vom Schweiß glänzenden Hände schneiden in die Luft. Sein Körper duckt sich, taucht weg, schraubt sich dann wieder nach oben. Ich kämpfe mich langsam zu ihm durch, um ihn zu fragen, ob wir nicht einfach in Staten Island von Bord gehen sollen. Wir könnten irgendwo essen, und danach würde ich zu Judith fahren. Aber es ist nicht Mads Christiansen. Ich habe ihn mit jemand verwechselt.»He«, ruft plötzlich der Schnauzbärtige und wirft die Arme hoch. Er hat sein Unterhemd ausgezogen.»Wie geht es dir? Wie fühlst du dich?«