«Er ist ein Snob, daß er Eton nimmt.«
«Mag sein, aber Marlborough kostet auch nicht viel weniger.«
«Und wenn es Donald und Helen sind, die versucht haben, mich umzubringen?«
«Hätten sie Geld genug, kämen sie nicht in Versuchung.«
«Das hast du schon mal gesagt, oder etwas Ähnliches.«
«Nichts hat sich geändert.«
Malcolm schaute aus dem Fenster des langen Wagens, während wir zwischen den Hügeln von Bel Air zur Rennbahn chauffiert wurden.
«Siehst du die Häuser, die dort an den Felswänden in der Luft hängen? Wer so lebt, muß doch verrückt sein — so über dem Abgrund.«
Ich lächelte.»Du lebst so«, sagte ich.
Er mochte die Rennbahn von Santa Anita auf Anhieb, und ich auch; es wäre schwer gewesen, sie nicht zu mögen. Königspalmen ragten an den Toren dreißig Meter in die Höhe, lauter blanke Stämme bis auf die krönenden Federbüsche, grüne Wedel gegen den blauen Himmel. Die Gebäude waren mit Türmen und Türmchen versehen, meergrün in der Farbe, ein metallenes Flechtwerk aus stilisierten Palmblättern zog sich an den Balkonen entlang, und goldene Läden schützten die nach hinten gehenden Fenster. Auf den ersten Blick ähnelte das Ganze eher einem Schloß als einer Rennbahn.
Ramsey Osborn hatte Malcolm mit Richtlinien und Empfehlungen eingedeckt, und wie stets wurde Malcolm auf der Mitgliedertribüne als verwandter Geist begrüßt. Er war von der ersten Minute an heimisch, gehörte zur Szene, als wäre er hineingeboren. Ich beneidete ihn um seine Ungezwungenheit und wußte selbst nicht, woher ich sie nehmen sollte. Vielleicht machte es die Zeit. Vielleicht die Millionen. Vielleicht das Gefühl, etwas erreicht zu haben.
Während er sich lässig mit beinah Fremden (und demnächst Kumpeln) über die Kreuzung europäischer und amerikanischer Linien bei Vollblütern unterhielt, dachte ich an das Telefongespräch, das ich Montag bei Tagesanbruch mit Kommissar Yale geführt hatte. Wegen der acht Stunden Zeitunterschied war es bei ihm schon Nachmittag, und ich hielt es für unwahrscheinlich, daß ich ihn im ersten Anlauf erreichen würde. Doch er war da und kam mit unverhohlener Gereiztheit an den Apparat.
«Sie haben sich seit einer Woche nicht gemeldet.«
«Ja, tut mir leid.«
«Wo sind Sie?«»In der Nähe. «Seine Stimme klang mir so deutlich, als wäre er im Nebenzimmer, und meine ihm vermutlich auch, da er nicht ahnte, daß ich außerhalb Englands war.»Ich habe meinen Vater gefunden«, sagte ich.
«Oh. Gut.«
Ich teilte ihm mit, wo Malcolm die Zündkapseln verwahrt hatte.»Auf dem Raritätenladen sinnigerweise.«
Ein fassungsloses Schweigen trat ein.»Das darf doch nicht wahr sein«, sagte er.
«Die Bücher sind durchweg alte und ledergebundene Klassiker in Gesamtausgaben. Dichter, Philosophen, Romanciers, vor Jahren von meiner Großmutter gekauft. Hin und wieder durften wir alle mal ein Buch zum Lesen ausleihen, aber wir mußten es zurückstellen. Mein Vater hatte uns darauf dressiert.«
«Soll das heißen, daß jeder, der ein Buch aus dem Schrank genommen hat, die Zünder gesehen haben könnte?«
«Ja, ich nehme es an, wenn sie zwanzig Jahre da lagen.«
«Wußten Sie, daß sie dort waren?«
«Nein, ich hatte mit solchen Büchern nicht viel am Hut. Bin meistens geritten.«
Lucy, dachte ich, war als Teenager in die Dichter eingetaucht wie ein Fisch ins heimatliche Meer, aber vor zwanzig Jahren war sie zweiundzwanzig gewesen und hatte schon an ihrer eigenen Unsterblichkeit gearbeitet. Wir anderen waren keine Gelehrten. Manche von Großmutters Büchern waren niemals aufgeschlagen worden.
«Unglaublich. Wenn jemand vorhatte, eine Bombe zu basteln, waren die Zünder gleich zur Hand«, schimpfte Yale.
«Umgekehrt, meinen Sie nicht? Die vorhandenen Zünder werden zur Idee mit der Bombe geführt haben.«
«Der Fundus an allgemein Bekanntem und allgemein Gültigem in Ihrer Familie ist unerhört«, sagte er.»Niemand hat nachweislich besonderen Zugang zu Sprengstoffen. Niemand hat ein stichhaltiges Alibi… außer Mrs. Ferdinand… Jeder kann eine Schaltuhr bauen, und fast alle haben sie ein Motiv.«
«Irritierend«, gab ich zu.
«Das ist das falsche Wort«, meinte er säuerlich.»Wo ist Ihr Vater?«
«In Sicherheit.«
«Sie können sich nicht auf ewig versteckt halten.«
«Rechnen Sie in den nächsten ein, zwei Wochen nicht mit uns. Wie stehen Ihre Aussichten, den Fall zu lösen?«
Die Ermittlungen dauerten an, meinte er steif. Falls ich auf weitere Informationen stieße, sollte ich sie bitte an ihn weitergeben.
Selbstverständlich würde ich das tun.
«Als ich jünger war«, sagte er zu meiner Überraschung,»dachte ich, ich hätte eine Nase für Schurken, ich würde sie immer erkennen. Aber seither sind mir Betrüger begegnet, denen ich mein Erspartes anvertraut hätte, und Mörder, die ich mit meiner Tochter verheiratet hätte. Mörder können aussehen wie harmlose Durchschnittsmenschen. «Er hielt inne.»Weiß Ihre Familie, wer Moira Pembroke umgebracht hat?«
«Ich glaube nicht.«
«Bitte erläutern Sie«, sagte er.
«Einer oder zwei haben vielleicht einen Verdacht, aber den teilen sie nicht mit. Ich habe mit allen gesprochen. Keiner hat auch nur eine Vermutung angestellt. Keiner hat jemanden beschuldigt. Sie wollen es nicht wissen, nicht damit konfrontiert werden; sie wollen das Unglück nicht.«
«Und Sie?«
«Ich will das Unglück auch nicht, aber ebensowenig will ich, daß mein Vater oder ich ermordet werden.«»Glauben Sie, Sie sind in Gefahr?«
«O ja«, sagte ich. »In loco Moira.«
«Als der Haupterbe?«
«So ungefähr. Nur bin ich nicht Haupterbe, ich bin gleichgestellt. Mein Vater hat das in einem neuen Testament so verfügt. Ich habe es der Familie gesagt, aber sie glaubt mir nicht.«
«Legen Sie das Testament vor. Zeigen Sie es ihnen.«
«Gute Idee«, sagte ich.»Danke.«
«Und Sie«, er hielt inne,»wissen Sie Bescheid?«
«Wissen? Nein.«
«Was vermuten Sie denn?«
«Vermuten und beweisen ist zweierlei.«
«Ich darf Sie vielleicht daran erinnern, daß Sie verpflichtet sind…«
«Ich bin nicht verpflichtet«, unterbrach ich ohne Schärfe,»etwas übers Knie zu brechen. Meine Pflicht gegenüber meiner Familie ist, entweder das Richtige zu tun oder gar nichts.«
Ich sagte ihm recht bestimmt auf Wiedersehen und schloß aus seinem Tonfall wie aus seinen Worten, daß die Polizei nicht mehr Informationen hatte als ich, vielleicht noch weniger. Es war ihnen (falls sie es versucht hatten) nicht gelungen, festzustellen, woher die graue Plastikuhr kam oder wer sie gekauft hatte, und soweit ich sehen konnte, war das ihr einziger Anhaltspunkt — ein ziemlich hoffnungsloser Fall. Es war eine billige Serienuhr gewesen, wahrscheinlich in Massen verkauft.
Malcolm sagte auf einer unserer Autofahrten, nachdem ich ihm von Vivien erzählt hatte:»Weißt du, Vivien hatte auch diesen Tick mit den Söhnen.«
«Aber sie hat doch zuerst einen Sohn bekommen. Sie hat sogar zwei.«»Ja, aber ehe Donald auf die Welt kam, sagte sie, sie würde das Baby nicht ansehen, wenn’s ein Mädchen wäre. Ich verstand das nicht. Ich hätte gern ein Mädchen gehabt. Viviens Selbstachtung hing völlig davon ab, daß es ein Junge wurde. Sie war besessen davon. Man hätte denken können, sie käme von irgendeinem schrecklichen Volksstamm, wo das allein zählt.«
«Es hat gezählt«, sagte ich.»Und es zählt für Berenice. Jede Besessenheit zählt wegen ihrer Folgen.«
«Vivien hat Lucy nie geliebt, weißt du«, meinte er nachdenklich.»Sie hat sie von sich gestoßen. Für mich war das immer der Grund, weshalb Lucy dick geworden ist und sich in dichterische Phantasien zurückgezogen hat.«