»Ich habe gar nichts gesehen«, stellte Illvin bedauernd fest. »Trotzdem habe ich sofort bemerkt, als die Dinge in Bewegung gerieten.«
»Ich bin froh, dass Ihr dort wart«, sagte Ista.
»Ich konnte wenig genug tun«, seufzte er.
»Ihr könnt Zeugnis ablegen. Das bedeutet mir viel. Und dann war da noch dieser Kuss. Der schien mir auch nicht unbedeutend zu sein.«
Er errötete. »Ich bitte um Verzeihung, Majestät. Ich war verzweifelt. Ich dachte, ich könnte Euch von den Toten zurückholen, wie Ihr es einst bei mir gemacht habt.«
»Illvin?«
»Ja, Majestät?«
»Ihr habt mich zurückgeholt.«
»Oh.« Eine Zeit lang ritt er still dahin; dann kroch ein merkwürdiges Lächeln auf sein Gesicht und wollte nicht wieder verschwinden.
Schließlich hob er den Blick und stellte sich in den Steigbügeln auf, fand tatsächlich noch Kraftreserven. »Ha«, flüsterte er. Ista folgte seinem Blick. Sie brauchte eine Weile, um die schwachen, blassen Rauchfahnen wahrzunehmen, die von sorgsam klein gehaltenen Lagerfeuern emporstiegen. Sie zeigten ein Lager an, das im Flusstal unter ihnen verborgen lag. Es waren ziemlich viele Feuer.
Sie folgten dem Kamm, bis er eine leichte Biegung beschrieb und noch mehr von dem Lager in Sicht kam. Ista erblickte Hunderte von Männern und Pferden. Sie konnte die Zahl nicht genau abschätzen, so versteckt lag das Lager.
»Oby«, sagte Illvin zufrieden. »Er ist schnell vorangekommen. Aber ich danke den Göttern, dass er nicht noch schneller war.«
»Gut«, hauchte Ista erleichtert. »Ich bin fertig.«
»Allerdings, und wir danken Euch für Eure Arbeit, denn andernfalls wären wir inzwischen alle tot, auf irgendeine furchtbare und unheimliche Weise. Auf der anderen Seite muss ich immer noch zusehen, wie ich fünfzehnhundert ganz normale Jokoner aus der Gegend von Porifors entferne. Ich weiß nicht, ob Oby bis zur Abenddämmerung warten wollte, doch wenn wir rasch zuschlagen …« Er musterte die Gegend auf die inzwischen schon vertraute Weise mit Blicken, die abwechselnd die Männer unter ihnen abzählten und dann wieder nachdenklich ins Leere gingen. Ista verzichtete darauf, ihn zu unterbrechen.
Eine Patrouille kam ihnen entgegen. »Ser dy Arbanos!«, rief der verwunderte Offizier und winkte Illvin ungestüm zu. »Bei den fünf Göttern, Ihr lebt!« Die Reiter formierten sich um sie herum zu einer aufgeregten Eskorte und rissen sie mit sich in jenen Teil des Lagers, wo große Zelte im Schatten standen; hier hatten die Befehlshaber ihr Hauptquartier eingerichtet.
Zwischen den Bäumen erklang eine Stimme, und eine vertraute Gestalt schoss zwischen den grünen Schatten hervor. »Foix! Foix! Der Tochter sei Dank!« Ferda rannte ihnen entgegen. Foix schwang sich aus dem Sattel und umarmte seinen aufgeregten Bruder.
»Was sind das für Männer?«, fragte Illvin den Offizier aus Oby und nickte in Richtung einer unbekannten Gruppe von Reitern in Schwarz und Grün. Die Reiter öffneten ihre Reihen und gaben den Blick frei auf einige Leute, die zu Fuß herankamen — einige im Laufschritt, andere in einem schwerfälligen Trott; wieder andere schritten noch langsamer und würdevoller dahin. Und sie alle riefen laut nach Ista.
Hin und her gerissen zwischen Freude und Bestürzung blickte Ista ihnen entgegen. »Der Bastard verschone mich! Das ist mein Bruder dy Baocia«, bemerkte sie verblüfft. »Und dy Ferrej, und Lady dy Hueltar, und die Geweihte Tovia und all die anderen aus Valenda …«
27
Lord dy Baocia und Ser dy Ferrej erreichten Ista zuerst. Der rote Hengst legte die Ohren an, wieherte schrill und schnappte mit den Zähnen, worauf die beiden Männer wieder mehrere Schritte zurückwichen.
»Bei den Göttern, Ista«, rief dy Baocia, kurzzeitig abgelenkt. »Was für ein Pferd! Wer war so närrisch, dich auf so ein Biest zu setzen?«
Ista tätschelte Dämon den Nacken. »Er leistet mir gute Dienste. Eigentlich gehört er Lord Illvin, teilweise zumindest. Doch ich hoffe, man kann eine dauerhafte Leihgabe daraus machen.«
»Von beiden seinen Herren, wie es scheint«, murmelte Illvin und blickte über das Lager. »Majestät … Ista … Liebste, ich muss erst dem Grafen dy Oby Bericht erstatten.« Seine Miene wurde hart. »Seine Tochter ist noch immer auf Burg Porifors eingeschlossen, wenn die Götter meine Gebete erhört haben und die Mauern halten.«
Zusammen mit Liss und dy Cabon, dachte Ista und fügte ihre stummen Gebete den seinen hinzu. Sie fühlte in ihrem Innern, dass die Mauern noch hielten. Doch sicher wusste sie nur, dass Goram noch lebte. Und sie hatte sich schon früher geirrt.
»Den Neuigkeiten zufolge, die wir überbringen«, fuhr Illvin fort, »dürfte dy Obys Armee innerhalb der nächsten Stunde ausrücken. Ich will gar nicht daran denken, was für Gerüchte inzwischen über das Schicksal meines Bruders an seine Ohren gedrungen sind. Es bleibt noch viel zu tun.«
»Mögen die fünf Götter Euer Vorankommen beschleunigen. Unter Euren vielen Bürden bin ich nun die geringste. Diese Leute hier werden mich so sehr umsorgen, dass ich gar nicht mehr dazu kommen werde, mir Gedanken zu machen — ich kenne sie!« Ernst fügte sie noch hinzu: »Achtet auch ein wenig auf Euch selbst. Zwingt mich nicht, noch einmal hinter Euch herzukommen.«
Ein Lächeln umspielte seine Lippen. »Würdet Ihr mir auch in die Hölle des Bastards folgen, geliebte Zauberin?«
»Ohne Zögern — jetzt, wo ich den Weg kenne.«
Er beugte sich über den Sattelbaum und griff nach ihrer Hand, hob sie an die Lippen. Sie fasste danach seine Hand und führte sie an ihre Lippen, biss ihm verstohlen in die Knöchel, was seine Augen aufleuchten ließ. Widerstrebend ließen sie einander los.
»Foix«, rief Illvin. »Begleitet mich. Euer Zeugnis ist dringend erforderlich.«
Dy Baocia wandte sich eifrig an Foix. »Junger Mann, muss ich Euch für die Rettung meiner Schwester danken?«
»Nein, Herr«, erwiderte Foix und verbeugte sich höflich. »Sie hat mich gerettet.«
Dy Baocia und dy Ferrej starrten ihn verständnislos an. Ista wurde sich des seltsamen Bildes bewusst, das sie bieten mussten: Foix, grau vor Erschöpfung und mit der Ausrüstung eines Jokoners; Illvin, eine stinkende Vogelscheuche in elegantesten höfischen Trauergewändern, mit tief eingesunkenen Augenhöhlen; und sie selbst in einem zerknitterten weißen Festtagsgewand, das mit braunem Blut bespritzt war, barfuß, zerschlagen und zerkratzt. Ihr zerzaustes Haar vervollständigte den Eindruck allgemeiner Auflösung.
»Kümmere du dich um die Königin«, sagte Foix zu Ferda. »Dann komm zu dy Obys Zelt. Wir haben seltsame und großartige Geschichten zu erzählen.« Er klopfte seinem Bruder auf die Schulter und folgte Illvin.
Für den Augenblick nahm Istas launenhaftes Ross keine bedrohliche Haltung ein, und so trat Ferda an Dämons Schulter und half ihr herunter. Ista war benommen vor Müdigkeit, hielt sich aber entschlossen aufrecht.
»Sorgt dafür, dass dieses schreckliche Pferd gut versorgt wird. Letzte Nacht hat es Lord Arhys treu getragen. Euer Bruder ritt ebenfalls in diesem ruhmreichen Gefecht, und er erduldete Gefangenschaft und schreckliche Unbill. Er benötigt Ruhe, wenn Ihr dafür sorgen könnt, dass er sie sich in diesem Tumult nimmt. Wir alle sind seit gestern Morgen auf den Beinen, und wir haben eine Flucht, eine Belagerung und … Schlimmeres durchlebt. Lord Illvin hat letzte Nacht viel Blut verloren. Achtet darauf, dass er unverzüglich etwas zu trinken und zu essen bekommt.« Nach kurzem Nachdenken ergänzte sie noch: »Und wenn er versucht, in seinem gegenwärtigen Zustand in der Schlacht mitzureiten, dann schlagt ihn nieder und setzt Euch auf ihn drauf. Obwohl ich eigentlich davon ausgehe, dass er mehr Verstand hat.«