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Am Fuß des Hügels wandte sich der Wind nach Osten und passierte eine freie Ebene, die Soldatenäxte von Bäumen und Büschen befreit hatte. Das Schlachtfeld umgaben dreizehn Festungen, deren Mauern vollständig aus unpoliertem Marmor errichtet waren; die Steine waren absichtlich nur grob bearbeitet, um den urtümlichen Eindruck roher Kraft zu vermitteln. Diese Türme waren für den Krieg bestimmt. Der Tradition nach waren sie nicht besetzt. Wie lange das noch andauern würde – wie lange sich ein dem Chaos verfallener Kontinent noch an Traditionen erinnerte -, würde sich erst noch zeigen müssen.

Der Wind flog weiter nach Osten, und schon bald spielte er mit den Masten zur Hälfte verbrannter Schiffe an den Docks von Takisrom. Weiter ging es in die Schlafende Bucht, wo er die Angreifer passierte; gewaltige Schlachtschiffe mit blutroten Segeln. Das grässliche Werk verrichtet, segelten sie nach Süden.

Der Wind wehte wieder über Land, vorbei an qualmenden Städten und Dörfern, offenen Ebenen voller Truppen und Docks voller Kriegsschiffe. Rauch, Kriegsrufe und Banner wogten über sterbendem Gras und einem düsteren Hafenmeisterhimmel.

Männer flüsterten sich nicht zu, dass das möglicherweise das Ende aller Zeiten war. Sie brüllten es laut heraus. Die Felder des Friedens standen in Flammen, der Turm der Raben war wie prophezeit zerbrochen, und in Seandar herrschte ungeniert ein Mörder. Es war eine Zeit, in der man das Schwert heben und sich für eine Seite entscheiden musste, um dann Blut zu vergießen, um dem sterbenden Land die letzte Farbe zu verleihen.

Der Wind heulte ostwärts über die berühmten Smaragdklippen und wehte über den Ozean. Hinter ihm schien auf dem gesamten Kontinent Seanchan Rauch aufzusteigen.

Stundenlang wehte der Wind weiter – in einem anderen Zeitalter hätte man ihn in dieser Form als Handelswind bezeichnet – und wand sich zwischen hellen Gischtkämmen und dunklen geheimnisvollen Wellen vorbei. Schließlich stieß der Wind auf einen anderen Kontinent, der ganz still war, wie ein Mann, der den Atem anhielt, bevor die Axt des Henkers fiel.

Als der Wind den gewaltigen Berg mit dem zerbrochenen Gipfel erreichte, der unter dem Namen Drachenberg bekannt war, hatte er viel von seiner Kraft verloren. Er strich um den Fuß des Berges und dann weiter durch eine große Apfelbaumplantage, die vom Licht der frühen Nachmittagsonne erhellt wurde. Die einst grünen Blätter waren vergilbt.

Der Wind strich über einen niedrigen Holzzaun, dessen Latten von braunem Leinenband gehalten wurden. Dort standen zwei Gestalten, ein Junge und ein düsterer Mann in fortgeschrittenen Jahren. Der Mann trug abgenutzte braune Hosen und ein locker fallendes weißes Hemd mit Holzknöpfen. Sein Gesicht war so faltig, dass es Baumrinde glich.

Almen Bunt verstand nicht viel von Obstplantagen. Sicherlich hatte er daheim auf seinem Hof in Andor den einen oder anderen Baum gepflanzt. Wer hatte nicht einen oder zwei Bäume, die dem Esstisch Schatten spenden sollten. Er hatte zwei Walnussbäume an dem Tag gepflanzt, an dem er Adrinne geheiratet hatte. Es war ein gutes Gefühl gewesen, dort vor seinem Fenster nach ihrem Tod ihre Bäume zu haben.

Eine Obstplantage zu leiten war jedoch etwas völlig anderes. Auf diesem Feld standen fast dreihundert Bäume. Es war die Plantage seiner Schwester; er war zu Besuch, während sich seine Söhne um seinen Hof außerhalb von Carysford kümmerten.

In der Hemdtasche trug Almen einen Brief von seinen Söhnen. Ein verzweifelter Brief, der um Hilfe bettelte, aber er konnte nicht zu ihnen. Er wurde hier gebraucht. Davon abgesehen war es eine gute Zeit, nicht in Andor zu sein. Er war ein Mann der Königin. In der gar nicht so fernen Vergangenheit hatte es Augenblicke gegeben, in denen es einen genauso in Schwierigkeiten bringen konnte, ein Mann der Königin zu sein, wie zu viele Kühe auf der Weide zu haben.

»Was sollen wir tun, Almen?«, fragte Adim. »Diese Bäume, sie … nun, so ist das einfach nicht richtig.« Der dreizehnjährige Junge hatte die blonden Haare seines Vaters.

Almen rieb sich das Kinn und kratzte an ein paar Haaren, die er beim Rasieren übersehen hatte. Hahn, Adims älterer Bruder, näherte sich ihnen. Früher in diesem Frühling hatte der Junge Almen ein Holzgebiss geschnitzt, als Ankunftsgeschenk. Eine großartige Sache, mit Drähten zusammengehalten, mit Lücken für die paar Zähne, die er noch hatte. Aber wenn er zu hart kaute, verbogen sie sich.

Die Baumreihen standen schnurgerade und in perfektem Abstand. Graeger – Almens Schwager – war stets akribisch gewesen. Aber jetzt war er tot, was der Grund für Almens Reise gewesen war. Die ordentlichen Baumreihen breiteten sich einen Spann nach dem anderen aus, sorgfältig beschnitten, gedüngt und gewässert.

Und während der Nacht hatte jeder Einzelne von ihnen seine Frucht abgeworfen. Winzige Äpfel, kaum größer als ein Männerdaumen. Tausende. Während der Nacht waren sie verschrumpelt, dann abgefallen. Eine ganze Ernte, einfach weg.

»Ich weiß nicht, was ich sagen soll, Junge«, sagte Almen schließlich.

»Dir fehlen die Worte?«, fragte Hahn. Adims Bruder war dunkler, wie seine Mutter, und groß für seine fünfzehn. »Onkel, gewöhnlich hast du so viel zu sagen wie ein Gaukler, der die halbe Nacht Branntwein gesoffen hat!« Hahn machte sich gern für seinen Bruder stark, jetzt, wo er der Mann der Familie war. Aber manchmal war es gut, besorgt zu sein.

Und Almen war besorgt. Sehr besorgt.

»Wir haben kaum noch einen Wochenvorrat Getreide«, sagte Adim leise. »Und was wir haben, haben wir im Gegenzug für die versprochene Ernte bekommen. Niemand wird uns jetzt noch etwas geben. Niemand hat etwas.«

Die Plantage war die größte in der Gegend. Die Hälfte der Männer im Dorf arbeitete gelegentlich hier. Sie hingen von ihr ab. Sie brauchten sie. Wo so viel Nahrung verdarb und die Vorräte während des unnatürlichen Winters aufgebraucht waren…

Und dann war da der Zwischenfall, der Graeger das Leben gekostet hatte. Der Mann war drüben in Neginbrücke um eine Ecke gebogen und verschwunden. Als man sich nach ihm auf die Suche gemacht hatte, hatte man nur einen verkrüppelten, blattlosen Baum mit einem grauweißen Stamm gefunden, der nach Schwefel roch.

In dieser Nacht war der Drachenzahn auf ein paar Türen gemalt worden. Die Leute wurden immer nervöser. Früher hätte Almen sie alle als Narren bezeichnet, die sich vor Schatten fürchteten und unter jedem Pflasterstein verdammte Trollocs wähnten.

Jetzt… jetzt war er sich nicht mehr so sicher. Er schaute nach Osten, in Richtung Tar Valon. Konnte man die Hexen für die verdorbene Ernte verantwortlich machen? Er hasste es, so nahe bei ihrem Nest zu sein, aber Alysa brauchte seine Hilfe.

Man hatte den Baum gefällt und verbrannt. Der Platz roch noch immer nach Schwefel.

»Onkel?« Hahn klang unbehaglich. »Was … was sollen wir machen?«

»Ich …« Was sollten sie machen? »Soll man mich zu Asche verbrennen, aber wir sollten alle nach Caemlyn gehen. Ich bin sicher, die neue Königin hat mittlerweile alles geklärt. Ich kann alles regeln, wie es das Gesetz vorschreibt. Wer hat je davon gehört, dass man einen Preis auf seinen Kopf aussetzt, nur weil er zugunsten der Königin spricht?« Er begriff, dass er den Faden verloren hatte. Die Jungen sahen ihn unverwandt an.

»Nein«, fuhr Almen fort. »Verdammt, Jungs, aber das wäre falsch. Wir können nicht gehen. Wir müssen weiterarbeiten. Das ist nicht schlimmer, als ich damals vor zwanzig Jahren mein ganzes Hirsefeld an einen späten Frosteinbruch verlor. Wir überstehen das, beim Licht, das werden wir.«

Die Bäume selbst sahen gut aus. Da waren keine Insektenschäden, die Blätter waren etwas angegilbt, aber noch immer gut. Sicher, die Frühlingsknospen waren spät gekommen, und die Äpfel waren langsam gewachsen. Aber sie waren gewachsen.