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Er beugte sich nach vorn und küsste sie auf die Stirn. Seine Lippen brannten wie kalter Stahl. Furchtsam hob sie die Hand und berührte ihn am Bart, wie sie es bei Arhys an jenem Tag getan hatte. Er kitzelte merkwürdig und weich unter ihrer Handfläche. Als er den Kopf neigte, fiel eine Träne wie eine Schneeflocke auf ihren Handrücken, zerschmolz und verschwand.

»Bin ich nun ein geistlicher Beistand in Eurem Namen?«, fragte sie benommen.

»Nein. Meine Tür.« Er lächelte sie rätselhaft an, ein weißer Fleck in der Nacht, der wie ein Blitz in ihre Sinne stach. Ihr unsicher taumelnder Geist wechselte von benommen zu geblendet. »Ich werde hier auf ihn warten, für eine kleine Weile.« Er trat zurück, und die Treppe war wieder leer.

Ista stand erschüttert da. Der Fleck auf ihrem Handrücken, wo seine Träne hingetropft war, fühlte sich eiskalt an.

»Majestät?«, fragte Liss behutsam und hielt hinter ihr an. »Mit wem redet Ihr?«

»Hast du einen Mann gesehen?«

»Nein …«

»Tut mir Leid.«

Liss hielt die Kerze hoch. »Ihr weint ja.«

»Ja. Ich weiß. Es ist in Ordnung. Lasst uns nun weitergehen. Vielleicht solltest du lieber meinen Arm halten, bis wir die Treppen hinter uns haben.«

Der steinerne Innenhof, der Torbogen, der Sternenhof mit seiner unruhigen Reihe Pferde und der Durchgang zum Vorhof zogen dunkel und verschwommen vorüber. Liss hielt sie die ganze Zeit am Arm und runzelte die Stirn über dessen heftiges Zittern.

Der fackelerhellte Vorhof war mit Männern und Pferden überfüllt. Die meisten Blumenkübel waren zerbrochen, von den Wänden gefallen oder umgekippt. Der trockene Mutterboden war überall zerstreut. Die Kakteen waren zerdrückt, und die zarteren Blumen hingen welk und schlaff herab wie gekochtes Gemüse. Die beiden ineinander gewachsenen Bäume an der gegenüberliegenden Mauer verloren in der windstillen, stickigen Nacht trockene Blätter, die eines nach dem anderen auf einen Haufen verrotteter Blüten fielen.

Foix war der Erste, der ihre Ankunft bemerkte. Er drehte sich um und öffnete den Mund. Ohne Zweifel bewegte sie sich in diesem Augenblick in einer Wolke aus göttlichem Licht, nachdem sie eben erst berührt worden war. Und ich trage eine Bürde bei mir, deren Übermittlung mir ernsthaft ans Herz gelegt wurde. Sie blickte über den Hof, entdeckte Arhys und Illvin, doch ihre Aufmerksamkeit wurde kurzzeitig abgelenkt durch das Pferd, mit dem sie sich beide beschäftigten. Aus sicherer Entfernung.

Es war ein großer, langnasiger, kastanienbrauner Hengst, der von drei schwitzenden Knechten gehalten wurde. Scheuklappen bedeckten seine Augen unter einem Zaumzeug, das mit einer Kandare ausgestattet war. Ein Knecht hielt die Oberlippe des Tieres fest in seinem Griff. Die Ohren des Pferdes lagen flach nach hinten an, und es kreischte wütend, entblößte lange gelbe Zähne und trat aus. Illvin hielt einigen Abstand und wirkte gekränkt.

Ista trat an seine Seite und sagte: »Lord Illvin, wisst Ihr, dass dieser Hengst von einem Dämon besessen ist?«

»Foix hat es mir eben mitgeteilt, Majestät. Es erklärt einiges über dieses Pferd.«

Ista blickte unter halb geschlossenen Lidern auf den sich windenden malvenfarbenen Schatten im Innern des Tieres. »Es sieht allerdings aus, als wäre der Dämon in seinem Innern nur ein schwacher, formloser und dummer Elementargeist.«

»Das erklärt noch mehr. Bei der Hölle des Bastards. Ich wollte dieses verfluchte Tier Arhys leihen. Sein gescheckter Grauer ist lahm geworden, zusammen mit der Hälfte der Pferde, die uns verblieben sind — Strahlfäule, der unnatürlich schnell voranschreitet. Ich hoffe, Arhys kann bald unseren Dank übermitteln, an jenen jokonischen Zauberer, der sich das ausgedacht hat.«

»Ist es ein besonders gutes Streitross?«

»Nein, aber es würde niemanden stören, wenn Arhys es zu Schanden reitet. Tatsächlich glaube ich, dass die Stallknechte sich darüber freuen würden. Die fünf Götter wissen, ich habe es versucht, und ohne Erfolg.«

»Hm«, meinte Ista. Sie trat vor. Die beiden Stallknechte, die den Kopf des Tieres festhielten, protestierten laut. Sie kniff die Augen zusammen, griff nach oben, und legte ihre von der Götterträne benetzte Hand auf die Stirn des Hengstes. Ein kleines sechszackiges Zeichen glühte auf ihrer Haut, schneeweiß vor ihrem äußeren Auge, ein wilder Funken vor ihrem inneren. »Entfernt seine Scheuklappen.«

Der Knecht warf Illvin einen verzweifelten Blick zu. Der aber nickte zustimmend. Allerdings zog er sein Schwert, hielt es mit der flachen Seite nach außen und sah angespannt zu.

Das Pferd hatte dunkelbraune Augen, mit einem purpurroten Punkt in der Mitte. Die Augen der meisten Pferde hatten einen purpurroten Mittelpunkt, ermahnte Ista sich selbst, doch für gewöhnlich glühten sie nicht so intensiv. Die Augen fixierten sie und verdrehten sich, bis das Weiße sichtbar wurde. Ista erwiderte den Blick. Das Tier stand plötzlich völlig reglos. Ista stellte sich auf die Zehenspitzen, griff es an einem Ohr und flüsterte ihm zu: »Benimm dich für Lord Arhys. Oder du wirst dir wünschen, ich hätte dir nur die Eingeweide herausgerissen, dich damit erwürgt und den Göttern zum Fraß vorgeworfen.«

»Den Kötern, wollt Ihr sagen?«, berichtigte sie der nervöse Stallknecht, der das Tier noch an der Leine hielt.

»Denen auch«, erwiderte Ista. »Nimm die Nasenbremse ab und tritt zurück.«

»Majestät …?«

»Es ist gut.«

Der Knecht wich zurück. Zitternd stellte das Pferd die Ohren auf, beugte den Hals und drückte unterwürfig den Kopf gegen Istas Oberkörper. Es stupste sie kurz an und hinterließ eine Spur aus roten Pferdehaaren auf dem schwarzen Seidenkleid. Dann stand es vollkommen still.

»Macht Ihr so etwas öfter?«, erkundigte sich Illvin und schlenderte herbei. Mit äußerster Vorsicht streckte er die Hand aus und versetzte dem Tier einen prüfenden Klaps auf den Hals.

»Nein.« Ista seufzte. »Es war ein Tag voll einzigartiger Erfahrungen.«

In Vorbereitung auf die Rolle, die er zu spielen hatte, war Illvin schlicht gekleidet. Er trug leichte Leinenhosen und sein funkenversengtes Hemd. Arhys sah so sehr wie bei ihrer ersten Begegnung aus, dass Ista den Atem anhielt. Nur, dass seine Rüstung und sein Wappenrock nicht blutbespritzt waren. Noch nicht. Er lächelte, als sie an seine Seite trat.

»Auf ein Wort, Majestät, bevor ich aufbreche. Auf zwei Worte.«

»So viele, wie es Euch beliebt.«

Er senkte die Stimme. »Zuerst einmal danke ich Euch, dass Ihr mich habt durchhalten lassen, bis sich die Gelegenheit zu einem besseren Tod ergab. Einen, der weniger schändlich ist, weniger bedeutungslos und dumm als mein erster.«

»Vielleicht können unsere Männer dich in dieser Hinsicht immer noch überraschen«, warf Illvin barsch ein. Auf der gegenüberliegenden Seite des Vorhofes bereitete ein knappes Dutzend Soldaten ebenfalls die Reittiere vor. Pejar war unter ihnen. Ista bemerkte, dass sein Gesicht vom Fieber gerötet war. Er hätte auf einem Krankenbett liegen sollen, statt an diesem Unternehmen teilzuhaben. Dann fragte sie sich, wie viele Männer in Porifors inzwischen überhaupt noch laufen konnten.

Arhys lächelte seinem Bruder kurz zu und unterließ es, ihm zu widersprechen, ihn zu berichtigen oder ihn dieser schwachen Hoffnung zu berauben. Er wandte sich wieder an Ista. »Zweitens möchte ich Euch um ein Gefallen bitten.«

»Alles, was in meiner Macht steht.«

Seine klaren Augen betrachteten sie mit brennender Eindringlichkeit. »Wenn dieser dy Lutez heute Nacht gut zu sterben versteht, dann lasst damit jenes Unternehmen abgeschlossen sein, das vor so langer Zeit unvollendet blieb. Welchen Sieg ich auch immer erringen mag — lasst ihn für immer jenes alte, kalte Versäumnis auslöschen. Und seid geheilt von der lang anhaltenden Wunde, die ein anderer dy Lutez Euch zugefügt hat.«