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»Marina!«, schrie ich.

Ich tat einen Schritt nach vorn und klammerte mich instinktiv an einen Metallbogen, um nicht hinunterzustürzen. Er glühte. Ich schrie vor Schmerz auf und zog die Hand zurück. Die schwarze Handfläche rauchte. In diesem Augenblick durchfuhr ein neues Schütteln den Bau, und ich erriet, was geschehen würde. Mit ohrenbetäubendem Getöse stürzte das Theater ein, und nur die Fassade und das nackte Metallskelett blieben noch intakt, ein über die Hölle gespanntes Stahlnetz. In seiner Mitte stand Kolwenik. Ich konnte Marinas Gesicht sehen. Sie lebte. So tat ich das Einzige, was sie retten konnte.

Ich hielt das Fläschchen so in die Höhe, dass Kolwenik es sehen konnte. Er löste Marina von seinem Körper und näherte sie dem Abgrund. Ich hörte sie aufschreien. Dann streckte er mir seine offene Klaue entgegen. Die Botschaft war deutlich. Vor mir befand sich ein Metallträger wie eine Brücke. Ich ging darauf zu.

»Nein, Óscar!«, flehte Marina.

Ich heftete die Augen auf den schmalen Steg und wagte es. Ich spürte, wie sich meine Schuhsohlen bei jedem Schritt mehr auflösten. Der stickige Wind, der vom Feuer aufstieg, brüllte um mich herum. Schritt für Schritt, ohne die Augen vom Steg abzuwenden, wie ein Seiltänzer. Ich schaute nach vorn und erblickte eine entsetzte Marina. Sie war allein! Als ich sie umarmen wollte, erhob sich hinter ihr Kolwenik. Er packte sie von neuem und hielt sie über den Abgrund. Ich zog das Fläschchen hervor und tat ein Gleiches, um ihm zu verstehen zu geben, dass ich es in die Flammen werfen würde, wenn er Marina nicht gehen ließe. Ich erinnerte mich an Ewa Irinowas Worte:»Er wird euch beide umbringen…«So schraubte ich das Fläschchen auf und vergoss einige Tropfen in den Abgrund. Kolwenik schleuderte Marina gegen eine Bronzestatue und stürzte sich auf mich. Mit einem Sprung zur Seite wollte ich ihm ausweichen, und das Fläschchen entglitt meinen Fingern.

Bei der Berührung mit dem glühenden Metall verdampfte das Serum. Kolweniks Klaue packte das Fläschchen, als nur noch wenige Tropfen darin waren. Er umklammerte es mit seiner Metallfaust, so dass es zersplitterte. Seinen Fingern entquollen einige smaragdfarbene Tropfen. Die Flammen beleuchteten sein Gesicht, ein Abgrund an ungezügeltem Hass und Zorn. Da begann er auf uns zuzukommen. Marina ergriff meine Hände und drückte sie fest. Sie schloss die Augen, und ich tat es ihr gleich. In wenigen Zentimeter Entfernung roch ich Kolweniks fauligen Gestank und bereitete mich auf den Schlag vor.

Der erste Schuss pfiff durch die Flammen. Ich öffnete die Augen und sah Ewa Irinowa nähergehen, wie auch ich es getan hatte. Sie hielt den Revolver in die Höhe. In Kolweniks Brust tat sich eine Rose schwarzen Blutes auf. Der zweite Schuss, aus der Nähe, zerschmetterte eine seiner Hände. Der dritte traf die Schulter. Ich zog Marina weg. Wankend wandte sich Kolwenik Ewa zu. Die Dame in Schwarz ging langsam weiter, die Waffe erbarmungslos auf Kolwenik gerichtet. Ich hörte ihn stöhnen. Der vierte Schuss riss ihm den Bauch auf, der fünfte und letzte ein schwarzes Loch zwischen die Augen. Eine Sekunde später sackte er in die Knie. Ewa Irinowa ließ den Revolver fallen und eilte zu ihm.

Sie umschlang ihn mit den Armen und wiegte ihn. Beider Augen trafen aufeinander, und ich sah sie dieses ungeheuerliche Gesicht liebkosen. Sie weinte.

»Bring deine Freundin von hier weg«, sagte sie, ohne mich anzuschauen.

Ich nickte. Ich führte Marina über den Träger zum Gesims zurück. Von dort gelangten wir aufs Dach des Theateranbaus und konnten uns vor dem Feuer in Sicherheit bringen. Bevor wir außer Sichtweite waren, wandten wir uns noch einmal um. Die Dame in Schwarz hielt Michail Kolwenik in den Armen. Ihre Silhouetten zeichneten sich in den Flammen ab, bis das Feuer sie ganz einhüllte. Ich glaubte zu sehen, wie sich ihre Asche im Wind zerstreute und über Barcelona schwebte, bis das Morgengrauen sie für immer davontrug.

Am nächsten Tag sprachen die Zeitungen vom größten Brand in der Geschichte der Stadt, von der Vergangenheit des Gran Teatro Real und wie sein Verschwinden das letzte Echo eines verlorenen Barcelonas auslöschte. Die Asche hatte eine Decke über das Hafenwasser gelegt. Sie fiel weiter auf die Stadt bis zur Dämmerung. Vom Montjuïc aus aufgenommene Fotos zeigten den dantesken Anblick eines infernalischen Feuers, das zum Himmel aufstieg. Die Tragödie erschien in einem neuen Licht, als die Polizei bekanntgab, vermutlich hätten Arme das Haus bewohnt und mehrere von ihnen seien unter den Trümmern eingeklemmt worden. Über die Identität der beiden verkohlten Leichen, die in enger Umarmung an der Spitze der Kuppel gefunden wurden, erfuhr man nichts. Wie Ewa Irinowa vorhergesagt hatte, war die Wahrheit in Sicherheit vor den Menschen.

Keine Zeitung erwähnte die alte Geschichte von Ewa Irinowa und Michail Kolwenik, sie interessierte niemanden mehr. Ich erinnere mich an diesen Morgen mit Marina vor einem der Kioske auf den Ramblas. Die erste Seite von La Vanguardia titelte über fünf Spalten:

BARCELONA BRENNT !

Neugierige und Frühaufsteher kauften die erste Ausgabe und fragten sich, wer den Silberhimmel glasiert haben mochte. Langsam gingen wir Richtung Plaza de Cataluña davon, während es um uns herum weiter Asche regnete wie tote Schneeflocken.

25

In den Tagen nach dem Brand des Gran Teatro Real wurde Barcelona von einer Kältewelle heimgesucht. Zum ersten Mal seit vielen Jahren lag die Stadt vom Hafen bis zum Gipfel des Tibidabo unter einer Schneedecke. In Gesellschaft von Marina und Germán verbrachte ich Weihnachtstage voller unausgesprochener Gedanken und ausweichender Blicke. Marina erwähnte das Vorgefallene kaum und mied den Kontakt mit mir immer mehr, blieb in ihrem Zimmer und schrieb. Um die Zeit totzuschlagen, spielte ich im großen Salon vor dem wärmenden Kamin mit Germán unendliche Partien Schach. Ich sah es schneien und wartete auf den Moment, wo ich mit Marina allein wäre. Ein Moment, der nie kam.

Germán gab vor, nicht zu bemerken, was vorging, und unterhielt sich mit mir, um mich aufzumuntern.

»Marina sagt, Sie wollen Architekt werden, Óscar.«

Ich nickte, obwohl ich nicht wusste, was ich wirklich wollte. Die Nächte verbrachte ich schlaflos, indem ich die Teile der Geschichte neu zusammensetzte, die wir erlebt hatten. Ich versuchte, das Gespenst von Kolwenik und Ewa Irinowa aus meinem Gedächtnis zu verbannen. Mehr als einmal dachte ich daran, den alten Dr. Shelley aufzusuchen und ihm zu erzählen, was geschehen war. Doch es fehlte mir der Mut, vor ihn hinzutreten und ihm zu berichten, wie ich die Frau, die er als seine eigene Tochter großgezogen hatte, hatte sterben oder seinen besten Freund hatte brennen sehen.

Am letzten Tag des Jahres gefror der Brunnen im Garten. Ich fürchtete mich vor dem Ende meiner Tage mit Marina. Bald würde ich wieder ins Internat zurückkehren müssen. Den Silvesterabend verbrachten wir im Kerzenlicht und hörten die fernen Glockenschläge der Kirche auf der Plaza de Sarriá. Draußen schneite es weiter, und ich hatte den Eindruck, die Sterne seien ohne Vorankündigung vom Himmel gefallen. Um Mitternacht stießen wir flüsternd an. Ich suchte Marinas Augen, doch ihr Gesicht zog sich ins Halbdunkel zurück. In dieser Nacht versuchte ich herauszufinden, was ich getan oder gesagt haben mochte, um eine solche Behandlung zu verdienen. Im anliegenden Zimmer konnte ich ihre Gegenwart erfühlen. Ich stellte mir vor, wie sie wach dalag, eine Insel, die in der Strömung davonschwamm. Ich klopfte an die Wand, rief – umsonst, ich bekam keine Antwort.