»Sie kriegen nicht«, antwortete Berditschewski, indes er eine komplizierte Kombination berechnete.
»Wie meinen Sie das?«
»Die Polizei und die Konsistorialen und auch die Gerichtsleute. Das ist bei uns im Gouvernement nicht üblich, bitte schön. Ich schlage das Bäuerlein.«
»Und die Dame?«, sagte Bubenzow verwundert, schlug sie jedoch ohne Zögern. »So werden auch Ihre Gönner geschlagen werden, und das in kürzester Zeit. Herr Berditschewski, ich brauche zu meiner Unterstützung einen gewiegten Rechtskundigen, der die hiesigen Bedingungen gut kennt. Überlegen Sie es sich. Das könnte eine große Karriere ergeben, vielleicht nicht in der reinen Justiz, sondern in der Kirchengerichtsbarkeit. Dort wäre auch Ihr Judentum kein Hindernis. Viele Säulen der Gesetzgebung entstammen Ihrer Nation, und auch jetzt gibt es unter den Bekehrten eifrige Propagandisten der Orthodoxie. Bedenken Sie auch die Folgen eines Sträubens.« Er fuchtelte viel sagend mit der geschlagenen Dame. »Sie haben doch Familie. Und wie ich höre, wird wieder Zuwachs erwartet?«
Berditschewski war verängstigt und vermied es, den Blick vom Brett zu heben, er murmelte:
»Entschuldigen Sie, mein Herr, aber erstens sind Sie matt. Und zweitens« (dies sagte er fast flüsternd und mit zitternder Stimme), »sind Sie ein Lump, ein niedriger Mensch.«
Sagte es und kniff die Augen zu, denn er dachte gleichzeitig an das Doppelduell und an seine zwölf Kinder und an den erwarteten Familienzuwachs.
Bubenzow lachte auf und musterte den blass gewordenen Helden. Er blickte um sich, ob jemand in der Nähe war (war nicht), verpasste Berditschewski einen sehr schmerzhaften Nasenstüber und ging. Berditschewski schniefte, da fielen zwei rote Tropfen aufs Brett, und er machte einen zögernden Versuch, dem Beleidiger nachzulaufen, aber die aufsteigenden Tränen hüllten alles in einen regenbogenfarbenen Schleier. Er stand noch ein Weilchen, dann setzte er sich wieder.
Nunmehr bleibt nur noch, von dem Gefolge des ungewöhnlichen Synodalkontrolleurs zu berichten, denn dieses Paar war nicht minder malerisch als Bubenzow selbst.
Sein Sekretär war Tichon Jeremejewitsch Selig, der würdige Herr, der dem Wächter aus dem Fensterchen der schwarzen Kutsche freundlich zugenickt hatte. An dem Namen des Beamten, mehr noch aber an seiner Art sich zu geben und zu reden wurde deutlich, dass er dem geistlichen Stand entstammte. Es hieß, Konstantin Petrowitsch habe den einfachen Psalmenleser in seine Nähe geholt, da er an dem bescheidenen Kirchendiener wohl etwas Besonderes wahrgenommen hatte. Im Synod bekleidete Selig nur einen kleinen, unauffälligen und schlecht bezahlten Posten, aber der Oberprokuror würdigte ihn recht oft vertraulicher Vier-Augen-Gespräche, so dass viele, auch unter den Hierarchen, Angst vor ihm hatten.
Dem Inspektor Bubenzow war dieser mäusleinstille Beamte mitgegeben worden als Auge der vertrauenden, doch kontrollierenden Macht, und er kam seinen Pflichten zunächst gewissenhaft nach, aber zum Zeitpunkt der Ankunft in Sawolshsk war er schon gänzlich dem Zauber seines zeitweiligen Chefs erlegen und zu seinem vorbehaltlosen Jünger geworden, da er offenbar entschieden hatte, dass niemand zwei Herren dienen könne. Womit Bubenzow ihn gewonnen hatte, wissen wir nicht, möchten aber annehmen, dass diese Aufgabe für einen so erfinderischen und talentierten Mann nicht sonderlich schwierig gewesen war. Selig blieb seinem Gewerbe treu, doch er schnüffelte und spionierte jetzt nicht zum Schaden Bubenzows, sondern ausschließlich zu dessen Nutzen – durchaus möglich, dass er als weit blickender Mann in diesem Wechsel seiner Vasallenabhängigkeit Vorteile für sich erkannt hatte. Er war von kleinem Wuchs, zog ewig den Kopf zwischen die Schultern und hatte unnatürlich lange Arme mit scherenartigen Händen, die ihm fast bis zu den Knien reichten, darum hatte Bubenzow ihn in der ersten Zeit »Orang-Utan« genannt, doch später hängte er ihm den noch kränkenderen Spitznamen »Unterleibchen« an. (Selig zeichnete sich nämlich durch besessene Frömmigkeit aus, bei ihm war jedes zweite Wort, ob es passte oder nicht, ein Spruch aus der Heiligen Schrift, und er beging einmal die Unvorsichtigkeit, seinem Herrn gegenüber zu erwähnen, dass er zum Schutz vor dem Gottseibeiuns unter seinem Gehrock ein »geweihtes Leibchen« trage. Selig nahm die Scherze seines Vorgesetzten, wie es einem Christenmenschen ziemt, nicht übel, er sagte nur demütig: »Ich entsündige mich mit Ysop und werde rein sein, ich wasche mich und werde weißer sein als Schnee.«
Der Gouvernementsekretär folgte Bubenzow überallhin wie ein Schatten, gleichwohl gelang es ihm wie durch ein Wunder, auch an vielen anderen Plätzen aufzutauchen, denn er hatte sich in Sawolshsk erstaunlich schnell zurechtgefunden. Man sah ihn bald in der Kirche, mitsingend im Chor, bald auf dem Markt, feilschend mit altgläubigen Imkern um den Preis für Honig, bald in Olimpiadas Salon, plaudernd mit dem Advokaten Korsch, der in unserem Gouvernement als erster Fachmann für Erbangelegenheiten galt.
Es war verblüffend, wie ein Mann wie Selig es verstand, mit dem wilden Kutscher Bubenzows umzugehen und gar Freundschaft zu halten. Dieser Murad Dshurajew wurde in Sawolshsk der Tscherkesse genannt, obwohl er kein Tscherkesse war, sondern einem anderen Bergstamm angehörte. Aber wer kannte sich schon bei den Schwarzbärtigen aus! Murad war bei Bubenzow nicht nur Kutscher, sondern auch Kammerdiener und manchmal Leibwächter. Niemand wusste so recht, weshalb er seinem Herrn so hündisch ergeben war. Bekannt war nur, dass er schon lange bei Bubenzow war, der ihn von seinem Vater geerbt hatte. Bubenzow senior, General im Kaukasus, hatte vor langer Zeit, vor zwanzig oder dreißig Jahren, den jungen Murad vor Bluträchern gerettet und nach Russland mitgenommen. Vielleicht gab es da ja noch etwas anderes, Besonderes, aber das fanden die Sawolshsker nicht heraus, und Murad zu fragen fehlte ihnen der Mut. Allein schon sein Aussehen flößte Furcht ein: kahl rasierter Kopf, das Gesicht bis an die Augen mit dichten schwarzen Haaren zugewachsen, und die Zähne konnten einen Arm bis zum Ellbogen abbeißen. Russisch sprach er noch immer wenig und schlecht. Seinen mohammedanischen Glauben hatte er beibehalten, was ihm missionarische Bemühungen von Tichon Selig eintrug, einstweilen ohne Resultat. Er kleidete sich kaukasisch: alter Halbrock, geflickte weiche Lederschuhe, im Gürtel ein riesenlanger silberbeschlagener Dolch. Sein krummbeiniger Schaukelgang und seine breiten Schultern ließen bullige Kräfte vermuten, die Männer fühlten sich in seiner Gegenwart gehemmt, die einfachen Frauen beklommen. Seltsamerweise genoss Murad bei Köchinnen und Stubenmädchen den Ruf eines interessanten Kavaliers, obwohl er sie grob und sogar brutal behandelte. In der zweiten Woche nach Bubenzows Ankunft in Sawolshsk taten sich die Feuerwehrleute der Stadt mit den Fleischern zusammen, um dem »Muselmann« eine Lehre zu erteilen und ihm die Lust auf die Mädchen anderer abzugewöhnen. Murad aber trieb ganz allein das Dutzend Angreifer zu Paaren, verfolgte sie lange durch die Straßen, erwischte den Fleischer Fedka und würde ihn gewiss zu Tode geprügelt haben, wenn nicht Tichon Selig hinzugekommen wäre.
Zu Mord und Totschlag kam es also nicht, aber etliche Städter mit Weitblick wurden nachdenklich, denn sie sahen nach diesem Skandal, besonders da die Polizei nicht wagte, dem Radaubruder Einhalt zu gebieten, das Herannahen wirrer Zeiten voraus. In der Atmosphäre des Gouvernements grummelte es, und über den schwarzen Himmel zuckte, lautlos noch, unheildrohendes Wetterleuchten.