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Die Augen blitzten. »Was denn für einen Gefallen?«

»Einen wirklich großen«, sagte Richard. »Sie meinte, sie würde Ihnen einen wirklich großen Gefallen schulden.«

De Carabas grinste wie ein Tiger, der ein verirrtes Bauernkind erblickt. Dann wandte er sich Richard zu. »Und Sie haben sie allein gelassen?« fragte er. »Obwohl Croup und Vandemar dort draußen unterwegs sind? Also, worauf warten Sie noch?«

Er kniete nieder und nahm einen kleinen Metallgegenstand aus einer Tasche. Er steckte ihn in einen Schachtdeckel am Rand der Gasse und drehte ihn. Der Schachtdeckel ging ganz leicht auf; der Marquis steckte den Metallgegenstand wieder weg und zog etwas aus einer anderen Tasche, das Richard ein wenig an einen langen Feuerwerkskörper oder eine Fackel erinnerte.

Er fuhr mit der Hand daran entlang, und aus einem Ende schlug eine scharlachrote Flamme.

»Darf ich etwas fragen?« fragte Richard.

»Aber nein«, sagte der Marquis. »Sie stellen keine Fragen. Sie bekommen keine Antworten. Sie weichen nicht vom Wege ab. Sie denken noch nicht einmal über das nach, was Sie hier gerade erleben. Verstanden?«

»Aber – «

»Am wichtigsten: Kein Aber. Nun denn: Ein Fräulein in Not wartet auf unsere Hilfe«, sagte de Carabas. »Und es gilt keine Zeit zu verlieren. Bewegen Sie sich!«

Richard bewegte sich: Er kletterte die metallene Leiter hinab, die unter dem Kanalschacht in die Wand eingelassen war, und hatte mittlerweile dermaßen den Boden unter den Füßen verloren, daß er ein Bathyskaph gebraucht hätte, um wieder bis an die Oberfläche sehen zu können.

Richard fragte sich, wo sie waren. Ein Abwasserkanal schien das nicht zu sein. Vielleicht war es ein Tunnel für Telefonkabel oder für ganz kleine Züge. Oder für … irgend etwas. Er stellte fest, daß er nicht besonders viel darüber wußte, was sich unter seinen Füßen abspielte.

Er war nervös, denn er hatte Angst, mit den Füßen irgendwo hängenzubleiben, in der Dunkelheit zu stolpern und sich den Knöchel zu brechen. De Carabas eilte unbekümmert voran. Offenbar war es ihm gleichgültig, ob Richard mit ihm Schritt halten konnte oder nicht.

Die rote Flamme warf riesige Schatten an die Tunnelwände. Richard rannte, um den Marquis einzuholen.

»Mal sehen … «, sagte de Carabas. »Ich muß sie zum Markt bringen. Der nächste findet in, hmm, zwei Tagen statt, wenn ich mich recht entsinne, was ich selbstverständlich immer tue. Bis dahin kann ich sie verstecken. «

»Markt?« fragte Richard.

»Der Wandermarkt. Aber es ist besser, wenn Sie nichts darüber wissen. Keine weiteren Fragen.«

Richard sah sich um. »Na ja, ich wollte Sie gerade fragen, wo wir jetzt sind. Aber ich nehme an, Sie würden sich weigern, es mir zu sagen.«

Der Marquis grinste wieder. »Sehr gut!« sagte er. »Sie haben schon genug Probleme.«

»Das können Sie laut sagen«, seufzte Richard. »Meine Verlobte hat mich verlassen, und ich muß mir wahrscheinlich ein neues Telefon besorgen – «

»Temple und Arch! Das Telefon ist noch Ihre geringste Sorge.«

De Carabas legte die Fackel auf den Boden, wo sie weiter zuckte und loderte, und er begann, ein paar in die Wand eingelassene Sprossen emporzuklettern.

Richard zögerte und folgte ihm dann.

Die Sprossen waren kalt und verrostet. Er spürte, wie sie beim Klettern rauh in seine Hände krümelten, und bekam Rostpartikel in die Augen und den Mund.

Das blutrote Licht von unten flackerte, und dann ging es aus. Sie kletterten in völliger Dunkelheit.

»Und, gehen wir jetzt zurück zu Door?«

»Später. Erst muß ich noch eine kleine Angelegenheit regeln. Eine Versicherung. Und wenn wir ans Tageslicht kommen, schauen Sie nicht nach unten.«

»Warum nicht?« fragte Richard.

Und dann traf ihn das Tageslicht ins Gesicht, und er schaute nach unten.

Es war Tag (wieso war es Tag? fragte eine kleine Stimme in seinem Hinterkopf. Es war fast Nacht gewesen, als er die Gasse betreten hatte – wann, vor einer Stunde?), und er hielt sich an einer metallenen Leiter fest, die außen an einem sehr hohen Gebäude hinaufführte (aber noch vor ein paar Sekunden war er dieselbe Leiter hochgeklettert, und da war er drinnen gewesen, oder?), und unter sich sah er …

London.

Winzige Autos. Winzige Busse und Taxis. Winzige Gebäude. Bäume. Miniaturlastwagen. Sehr, sehr winzige Menschen. All das verschwamm ihm vor den Augen.

Zu sagen, Richard habe ein bißchen Höhenangst, wäre korrekt, aber den Tatsachen nicht ganz angemessen. Es wäre so, als würde man sagen, der Planet Jupiter sei größer als eine Ente. Soweit richtig, aber eigentlich könnte man doch noch ein bißchen weitergehen.

Er haßte steile Abhänge und hohe Gebäude: Irgendwo tief in ihm saß die Angst, daß er eines Tages, ohne es zu wollen, an den Rand des Abhangs ging und einfach ins Leere trat.

Richard erstarrte. Seine Hände umkrampften die Sprossen. Seine Augen taten weh, irgendwo hinter den Augäpfeln. Er begann, zu schnell und zu tief zu atmen.

»Da hat wohl jemand«, sagte eine amüsierte Stimme über ihm, »nicht auf mich gehört, was?«

»Ich …« Richards Kehle funktionierte nicht. Er schluckte, um sie zu befeuchten. »Ich kann mich nicht bewegen. « Seine Hände schwitzten. Was, wenn sie so sehr schwitzten, daß er einfach abrutschte und ins Leere fiel …

»Natürlich können Sie sich bewegen. Oder wenn nicht, können Sie hier an der Wand hängen bleiben, bis Ihre Hände erfrieren und Ihre Beine nachgeben und Sie dreihundert Meter tief in einen unappetitlichen Tod stürzen.«

Richard blickte zu dem Marquis auf. Dieser schaute auf Richard hinab und lächelte immer noch. Als er sah, daß Richard ihn beobachtete, ließ er mit beiden Händen die Sprossen los und wedelte mit den Fingern.

Richard durchfuhr eine Welle des Schwindels.

»Scheißkerl«, sagte er halblaut, und er ließ mit der rechten Hand die Sprosse los und bewegte sie zwanzig Zentimeter nach oben, bis sie die nächste fand. Dann setzte er das rechte Bein eine Sprosse weiter.

Dann tat er das gleiche mit der linken Hand.

Nach einer Weile fand er sich am Rand eines flachen Daches wieder: Und er stieg darüber hinweg und brach zusammen. Er merkte, daß sich der Marquis auf dem Dach schnellen Schrittes von ihm entfernte. Richard vergrub das Gesicht in den Händen und kostete das Gefühl aus, ein festes Gebäude unter sich zu spüren. Sein Herz hämmerte in seiner Brust. Eine barsche Stimme sagte: »Sie sind hier nicht erwünscht, de Carabas. Gehen Sie. Machen Sie, daß Sie wegkommen!«

»Old Bailey«, hörte er de Carabas sagen. »Sie sehen wunderbar wohl aus.«

Und dann schlurften Schritte auf ihn zu, und ein Finger stupste ihn sanft in die Rippen. »Alles in Ordnung, mein Junge? Ich hab’ da hinten einen Eintopf auf dem Feuer. Willst du was davon? Es ist Krähe.«

Richard öffnete die Augen. »Nein danke«, sagte er.

Zuerst sah er die Federn. Er wußte nicht, ob es ein Mantel war oder ein Cape oder sonst etwas, aber was für ein Stück Oberbekleidung es auch sein mochte, es war über und über mit Federn bedeckt. Ein Gesicht schaute über die Federn hinweg. Das Gesicht war freundlich und faltig. Der Körper war dort, wo keine Federn waren, mit Seilen umwickelt. Richard ertappte sich dabei, wie er an eine Robinson Crusoe-Aufführung denken mußte, in die in seiner Kindheit mal jemand mit ihm gegangen war: So würde Robinson Crusoe aussehen, wenn er auf einem Dach anstatt auf einer einsamen Insel gestrandet wäre.

»Man nennt mich Old Bailey, mein Junge«, sagte der Robinson-Crusoe-Mann. Er tastete nach der Brille, die an einem Band um seinen Hals hing, setzte sie auf und starrte Richard durch sie hindurch an. »Ich erkenne dich nicht. Welchem Baron bist du untertan? Wie heißt du?«