Выбрать главу

»Ich liebe dich, Mama.«

»Beschütze deinen Vater. Denk daran.«

»Ich verspreche es, Mama.«

Das waren die letzten Worte ihrer Mutter. Joanna hielt ihr Versprechen. Sie wurde das Schutzschild ihres Vaters gegen jede Ablenkung von seinem großen Ziel, das ihn voll in Anspruch nahm. Besonders gegen jede weibliche Ablenkung. Joanna ging auf das College, an dem ihr Vater lehrte. Sie reiste mit ihm um die Welt. Sie führte ihm den Haushalt. Und sie selbst nahm sich nie wieder einen Liebhaber.

SOL 3

ABEND

Als sie in die Kuppel zurückkehrten, waren ihre Anzüge und alles, was sie bei sich hatten, mit rotem Staub beschmiert.

Trotz ihrer Aufregung über den Stein mit dem grünen Streifen bestand Wosensenski darauf, daß sie sich ans Missionsprotokoll hielten und ihre Anzüge sowie die gesamte Ausrüstung sorgfältig reinigten, bevor sie den Hauptteil der Kuppel betraten. Der Bereich gleich hinter der Luftschleuse, wo die Raumanzüge und die Ausrüstung für die Außenarbeiten untergebracht waren, diente als Reinigungs- und Wartungssektion. Ihre Trennwände reichten bis zum gekrümmten Kuppeldach hinauf.

»Wir werden die biologischen Dekontaminationsverfahren anwenden müssen, wenn wir einheimische Lebensformen gefunden haben sollten«, knurrte Wosnesenski, während er seinen Anzug auszog.

Jamie saugte mit dem zornig summenden kleinen Handgerät den Staub von seinen Stiefeln und dachte: Du würdest noch aus der größten Entdeckung der Geschichte eine lästige Pflicht machen, stimmt’s?

Tony Reed, der an der Tür in der Trennwand stand und die Nase über den säuerlichen Gestank rümpfte, der sich in dem Bereich ausbreitete, beäugte neugierig Joannas Probenbehälter.

»Dann müßten wir diese Sektion mit einer dieser Hüllen, die es in Biologielabors gibt, luftdicht abschließen«, sagte er.

»Das geht nicht«, erwiderte Wosnesenski, während er langsam das Oberteil seines Raumanzugs über den Kopf hob.

Wir sollten uns erst mal ansehen, was wir gefunden haben, dachte Jamie.

Sobald Joanna ihren Anzug abgesaugt hatte, schleppte sie die Behälter zu ihrem kleinen Biologietisch, wo sie eine Isolierbox und ferngesteuerte Greifarme hatte, mit denen sie arbeiten konnte. Der Marsstein würde in einer marsianischen Umgebung bleiben, während sie ihn untersuchte. Ilona und Monique gingen mit ihr.

»Mutter und Töchter«, sagte Naguib leise und schaute ihnen durchs Fenster in der Trennwand nach, als sie zum Bio-Labor marschierten.

»Hera, Athena und Aphrodite«, meinte Reed, der den Blick ebenfalls nicht von den dreien lösen konnte.

Jamie, der es endlich geschafft hatte, seinen Raumanzug abzulegen, war zu müde, um in seine Kabine zu gehen und den Unteranzug auszuziehen. Er saß auf der Bank vor seinem Spind, die Hände auf den Knien, und ließ stumm den Kopf hängen. Seine linke Achselhöhle fühlte sich wund und abgeschürft an. Dort reibt der Anzug, stellte er fest. Ich muß ihn auspolstern, bevor ich ihn wieder anziehe. Der stechende Gestank, der ihm beim Abnehmen des Helms in die Nase gestiegen war, hatte sich mittlerweile verflüchtigt. Oder wir haben uns alle daran gewöhnt, dachte er. Vielleicht ist es der Staub.

»Doktor Malater ist dann wohl Athena«, sagte Naguib. »Sie ist ziemlich groß und athletisch.«

»Ja, und die kleine Joanna ist Aphrodite, oder was meinen Sie?« gab Tony leise zurück. »Sie hat die richtige Figur für eine Sex-Göttin, nicht wahr?«

»Und Doktor Bonnet ist älter, also muß sie Hera sein, die Königin der Götter.«

Tony lächelte den braunhäutigen Ägypter an. »Paßt eigentlich ganz gut, finden Sie nicht?«

Naguib nickte zustimmend, dann fügte er hinzu: »Aber waren es nicht diese drei Göttinnen, die den trojanischen Krieg ausgelöst haben? Wir müssen vorsichtig mit ihnen sein.« Er lachte.

Tony schenkte ihm ein verschmitztes Lächeln. »Vorsichtig, ja, unbedingt. Aber denken Sie daran, daß Göttinnen zornig werden können, wenn man sie nicht genügend anbetet.«

Es war zuviel für Jamie. Er hatte keine Lust, sich am Ende dieses langen, aufregenden, anstrengenden Tages noch auf Reed und seinen leicht spöttischen Blick auf die Welt einzulassen. Er stand mühsam auf und machte sich auf den Weg zu seiner Privatkabine, um seine restlichen Sachen auszuziehen und dann vielleicht eine Dusche zu nehmen.

Paul Abell fing ihn jedoch schon nach ein paar Metern ab.

»Ihr Auftritt vor den Kameras, mein Freund.« Die Froschaugen des amerikanischen Astronauten waren groß und vorstehend, und er lächelte beinahe von einem Ohr zum anderen.

»Wovon reden Sie?« fragte Jamie.

»Von den Medien auf der Erde. Sieht so aus, als wären Sie da sehr gefragt. Die wollen Sie interviewen, und das Kontrollzentrum hat alles organisiert.« Abell zeigte zum Kommunikationsbereich. »Die Konsole steht zu Ihrer Verfügung.«

Von jedem der Forscher wurde erwartet, daß er den Wünschen der Nachrichtenmedien nach Interviews ›live vom Planeten Mars‹ nachkam.

Die Entfernung von der Erde wuchs mit jeder Stunde, so daß eine Funk- oder Fernsehübertragung von einer Welt zur anderen nahezu zehn Minuten brauchte. Daher waren echte ›Live‹-Interviews unmöglich. Wie sollte man ein Interview führen, wenn man zwischen jeder Frage und der Antwort darauf zwanzig Minuten warten mußte?

Die Medienproduzenten hatten ihre Lösung: Jeder Forscher bekam eine Liste von Fragen. Die beantwortete er dann vor der Kamera, eine nach der anderen. Auf der Erde schnitt man die Antworten auseinander und fügte an den entsprechenden Stellen die Fragen eines Reporters ein. Das Ergebnis sah aus, als ob der Reporter und der Forscher auf dem Mars tatsächlich ›live‹ miteinander sprechen würden. Beinahe. Was ein bißchen fehlte, war die Spontaneität eines echten Interviews von Angesicht zu Angesicht. Aber das Publikum in aller Welt war an hölzerne Auftritte von Wissenschaftlern und Astronauten gewöhnt, das versicherten die Fernsehproduzenten jedenfalls den Managern ihrer Sender.

Außerdem befanden sich die Leute, die da sprachen, auf dem Mars!

Müde glitt Jamie auf den knarrenden Plastikstuhl vor dem Hauptbildschirm. Er trug immer noch seinen Thermo-Unteranzug, die wie von Schläuchen überzogene weiße Unterwäsche aussah. Abell setzte sich abseits hin, um die Geräte zu beaufsichtigen. Er grinste, als würde es ihm Spaß machen, einem Wissenschaftler dabei zuzuschauen, wie er sich mit den Fragen der Journalisten herumschlug.

Als der Bildschirm hell wurde, zeigte er zu Jamies Verblüffung jedoch nicht Li Chengdu oben im Kommandoschiff in der Marsumlaufbahn oder einen der Flugkontrolleure in Kaliningrad. Jamie stellte fest, daß er in die traurigen grauen Augen von Alberto Brumado schaute.

* * *

Brumado war am Morgen nach der stürmischen Feier von Rio nach Washington geflogen. In der amerikanischen Öffentlichkeit schlugen die Wellen hoch, und niemand Geringeres als die Vizepräsidentin persönlich erhob die ungeheuerliche Forderung, daß einer der Wissenschaftler vom Forscherteam auf dem Mars abgezogen werden sollte.

Er hatte zwei Tage damit verbracht, die Politiker zu beschwichtigen, aber er konnte nicht leugnen, daß in den amerikanischen Medien helle Aufregung darüber herrschte, daß ein amerikanischer Ureinwohner unter den Marsforschern war und sich geweigert hatte, die Ansprache zu halten, welche die Public-Relations-Leute von der Raumfahrtagentur für ihn verfaßt hatten.

Brumado hatte sich nicht nur mit den Politikern, sondern auch mit Medienvertretern getroffen und festgestellt, daß die Medien wie vom Blutgeruch angelockte Haie um die Person von James Waterman kreisten und bereit waren, sich auf ihn zu stürzen und ihn zu erledigen.

Brumado hatte nur ein einziges Zieclass="underline" Die erste Marsmission mußte ein solcher Erfolg werden, daß die Menschen auf der Erde sich für die Fortsetzung der Forschungsarbeiten auf dem Roten Planeten aussprachen. Er würde nicht zulassen, daß ein einzelner Mann — ob dieser nun ein Narr, ein sturer Bock oder schlicht ein Opfer der Umstände war — zunichte machte, wofür er dreißig Jahre lang gekämpft hatte. Er würde verhindern, daß ein einzelner Mann — sei er rot, gelb, weiß oder grün — die öffentliche Meinung gegen den Mars aufbringen würde.