»Mikhail will nicht, daß wir weiterfahren, bis sie wissen, ob sich wirklich ein Sandsturm entwickelt«, sagte Connors, während er in seinen aus Konzentrat zubereiteten Eiern und dem Sojaschinken lustlos herumstocherte.
»Soll mir recht sein«, sagte Ilona. »Ich glaube, wir sind sowieso nicht in der Verfassung, sehr viel zu tun.«
»Geht es dir immer noch so schlecht?« fragte Jamie.
»Schrecklich. Und dir?«
»Ziemlich mies. Aber ich finde, wir könnten wenigstens rausgehen und noch ein paar Proben sammeln. Was ist mit dir, Joanna?«
Sie sah elend aus: blaß und rotäugig. Unter ihren Augen waren dunkle Ringe. Ilona sah noch schlimmer aus: hager und hohlwangig. Jamie wußte, daß er selber auch eingefallene Wangen und ein schrecklich müdes Gesicht hatte.
»Wir kommen nicht drum herum. Wir werden Reed Bescheid sagen müssen.«
Jamie nickte widerstrebend. »Wie wär’s, wenn wir eine Tiefbohrung machen würden, solange wir hier festsitzen?«
»Hat keinen Sinn, den Motorbohrer rauszuholen, wenn wir ihn wieder abbauen und wegpacken müssen, sobald der Sturm losgeht. Wir sind sowieso nicht gerade in der Verfassung, gerade jetzt schwere Arbeiten zu erledigen.«
»Aber wenn es keinen Sturm gibt, haben wir den ganzen Tag vergeudet.« Jamie merkte, daß er sich allmählich wie Patel anhörte. Aus dem gleichen Grund: Ihm wurde wertvolle Zeit gestohlen, Zeit, die er brauchte, um seine Arbeit zu tun.
»In ein oder zwei Stunden müßten wir wissen, ob es einen Sturm geben wird«, meinte Connors.
»Kann sein«, sagte Jamie. »Kann aber auch sein, daß Toshima bloß unüberlegt irgendwas losgetreten hat.«
»Soll ich Mikhail fragen?«
Jamie wußte, daß Wosnesenski einfach wiederholen würde, was er bereits gesagt hatte: Bleibt im Rover, wo ihr in Sicherheit seid, und geht keine Risiken ein.
Joanna aß verbissen ihr Frühstück auf. Sie löffelte die letzten Happen geeistes Obst zum Nachtisch in sich hinein. »Ich kann den Tag ja wenigstens für die Untersuchung der Gesteins- und Bodenproben nutzen, die wir gestern mitgebracht haben«, sagte sie.
Ilona murmelte: »Ich helfe dir. Ich glaube, das schaffe ich. Die mit den leuchtend orangefarbenen Intrusionen sehen interessant aus.«
»Wie Jamies grüner Stein?« Joanna zwang sich zu einem Lächeln.
Ilona lächelte zurück. »Die hier sind orange.«
Jamie sagte: »Es wäre nett, wenn ihr zuerst die Kernproben analysieren würdet.«
»Nicht die Steine?«
Er schüttelte den Kopf, aber bei der Bewegung schossen ihm neue Schmerzen durch den Schädel. »Aus dem Boden kommen Wärme und Wasser herauf und erzeugen auf irgendeine Weise den Frühnebel. Ich glaube, die Kernproben haben uns mehr zu sagen als bunte Steine.«
Joanna legte den Kopf ein wenig schief. »Wenn du es wünschst«, sagte sie, aber es klang nicht überzeugt.
»Ich rufe Reed an«, sagte Connors und schlüpfte hinter dem Tisch hervor.
Und ich bleibe hier sitzen wie ein Idiot und drehe Däumchen. Das Labormodul war zu klein, als daß sie alle drei gleichzeitig darin hätten arbeiten können. »Dann werde ich wohl mal aufräumen«, sagte er.
Die Frauen gingen nach hinten zur Luftschleuse und durch sie hindurch ins Labormodul. Connors war bereits vorn im Cockpit und rief Reed an. Jamie stand allein an dem schmalen Tisch, auf dem die Überreste ihres Frühstücks herumlagen, und spürte einen dumpfen Schmerz in den Gelenken und ein ekliges Pochen im Kopf.
Das kann keine Grippe sein, sagte er sich. Wenn es die Grippe oder eine andere ansteckende Krankheit wäre, hätten wir sie schon vor Monaten bekommen. Es ist etwas, das wir uns hier geholt haben, etwas vom Mars. Das ist die einzige Möglichkeit.
Er erinnerte sich an seinen Traum und erschauerte.
Er hat die Katze aus dem Sack gelassen, sagte sich Tony Reed, als er das Gesicht von Pete Connors auf seinem Kommunikationsbildschirm betrachtete. Bilde ich es mir nur ein, oder ist er ganz blaß geworden?
Der Astronaut schwitzte stark, das sah Reed sofort. Seine Augen waren blutunterlaufen, und er sprach ein bißchen langsamer als sonst. Und er hatte berichtet, daß sich alle vier Personen im Rover krank fühlten. Das kann Wosnesenski nicht vor Li geheimhalten. Ganz egal, wie gern Mikhail Andrejewitsch diese Sache vertuschen würde, Connors hat alles ausgeplaudert.
»Und Sie sagen, es geht euch allen vieren ähnlich?« fragte Reed.
»So ziemlich«, bestätigte Connors. »Ilona scheint es am schlimmsten erwischt zu haben. Jamie ist noch in der besten Verfassung — oder zumindest klagt er nicht so viel.«
Der stoische Indianer. Er würde wahrscheinlich auch dann keinen Piepser von sich geben, wenn man ihn am Marterpfahl rösten würde.
»Leidet jemand unter Appetitlosigkeit?« fragte er laut und sachlich.
Connors runzelte nachdenklich die Stirn. »Kommt mir nicht so vor«, sagte er dann. »Aber wir sind alle so verdammt müde, daß man’s kaum mit Worten ausdrücken kann.«
»Hm, ja.« Reed nagte einen Augenblick an seiner Unterlippe. »Und ihr nehmt eure Vitaminpräparate ein?«
»Ja, Sir. Ich sorge dafür, daß sie alle jeden Morgen die Pillen nehmen.«
»Ihr seid erst zwei Tage unterwegs«, murmelte Reed, »da kann es eigentlich keine Mangelerkrankung sein …«
»Es fühlt sich an, als würden wir alle die Grippe oder so was ähnliches kriegen«, erklärte Connors unaufgefordert.
»Ich verstehe.« Reed kratzte sich am Kinn, befingerte seinen bleistiftdünnen Schnurrbart, strich sich die sandfarbenen Haare glatt. Dieselben Symptome zeigten sich auch in der Kuppel.
»Es ist schwierig für mich, aus der Ferne viel für euch zu tun«, sagte er zu Connors. »Ich fürchte, es wäre das Beste, wenn ihr euch auf den Rückweg machen würdet, bevor es noch schlimmer wird.«
»Aber wir sind gerade erst angekommen! Laut Plan sollten wir eine Woche im Canyon verbringen …«
»Nicht, wenn ihr alle krank seid.« Wosnesenski würde einsehen müssen, daß es nicht anders ging, sagte sich Reed. Schließlich habe ich als der hiesige Sanitätsoffizier die Befugnis, ihnen den Rückkehrbefehl zur Basis zu geben. Selbst wenn der Russe Einwände erhebt.
»Vielleicht, wenn wir alle eine ordentliche Dosis Antibiotika einnehmen würden?«
»Ich bezweifle, daß das hilft.«
»Geben Sie uns wenigstens noch einen Tag. Wir fahren heute nirgend wohin, wenn dieser Sturm ausbricht. Sehen wir mal, was sich in den nächsten vierundzwanzig Stunden tut.«
Reed musterte das ernste, nervöse Gesicht des Astronauten. Connors fleht mich ja geradezu an. Ich bin der Arzt des Teams. Ich sollte wissen, was zu tun ist. Ich sollte damit fertigwerden können. Wenn ich ihnen jetzt den Befehl zur Rückkehr gebe, wird Wosnesenski wütend sein. Höchstwahrscheinlich wird er denken, es wirft ein schlechtes Licht auf ihn.
»Ich muß es Wosnesenski melden, das ist Ihnen doch klar«, sagte er.
»Ja. Ich weiß.«
»Dieses Gespräch wird automatisch vom Orbiter überwacht. Und von Kaliningrad.«
Connors nickte bedrückt.
Reed schürzte die Lippen, als dächte er gründlich und sorgfältig nach. Schließlich sagte er: »Ich werde Mikhail Andrejewitsch empfehlen, euch für die nächsten vierundzwanzig Stunden dort zu lassen, wo ihr seid. Eine Dosis Breitband-Antibiotikum wird euch nicht schaden; ich schicke genaue schriftliche Anweisungen über die Computerverbindung. Dann wollen wir sehen, wie es euch morgen früh geht.«
»Okay! Prima!« Der Astronaut war so dankbar wie ein junger Hund für einen Happen.
Reed beendete das Gespräch, rief dann seine medizinische Computerdatei auf und verschrieb ihnen das Antibiotikum. Er stemmte sich langsam und widerstrebend vom Stuhl hoch. Ich muß die Sache mit Wosnesenski klären, sagte er sich. Mir bleibt nichts anderes übrig, als mich in die Höhle des Löwen zu wagen. Trotzdem hatte er Angst vor der Konfrontation.