»Ich danke dir, Auraya von den Weißen«, erwiderte Raeli. Dann schaute sie sich eingehend um, betrachtete die Halle des Lagerraums und den Flur, der davon abzweigte. »Warum hast du mich hierhergebracht?«
Auraya lachte leise. »Du kommst direkt zur Sache. Das gefällt mir an dir.«
Sie gab Raeli ein Zeichen, ihr zu folgen, dann ging sie langsam den Flur hinunter. »Jarime ist eine große Stadt, und sie wird immer größer. Bis jetzt mussten die Kranken, wenn sie die Hilfe der zirklischen Heiler benötigten, in den Tempel kommen oder jemanden dorthin schicken, um einen Heilerpriester zu holen.« Sie deutete auf die leeren Räume. »Für manche Menschen ist das ein weiter Weg. Daher werden wir dieses Gebäude in ein Hospiz verwandeln.«
Raeli dachte über diese Neuigkeit nach. Es ist eine gute Idee, ging es ihr durch den Kopf. Es wird langsam Zeit, dass die Zirkler sich besser um die Armen kümmern, die in diesem Bezirk leben. Die Entfernung zum Tempel ist ein Problem, das manche Menschen überwinden, indem sie stattdessen zu uns Traumwebern kommen… Wollen die Zirkler uns unsere Tradition stehlen? Warum hat Auraya mich hierhergebeten, um mir das zu sagen? Irgendwie müssen ihre Pläne mit den Traumwebern zusammenhängen. Plötzlich stieg Argwohn in ihr auf.
»Was willst du von uns?«, platzte sie heraus.
Auraya blieb am Eingang des Raums stehen, der nach Leder roch, und drehte sich zu der Traumweberin um. »Ich möchte deine Leute einladen, sich uns anzuschließen. Traumweber und Heilerpriester sollten zusammenarbeiten. Ich würde gern sagen, zum ersten Mal, aber es ist schon früher geschehen.«
Raeli runzelte die Stirn. »Wann?«
»Nach der Schlacht.«
Die Traumweberin sah Auraya durchdringend an. Sie geben also zu, dass wir nützlich waren, dachte sie. Es wäre schön gewesen, wenn sie uns gedankt hätten. Oder wenn wir irgendeine Art von Anerkennung für unsere Arbeit bekommen hätten… Aber ich nehme an, dies ist eine Anerkennung. Ihre Skepsis verebbte für einen Moment, und ein Hoffnungsfunke flammte in ihr auf.
Auraya wandte den Blick ab. »Es besteht natürlich die Möglichkeit, dass es nicht funktioniert. Mehrere Heilerpriester haben sich erboten, hier mit euch zu arbeiten, aber vielleicht werden sie feststellen, dass sie weniger tolerant und offen sind, als sie glauben. Oder die Kranken, die hierherkommen, könnten eure Hilfe ausschlagen. Ich bezweifle, dass es uns gelingt, hundert Jahre alte Vorurteile binnen weniger Wochen, Monate oder sogar Jahre zu überwinden. Aber«, sie zuckte die Achseln, »wir können es versuchen.«
Die Traumweberin ging in den gegenüberliegenden Raum und rümpfte die Nase über den Geruch, der dort in der Luft lag.
»Ich kann nicht für meinen Orden sprechen. Das ist eine Entscheidung, die die Ältesten treffen müssen.«
»Natürlich.«
Raeli blickte zu Auraya hinüber. »Dieses Gebäude wird gründlich gereinigt werden müssen.«
Auraya lächelte kläglich. »Einige Räume befinden sich in einem schlimmeren Zustand als andere. Möchtest du dich ein wenig umsehen?« Sie las die Antwort in Raelis Gedanken. »Dann komm. Ich zeige dir das Haus – und erzähle dir von meinen Plänen für den Umbau. Ich würde gern deine Meinung darüber hören, auf welche Weise wir die Wasserversorgung verändern sollten.«
Auraya beschrieb der Traumweberin, wie man sowohl kaltes als auch erwärmtes Wasser durch Rohre in verschiedene Teile des Gebäudes leiten konnte. Jeder Raum würde mit einem Abflussrohr versehen werden, mit dessen Hilfe er sich leichter sauber halten lassen würde. Es gab eigene Räume für Operationen und Lagerräume für Medikamente und Instrumente. Raeli machte mit leiser Stimme einfache Vorschläge und dachte regelmäßig an ältere, erfahrenere Traumweber, die in dieser Situation die besseren Ratgeber wären.
Als sie jeden Raum erkundet hatten, kehrten sie in die Haupthalle zurück. Raeli war still und nachdenklich und überlegte, dass sie stets über den Titel eines Traumweberratgebers gelacht hatte, weil sie nicht geglaubt hatte, dass die Weißen jemals ihren Rat beachten würden. Dann blickte sie plötzlich zu Auraya auf.
»Hast du etwas von Leiard gehört?«
Auraya zuckte zusammen und sah Raeli überrascht an. »Nein«, zwang sie sich zu antworten. »Und du?«
Raeli schüttelte den Kopf. Auraya erspürte die Gedanken der Frau und begriff, dass Leiard nicht nur aus ihrem eigenen Leben verschwunden war. Kein Traumweber hatte ihn seit der Schlacht gesehen. Die Traumweberälteste, Arleej, machte sich Sorgen um ihn und hatte alle Traumweber gebeten, ihr Bericht zu erstatten, falls er gesehen werden sollte.
Ein Stich der Sorge und des Schuldgefühls durchzuckte sie. War er vor der Welt geflohen, weil er befürchtete, Juran oder die Götter könnten ihn dafür bestrafen, dass er es gewagt hatte, ihr Geliebter zu werden? Oder befolgte er lediglich Jurans Anweisungen? Aber Juran hatte gesagt, dass er Leiard lediglich befohlen habe, fortzugehen, nicht vollends zu verschwinden.
Er hat Leiard auch nicht befohlen, mit einer Hure zu schlafen, rief sie sich ins Gedächtnis. Sie ging auf den Flur zu, und Raeli folgte ihr. Er muss gewusst haben, dass ich seine Gedanken lese, wenn ich ihm das nächste Mal begegne – wann immer das sein mag -, und dass ich bei dieser Gelegenheit von seiner Treulosigkeit erfahren werde.
Aber er war zu dem Schluss gekommen, dass ihre Beziehung vorüber sei, also war er ihr im Grunde auch nicht untreu gewesen, ging es ihr durch den Kopf. Das wäre vielleicht noch verzeihlich gewesen, wenn wir uns längere Zeit nicht gesehen hätten, aber wir waren nur einen Tag voneinander getrennt. Sie unterdrückte ein Seufzen. Hör auf, darüber nachzudenken, befahl sie sich. Das führt nirgendwohin.
Auraya öffnete die Türen und trat hinaus ins Sonnenlicht. Zwei Plattans warteten vor dem Haus: der gemietete, der Raeli hierhergebracht hatte, und der weiß-goldene, mit dem Auraya gefahren war. Sie wandte sich zu Raeli um.
»Ich danke dir, dass du gekommen bist, Traumweberratgeberin Raeli.«
Raeli neigte leicht den Kopf. »Es war mir ein Vergnügen, Auraya von den Weißen. Ich werde deinen Vorschlag an Traumweberin Arleej weitergeben.«
Auraya nickte. Sie sah zu, wie Raeli in den Plattan stieg. Als der Wagen davonholperte, erinnerte sie sich plötzlich an ein bestimmtes Geräusch: an das Knarren einer Feder, wenn man eine Tierfalle aufstellte. Ich bin wie eine Jägerin, dachte sie. Ich weiß, dass ich meine Fallen zum Wohle anderer stelle, aber es gefällt mir nicht besonders. Emerahl hielt einen Eimer unter den Wasserfall und wartete, bis er gefüllt war. Obwohl sie das Gefäß nur an den Rand des Wasserfalls hielt, war die Gewalt, mit der das Wasser herabstürzte, so groß, dass ihr Arm davon schmerzte.
Sie hatte den größten Teil der vergangenen Tage darauf verwandt, die Höhle zu einem behaglichen Heim zu machen. Sie hatte einen kleinen Baum gefällt, ihn zerlegt und mehrere Holzstücke zusammengebunden, um zwei schlichte Betten und einen Wandschirm anzufertigen, hinter dem sie und Mirar ihre Notdurft verrichten konnten. Zur Entsorgung ihrer Hinterlassenschaften und für den Transport von Trinkwasser hatte sie aus dem Baumstamm auch mehrere hölzerne Eimer geschnitzt.
Da Mirar innerhalb des Leeren Raums bleiben musste, fiel es ihr zu, Wasser zu holen und Nahrung zu sammeln – aber das war eine Aufgabe, der sie mit Freuden nachkam. Der Wald war ein Ort der Fülle, mit essbaren Pflanzen, Tieren und Pilzen. Es hatte sich nur wenig verändert, seit sie das letzte Mal hier gewesen war. Ohne Magie und hunderte von Jahren gesammelten Wissens wäre das Leben hier schwieriger gewesen. Und gefährlicher.
Es gab ebenso viele giftige wie ungiftige Pflanzen im Wald. Emerahl hatte mehrere wunderschöne, giftige Insekten gesehen, aber sie lauerten in Nischen und Löchern, in die nur ein Narr die Hand schieben würde. Die größeren Raubtiere wie Leramer oder Worns hätten vielleicht ein Problem dargestellt, hätte sie nicht über Magie geboten, mit denen sie sie abwehren konnte. Sie wusste um die betörende Wirkung der Schlafrebe, die einen telepathischen Ruf benutzte, um Tiere dazu zu verlocken, sich auf ihren Teppich aus weichen Blättern zu betten, während sie sie langsam in einem Griff umschlang, der sie zu guter Letzt erstickte und verstümmelte. Emerahl war vor langer Zeit einem Pflanzenzüchter begegnet, der Reichtümer damit angehäuft hatte, eine schwächere Zwergvariante der Pflanze an vornehme Herren und Damen zu verkaufen, die Probleme mit dem Schlafen hatten.