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Und jetzt dreht sie den Schlüssel herum, jetzt steigt sie über die Schwelle, jetzt ist sie im Hausflur - aber warum ist es so still? Schlafen sie schon? Sitzen sie nur herum und lassen den Kopf hängen? Der Mond scheint durch die Fenster, jede Ecke ist hell - warum sieht sie kein lebendes Wesen? Deshalb, weil dort niemand ist! Nein, du Armenschreck, dort ist kein lebendes Wesen!

Die Maduskan beginnt am ganzen Körper zu zittern, sie hat mehr Angst, als sie je in ihrem Leben gehabt hat. Wer kann durch verschlossene Türen gehen? Niemand anders als Gottes Engel im Himmel ... Ja, so muss es sein! Die Armen, die sie um ihre Würste und Klöße und ihren Schnupftabak betrogen hat, die sind von Gottes Engeln an einen besseren Ort gebracht worden, als es das Armenhaus ist. Nur sie haben sie in all dem Jammer und Elend zurückgelassen, ach, ach, ach! Die Maduskan heult wie ein Hund.

Aber da kommt eine Stimme hinten von einem der Betten, wo etwas Kleines, Jämmerliches unter der Decke versteckt ist.

»Was heulst du?«, fragt Salia Amalia.

Wie schnell fasst die Maduskan sich wieder. Und wie schnell hat sie alles aus Salia Amalia herausgepresst. So was kann die Maduskan.

Im Nu ist sie auf dem Weg nach Katthult. Jetzt sollen sie nach Haus, ihre Alten. Schnell und vor allem leise muss es gehen; damit es nicht zu viel Gerede über die ganze Geschichte gibt in Lönneberga.

Katthult liegt so wundervoll im Mondlicht da. Aus dem Küchenfenster sieht sie es leuchten wie von vielen Kerzen. Aber jetzt schämt sie sich plötzlich und traut sich nicht mehr hineinzugehen. Erst einmal will sie durchs Fenster gucken und nachsehen, ob es wirklich ihre Alten sind, die dort sitzen und schmausen.

Aber dazu müsste sie etwas haben, worauf sie steigen kann, eine Kiste oder irgendetwas, sonst reicht sie nicht hinauf.

Sie macht eine kleine Runde zum Tischlerschuppen.

Vielleicht findet sie dort etwas. Und sie findet etwas. Keine Kiste. Sie findet eine Wurst. Kann man sich so etwas vorstellen, mitten im Mondschein, mitten im Schnee findet sie eine kleine Wurst, die auf einen Stek-ken gespießt ist. Nun ist sie gewiss zum Platzen satt von dem Käsekuchen, aber sie weiß auch, wie schnell man wieder hungrig wird, und eine ganze Wurst dort stecken und verderben lassen, das wäre doch verrückt, denkt die Maduskan. Und sie tut einen Schritt, einen einzigen großen Schritt.

So fing man in früheren Zeiten in Smaland Wölfe.

Gerade in dem Augenblick, gerade als die Maduskan in die Wolfsgrube fiel, war der Festschmaus von Kat-thult zu Ende und alle Armenhäusler kamen heraus und setzten sich in den Schlitten, um nach Hause zu fahren. Aus der Wolfsgrube war kein Laut zu hören, denn die Maduskan wollte nicht gleich um Hilfe schreien. Sie glaubte wohl, sie könnte ohne Hilfe herausklettern, und deshalb schwieg sie.

Und ihre Armenhäusler fuhren also in rasender Fahrt die Hügel hinunter heim zum Armenhaus und fanden -merkwürdig genug - die Tür offen und sie gingen hinein und wankten sofort in ihre Betten, am Ende ihrer Kräfte vom Essen und vom Schlittenfahren, aber glücklicher, als sie seit vielen Jahren gewesen waren.

Michel, Alfred und Klein-Ida kehrten im Schein des Mondes und im Licht der Sterne nach Katthult zurück. Michel und Alfred zogen den Schlitten. Ida durfte auf dem Schlitten sitzen und die Hügel hinauffahren, weil sie ja noch so klein war.

Wenn du jemals mit deinem Schlitten auf einem solchen winterlichen Weg in der Lönnebergagegend an einem mondhellen Abend unterwegs gewesen bist, dann weißt du, wie merkwürdig still es ist, fast, als läge die ganze Welt im Schlaf. Und dann kannst du dir vielleicht vorstellen, wie entsetzlich es ist, wenn durch diese Stille plötzlich ein grässlicher Schrei klingt. Da kamen nun Michel, Alfred und Ida, nichts Böses ahnend, die letzte Steigung mit ihrem Schlitten herauf und hörten plötzlich von Michels Wolfsgrube her ein Schreien, das jedem das Blut in den Adern hätte erstarren lassen. Klein-Ida wurde bleich und in diesem Augenblick sehnte sie sich sehr nach ihrer Mama. Michel aber nicht! Er machte vor Freude einen Luftsprung.

»Ein Wolf ist in meiner Grube!«, schrie er. »Oh, wo habe ich meine Büsse?«

Das Schreien wurde schlimmer und schlimmer, je näher sie kamen. Es hallte wider rund um ganz Kat-thult, dass man hätte glauben können, der Wald sei voller Wölfe, die auf den Klageruf des gefangenen Wolfes antworteten.

Aber Alfred sagte: »Der Wolf klingt aber komisch! Hör mal!«

Sie standen still im Mondlicht und lauschten auf das fürchterliche Geheul des Wolfes.

»Hilfe, Hilfe, Hilfe!«, jaulte er.

In Michels Augen leuchtete es auf.

»Ein Werwolf«, schrie er. »Aber eigentlich glaub ich nicht, dass es ein Werwolf ist!«

Mit ein paar Sätzen war er vor den anderen an der Grube. Da sah er, was für einen Wolf er gefangen hatte. Überhaupt keinen Werwolf, sondern nur die elendige Maduskan! Michel wurde rasend - was hatte die in seiner Grube zu suchen! Er wollte doch einen richtigen Wolf fangen. Aber dann dachte er nach. Vielleicht hatte es doch einen Sinn, dass die Maduskan in seine Wolfsgrube gefallen war. Er überlegte, ob man sie nicht vielleicht ein bisschen zähmen könnte, damit sie etwas freundlicher wurde und nicht mehr so bösartig war. Ja, er dachte daran, ob man ihr nicht reinweg Flötentöne beibringen sollte. Denn das brauchte die Maduskan. Deshalb schrie er zu Alfred und Ida hinüber:

»Kommt her! Kommt, hier kriegt ihr ein hässliches, zottiges Biest zu sehen!«

Und dann standen sie alle drei an der Grube und sahen hinunter auf die Maduskan, die in ihrem grauen Wolltuch beinah aussah wie ein Wolf.

»Bist du sicher, dass das ein Werwolf ist?«, fragte Klein-Ida mit zitternder Stimme.

»Das kannst du glauben«, sagte Michel. »Ein boshaftes altes Werwolfweib ist es, und das sind die gefährlichsten, die es gibt.«

»Ja, denn die sind so gierig«, sagte Alfred.

»Klar, sieh dir diese nur an«, sagte Michel. »Die hat in ihrem Leben schon viel verschlungen. Aber nun ist Schluss damit. Alfred, gib mir meine Büsse!« »Aber, aber, kleiner Michel, siehst du denn nicht, wer ich bin?«, schrie die Maduskan, denn sie bekam Angst um ihr Leben, als Michel von seiner Büsse sprach. Sie wusste ja nicht, dass es nur ein Spielzeuggewehr war, das Alfred ihm geschnitzt hatte.

»Alfred, hast du gehört, was der Werwolf gesagt hat?«, fragte Michel. »Ich hab nichts gehört!«

Alfred schüttelte den Kopf.

»Nee, ich auch nicht.«

»Und außerdem kümmere ich mich auch gar nicht darum«, sagte Michel. »Gib mir meine Büsse, Alfred!«

Da schrie die Maduskan ganz verzweifelt: »Erkennt ihr denn nicht eine alte Bekannte?«

»Was sagt sie?«, rief Michel. »Fragt sie nach ihrer Tante?«

»Ja, aber die haben wir doch nicht gesehen«, sagte Alfred.

»Nein, und ihre Großtante zum Glück auch nicht«, sagte Michel. »Sonst hätten wir ja bald die Grube voll mit alten Werwölfen. Gib mir meine Büsse, Alfred!«

Da fing die Maduskan laut an zu heulen.

»Jetzt seid ihr gemein«, schluchzte sie. »Was habt ihr denn bloß?«

»Was sagt sie?«, fragte Michel. »Sie will einen Kloß?«

»Ja, den will sie«, sagte Alfred. »Wir haben aber keinen.«

»Nein, in ganz Smaland gibt’s nicht einen einzigen Kloß mehr«, sagte Michel. »Die hat doch alle die Maduskan verschlungen.«

Jetzt jaulte sie noch ärger als vorher, denn sie hatte nun begriffen, dass Michel wusste, wie schlecht sie sich gegenüber Stolle-Jocke und den anderen Armen verhalten hatte. Sie heulte so, dass Michel Mitleid mit ihr hatte, denn er besaß ja ein gutes Herz, der Junge. Wenn es aber besser werden sollte im Armenhaus, dann durfte man diese Maduskan nicht so leicht davonkommen lassen, und deshalb sagte er: »Hör mal, Alfred, wenn man diesen Werwolf genauer anguckt -glaubst du nicht, dass er der Maduskan aus dem Armenhaus irgendwie ähnlich sieht?« »Igitt, nee«, sagte Alfred. »Die ist doch wohl schlimmer als alle Werwölfe in ganz Smaland.« »Ja, das ist klar«, sagte Michel. »Sicher sind Werwölfe süße kleine Schoßhündchen im Vergleich zur Maduskan. Denn die gönnt keinem etwas. Ich frag mich übrigens, wer das kleine Würstchen aus dem Schrank gestohlen hat.«