Ich verrenkte mich, um dem König so lange wie möglich nachblicken zu können, während er in Richtung Cheapside verschwand. Als ich mich widerstrebend wieder umwandte, war ich auf der Stelle wie gelähmt, als ich die Frau in der Kutsche unter mir sah. Anne war wunderschön, aber auf eine frische und schlichte Art. Diese Frau aber war schön wie ein Kunstwerk. Perlen glitzerten in ihrem Haar, ihre Haut war wie dünnes Porzellan, nur auf der Wange prangte frech ein Schönheitsfleck. Ihr Kleid war tief ausgeschnitten, und von meiner erhöhten Position erspähte ich mehr von einer Frau, als ich je zuvor gesehen hatte. Ich hegte keine Zweifel, wer sie war.
»Die Königin!«, rief ich. »Lang lebe die Königin!«
Die Frau blickte auf und lächelte. Ihre Augen waren nicht künstlich. Man könnte sie unmöglich malen. Sie waren von einem so dunklen Blau, dass sie fast schwarz wirkten, und blitzten amüsiert auf. Im Porzellan um sie herum bildeten sich winzige Lachfalten, ehe die Kutsche weiterrollte. In diesem Moment merkte ich, dass die Menschen um mich herum jaulend auflachen.
»Die Königin ist auf und davon, du Idiot!«
»Das ist Lucy Hay.«
»Countess of Carlisle.«
»Straffords Hure.«
Der Earl of Strafford war einer der königlichen Ratgeber gewesen, der nicht nur vom Parlament, sondern auch von vielen Anhängern des Königs für sein skrupelloses, nahezu gesetzloses Streben nach Macht gehasst worden war. Ihm war so viel Unmut entgegengeschlagen, dass selbst der König nicht imstande gewesen war, ihn vor den Anfechtungen zu schützen. Mit größtem Widerwillen hatte er das Todesurteil für seine Hinrichtung im Mai dieses Jahres unterzeichnet.
»Jetzt, wo Strafford tot ist, ist sie John Pyms Hure!«
»Die wechselt die Betten wie die Seiten.«
Es gab noch mehr Gelächter, und unter mir brach ein Kampf aus. Ich achtete nicht auf diese niederträchtigen Anschuldigungen gegen eine so schöne Frau, auf die als Angehörige des Hofes ein Teil der königlichen Göttlichkeit abgefärbt haben musste. Ich war überwältigt von dem Gedanken, dass ich bei ihrem Haus gewesen war, wenn auch nicht näher als bis zu ihrem Scheißhaufen, und dass ich, wenn ich jemals wieder Briefe für Mr Pym überbringen würde, vielleicht einen Blick auf Lucy Hay erhaschen könnte.
»Seht ihn euch an!«
»Er ist verliebt.«
»Komm her zu uns!«
Betrunkene Hände streckten sich nach mir aus. Ich merkte, wie sehr meine Arme schmerzten, und ließ erleichtert den Querbalken los, streckte die Hand nach oben, wo mich jemand zu fassen bekam. Eine andere Hand packte mich am Kragen. Ich stieß mich von dem Wandpfosten, auf dem ich gestanden hatte, ab und griff nach der Fensterbank über mir. Genau in diesem Moment sah ich das Banner. Es wurde vom Fahnenträger eines der Peers in die Höhe gehalten, der nicht in der Gnade des Königs stand, wenn man bedachte, wie weit hinter dem König er ritt. Das Banner zeigte eine Art Vogel, ich wusste nicht, was für einen, aber ich hatte das Gefühl, diese Art zuvor schon einmal gesehen zu haben. Der Vogel tauchte auf und verschwand wieder, sobald der Wind ihn erfasste, als würde er tatsächlich fliegen. Ein Falke. Ich hatte ihn schon einmal gesehen! Als sei es gestern gewesen, war ich wieder mit Matthew auf der Werft und schleppte Pech zur Resolution, an der dieselbe Flagge gehisst war, derselbe Falke, zu Ehren des bedeutenden Edelmanns, der das Schiff in Auftrag gegeben hatte.
Und da war er! Steif saß er auf dem Pferd, als würde er nur noch selten reiten. Er zuckte zusammen, als er sich in der Menge umschaute, und ich sah sein Gesicht. Dieser Bart. Dieser freundliche Blick. Aber nein, gar nicht so freundlich. Das Gesicht glich einem zerknitterten Stück Papier, die ergrauten Brauen waren stirnrunzelnd zusammengezogen. Doch für mich gab es keinen Zweifel, dass er der Edelmann war, der sich über mich gebeugt hatte, damals, als ich schlief, nachdem ich mich selbst mit dem heißen Pech verbrannt hatte. Der Edelmann, vor dem Matthew sich gefürchtet hatte und nach dessen Besuch Mr Black mich als Lehrjungen aufgenommen hatte.
»Das ist er! Das ist der Mann!«
Ich musste von allen guten Geistern verlassen sein. Ich deutete auf ihn. Sah, wie er den Hals verrenkte, um nach oben zu blicken und mich anzustarren, während ich einen Moment lang an nur einer Hand hing. Die Leute über mir versuchten, mich zu packen, aber der Mann, der mich hielt, lockerte den Griff, und ich stürzte auf die Menschen unter mir. Ein Mann ging fluchend zu Boden. Andere jubelten. Luke schrie etwas. Will und Ben kamen auf mich zu, doch ich bahnte mir stoßend, schubsend und kämpfend einen Weg durch die Menge und schlängelte mich nach vorn, um den Mann zu erwischen, ehe er vorbei war. Ich erreichte die Zunftmitglieder, die den Weg mit derben Knüppeln blockierten, schnappte mir den Knüppel von einem von ihnen und brachte den Mann so aus dem Gleichgewicht. Was mich vorwärts trieb, waren die Worte in dem Briefschnipsel, den ich in Mr Blacks Kontor gefunden hatte: »Er betrachtet den Jungen mit anderen Augen.«
Der Mann mit der Narbe musste den Brief geschrieben haben, auf Anweisung des Edelmanns. Ich hatte nur ein Ziel, und zwar, zu dem Mann zu gelangen, der aus irgendeinem Grund erst beschlossen hatte, etwas aus mir zu machen, nur um dann, wie ein Töpfer, der ein fehlerhaftes Gefäß aussonderte, zu entscheiden, dass ich »eine große Tollheit« sei, derer man sich entledigen musste.
Warum? Das war die Frage, die ich ihm ins Gesicht schleudern wollte. Warum?
Vielleicht schrie ich das Wort sogar. In meiner Erinnerung verschwimmen die Ereignisse, und ich kann mich nicht entsinnen. Der Zug war zum Halten gekommen. Ich duckte mich unter einem Pferd hindurch und stand nur wenige Schritte von dem Edelmann entfernt, der jetzt auf mich herunterstarrte. Ich war so plötzlich aufgetaucht, dass sein Pferd sich aufbäumte. Als der Edelmann aus dem Sattel zu rutschten drohte, versuchte ich, die Zügel zu ergreifen. Überall um mich herum schrien Leute. Reiter hatten Mühe, ihre scheuenden Pferde in Zaum zu halten. Ich spürte den brennenden Hieb einer Peitsche.
»Aus dem Weg! Ich muss zu meinen Vater!«
Die Stimme gehörte einem Reiter, der sein Reittier perfekt unter Kontrolle hatte. Als er sein Pferd in meine Richtung drängte, erhaschte ich einen Blick auf den Falken, der seinen Umhang zierte. Sein Gesicht ähnelte dem des alten Mannes, nur glatter, und er trug einen ordentlichen Bart, der wie gemeißelt wirkte. Seine scharfen grauen Augen wiesen ihn als einen Mann der Tat aus, der erst richtig lebendig wurde, wenn andere Menschen in Panik und Unordnung gerieten. Er brach durch die Menschenmenge und beugte sich über mich, den Kopf tief über den Pferdehals gesenkt. Seine Augen wurden schmal, während sein Schwert nach unten deutete. Für ihn musste ich wie ein Stück Wild sein, das er auf seinem Anwesen jagte. Oder eher wie Ungeziefer. Jemand schrie etwas in mein Ohr, aber ich war wie eine dieser Ratten am Hafen, hypnotisiert von einem streunenden Hund, der sie in die Ecke getrieben hatte. Die Schwertspitze war nur wenige Zoll von mir entfernt, als ein Knüppel sie zur Seite schlug. Das Schwert drang durch den Umhang in meine Schulter und wirbelte mich herum. Das Pferd des Reiters bockte, aber er bezwang es und lenkte es erneut auf mich zu.
»Lauf!«, schrie die Stimme.
Es war Luke. Er zerrte mich durch das Gewühl und schob mich auf Will zu. »Lauf, du kleiner Narr! Lauf!«
9. Kapitel