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Doch er würde nicht aufgeben. Zumal die Wirkung des öffentlichen Auftritts ohnehin von sekundärer Bedeutung war. Wichtiger war, daß es ihm durch die Aktivierung seiner alten NASA-Kontakte vielleicht gelingen würde, näher an die Startrampe heranzukommen als das übrige Publikum. Wenn er ins Fernsehen kam, wäre die Mission schon ein Erfolg.

Jemand in den Wagen stimmte ein Lied an, und die anderen fielen ein, derweil die Maultiere die verstopfte Straße entlangtrotteten. Nach ein paar Worten erkannte Seger das Lied. Es war der Psalm, den die Astronauten aus dem Mondorbit rezitiert hatten, um dem Tod ihrer Kollegen zu gedenken. Bleib bei mir.

Er fragte sich, wo Fay wohl war. Vielleicht saß sie in Houston vor dem Fernsehgerät. Er hatte nichts mehr von ihr gehört, seit er ihr am Telefon von seinem Vorhaben erzählt hatte, eine eigene Kirche zu gründen. Vielleicht würde sie ihm verzeihen, daß er sie einfach hatte sitzen lassen.

Am Horizont war die Saturn VB als weißer Finger zu sehen, der in Licht gebadet wurde.

Seger überkam ein tiefes Gefühl der Ergriffenheit. Er packte das am Revers befestigte Kruzifix so fest, daß das Metall sich in die Finger grub.

Gebäude für Operationen der Bemannten Raumfahrt,

Cocoa Beach

York meldete sich im Fitnessraum, wo eine Krankenschwester sie wog und die Körpertemperatur maß. Dann wurden Herz-und Atemfrequenz sowie der Blutdruck gemessen. Das geschah schnell und gründlich, aber auch mechanisch. Als ob die Krankenschwester - eine fröhliche Frau in den Vierzigern -sich gar nicht für die Ergebnisse interessierte. Immerhin war Yorks Gesundheitszustand der NASA hinlänglich bekannt. Fragmente ihres Körpers, Abstriche und Flüssigkeitsproben waren über ein Dutzend NASA-Einrichtungen verteilt und wurden gehütet wie Mondgestein.

Doch auf einer anderen Ebene ergab es sehr wohl einen Sinn. Es war Teil des Rituals. Wie ein Priester, dem man die Robe umhängt, sagte sie sich. Sie war ein besonderer Mensch und mußte auch als solcher behandelt werden.

Dann ging sie ins Kasino. Sie mußte mit den beiden Kameraden an einem Tisch Platz nehmen, der zusammen mit einem anderen Tisch ein T-förmiges Arrangement bildete. Ihr Tisch war der Querstrich des T. Hinter ihr befand sich ein Vorhang. Auf dem Tisch standen eine üppige Blumenvase, um die ein Band mit der Aufschrift >Ares< geschlungen war sowie ein Gesteck aus Seidenschleifen, welche die Form des Missionslogos hatten. Der längere Tisch war auf beiden Seiten mit Leuten besetzt, die sie anstarrten. In der Mitte des Tischs verlief eine angesichts des historischen Moments profane Spur aus Soßenflaschen und Pfefferstreuern.

Ihr kam es vor wie ein Hochzeitsmahl.

Das Mahl gehörte ebenfalls zum Ritual vor dem Start: die Speisekarte umfaßte Steak, Eier, Saft, Toastbrot und Kaffee. Jedem Astronauten, bis hin zu Al Shepard, war das gleiche Menü vor dem Flug aufgetischt worden.

York versuchte sich am Steak, doch es war dick und zäh und schmeckte wie Hartgummi.

Sie hatte versucht, diesen Teil des Rituals abzuändern. Ein wenig Müsli und Milch hätten ihr völlig gereicht. Doch die Ärzte hatten sie eindringlich über die Bedeutung von >rückstandsarmer Nahrung< vor dem Start belehrt. Dadurch sollte das Volumen der festen Ausscheidungen verringert werden. Was sich in der Theorie noch gut anhörte, mutierte in der Praxis zu Mahlzeiten, die aus halbgarem Fleisch bestanden.

Sie schaute in die Runde. Dort saßen Direktor Josephson sowie hochrangige Vertreter der jeweiligen NASA-Zentren und der Luft- und Raumfahrtindustrie. Sie erkannte Gene Tyson von Columbia, der Firma, die das MEM gebaut hatte. Er hockte da wie ein feister, selbstgefälliger Buddha. Es waren noch weitere hochrangige Astronauten anwesend, Bob Crippen, Fred Haise und andere. Und dort waren Ted Curval und Adam Bleeker, die grinsten und Witze rissen, als ob alles eitel Sonnenschein wäre. Doch York empfand das Grinsen als gezwungen und glaubte einen harten Ausdruck in seinen Augen zu erkennen.

Sie sagte sich, daß die neben ihr sitzenden Herren Stone und Gershon gut drauf waren. Sie waren nur zwei Kameraden von der Luftwaffe, die mit den anderen Piloten scherzten. Bescheiden, tapfer, entspannt. Fast schon gelangweilt. Wieder ein Tag im Büro. Es war eine gute Darbietung.

Unter der Oberfläche indes - der bemühten Lässigkeit, des leisen Klirrens von Besteck auf den Tellern, des sporadischen

Gelächters - war die Atmosphäre im Kasino bis zum Zerreißen angespannt.

York wußte nicht, was sie sagen sollte. Und je länger das Mahl sich hinzog, desto größer wurde die Angst, daß ihr die Stimme versagen würde, wenn sie sich überhaupt zu Wort meldete.

Sie piekste mit der Gabel in das hartgekochte Ei.

Fred Haise schaute immer wieder auf die Uhr. Wie jeder andere Vorgang an diesem Tag war auch das Frühstück zeitlich genau eingegrenzt.

Die Besatzung wurde wieder auf die Zimmer geschickt.

York putzte sich die Zähne. Anschließend überprüfte sie das Handgepäck. Sie würde nicht viel mitnehmen: einen Kalender und ein vergilbtes Mariner 4-Foto. Nun stellte sie jedoch fest, daß, während sie beim Frühstück gesessen hatte, noch ein paar Dinge eingeschmuggelt worden waren. Zum Beispiel ein Kärtchen vom Heiligen Christoph, das ihr allerdings bekannt vorkam: ihr Vater hatte gesagt, diese Karte hätte schon seinen Vater durch den Ersten Weltkrieg begleitet. Dann waren da noch eine Glückwunschkarte von ihrer Mutter und ein Geschenk von ihrer alten Schule, eine Brosche in Form einer Orbitalellipse mit einem winzigen Rubin, der den Mars darstellen sollte.

Und dort erspähte sie ein kompaktes Gebilde: ein kleiner Kosmonaut, dessen Troglodytengesicht sie unter dem Helm lüstern anstarrte. Am Kopf war eine kurze Kette befestigt. Sie grinste. »Hallo, Ba-riis.«

Privatsphäre war hier ein Fremdwort; wahrscheinlich hatte man eines der Zimmermädchen bestochen, damit es den Kram einschmuggelte. Aber das war ihr egal. Es gab sowieso nur einen wirklich persönlichen Gegenstand, den sie mitnehmen würde.

Sie schob das Polohemd hoch. An der Innenseite, verdeckt vom Abzeichen mit dem Missions-Logo, steckte die Nadel mit den silbernen Schwingen, die Ben Priest ihr vor so vielen Jahren in Jackass Flats verehrt hatte.

Sie legte die Nadel in den Beutel und machte den Reißverschluß zu.

Sie wog den Beutel in der Hand. Er bestand aus einem Spezialgewebe, einem feuerfesten synthetischen Material, das so robust war wie ein Feuerwehrschlauch. Selbst dieser profane Beutel, bei dem es sich noch dazu nur um einen persönlichen Ausrüstungsgegenstand handelte, entsprach den Anforderungen der Raumfahrt.

Sie schaute sich noch einmal im Raum um, mit dem schmalen Bett, dem kleinen Fenster und dem Fernsehgerät. Sie fühlte sich hier geborgen und hatte das Gefühl, aus einem Nest auszufliegen. Obwohl das überhaupt nicht ihr Zuhause war; sie hatte nur ein paar Tage hier zugebracht. Dennoch war es der letzte Ort auf Erden, den sie für sich beansprucht hatte. Der Ort, wo sie die letzte Nacht vor dem Start verbracht hatte.

Sie nahm einen Stift und schrieb ihren Namen an die Tür. Das war eine Kosmonautentradition, die Wladimir Wiktorenko ihr vermittelt hatte.

Dann öffnete sie entschlossen die Tür und verließ den Raum.

Banana River

Gregory Dana hatte im Holiday Inn übernachtet. Er hatte Glück gehabt, daß noch ein Zimmer frei gewesen war. Jedes Hotel in Zentralflorida war seit Februar aus gebucht. Manche Häuser berechneten sogar für einen Liegestuhl am

Swimmingpool den Preis für ein Zimmer. Doch das Personal des Holiday Inn hatte sich an Dana erinnert und ihm das Zimmer gegeben, das er bei seinen Arbeitsbesuchen in Cape Canaveral immer bewohnte.