Mr. Eben Haie Geldbaron Kanzlei des M. C. Dezember Werter Herr!
Entsprechend unserer Taktik - es schmeichelt uns, daß Sie schon so gut damit vertraut sind - dürfen wir Sie darauf verweisen, daß wir Inspektor Bying einen Paß zur Ausreise aus diesem Jammertal zukommen lassen werden, mit dem Sie ja aufgrund unserer freundlichen Aufmerksamkeiten inzwischen sehr gut bekannt sind. Er hat die Angewohnheit, sich zu dieser Tageszeit in seinem Privatbüro aufzuhalten. Schon wenn Sie dies lesen, wird er seinen letzten Atemzug tun.
Herzlich Ihr Midas Clan
Ich ließ den Brief fallen und sprang zum Telefon. Wie groß war meine Erleichterung, als ich die warmherzige Stimme des Inspektors hörte. Aber noch während er sprach, erstarb seine Stimme, nur noch ein gurgelndes Ächzen war zu vernehmen, und ich hörte entfernt den Aufprall eines Körpers. Dann sagte eine fremde Stimme „Hallo“, übermittelte mir die Grüße des M. C. und legte auf. Unverzüglich rief ich das öffentliche Amt des Polizeipräsidiums an und teilte mit, daß man dem Inspektor in seinem Privatbüro sofort zu Hilfe eilen müsse. Währenddessen blieb ich am Apparat, und ein paar Minuten später erhielt ich die Nachricht, daß man ihn in einem Blutbad gefunden hatte, als er gerade seinen letzten Atemzug tat. Augenzeugen gab es nicht, Spuren des Mörders wurden nicht entdeckt.
Woraufhin Mr. Haie sofort seinem Geheimdienst höhere Zuwendungen machte, bis wöchentlich eine Million aus sei- nen Tresoren floß. Er war entschlossen, sich durchzusetzen. Seine ständigen Ausgaben wuchsen auf über zehn Millionen an. Du hast nun eine klare Vorstellung von seiner Finanzlage und kannst Dir vorstellen, wie er sich verausgabte. Es war das Prinzip, so versicherte er, für das er kämpfte, nicht der Mammon. Und man muß zugeben, daß sein Handeln die Ehrenhaftigkeit seines Motivs unterstrich. Die Polizeiämter aller großen Städte arbeiteten mit uns zusammen, und sogar die Regierung der Vereinigten Staaten trat auf den Plan - dieser Fall wurde zu einer der vorrangigsten Angelegenheiten des Staates. Gewisse Reservefonds der Nation wurden angezapft, um den M. C. zur Strecke zu bringen, und jeder Regierungsbeamte war auf der Hut. Doch alles vergeblich. Der Midas Clan setzte seine ver-dammenswerte Arbeit ungehindert fort. Er tat das auf seine Weise und schlug unfehlbar zu.
Aber während wir bis zum letzten kämpften, konnte Mr. Haie seine Hände nicht von dem Blut reinwaschen, mit dem sie beschmutzt waren. Obwohl er im eigentlichen Sinne kein Mörder war, und obwohl kein Gericht ihn jemals schuldig sprechen würde, waren all diese Menschen dennoch seinetwegen getötet worden. Wie ich schon vorher erwähnt habe, ein Wort von ihm, und das Gemetzel hätte aufgehört. Aber er weigerte sich, dieses Wort auszusprechen. Er beharrte darauf, daß die Integrität der Gesellschaft auf dem Spiel stünde, daß er nicht einfach ein Feigling wäre, der seinen Posten verließ, und daß es doch nur gerecht sei, wenn ein paar - letzten Endes für das Wohlergehen vieler - zu Märtyrern wurden. Trotzdem war er mit Blut besudelt, und er versank in eine immer tiefere Schwermut. Als sein Komplice war ich in ähnlicher Weise mit Schuld beladen. Rücksichtslos wurden Babys, Kinder und Alte getötet; und diese Morde beschränkten sich nicht allein auf unser Gebiet, sondern geschahen an den unterschiedlichsten Orten des Landes. Mitte Februar saßen wir eines Abends in der Bibliothek, da klopfte es laut an der Tür. Als ich nachsehen ging, fand ich im Korridor auf dem Teppich folgendes Schreiben:
Mr. Eben Haie Geldbaron Kanzlei des M. C. Februar Werter Herr!
Peinigt es nicht Ihr Gewissen, daß Sie eine Bluternte reifen lassen? Vielleicht haben wir unsere Aufgabe zu abstrakt ge-handhabt. Werden wir jetzt also konkret. Miß Adelaide Laid-law ist eine hoffnungsvolle, junge Frau, und wie wir gehört haben, so tugendhaft wie schön. Sie ist die Tochter Ihres alten Freundes, Richter Laidlaw, und zufällig wissen wir, daß Sie sie schon als Kind auf dem Arm getragen haben. Sie ist die engste Freundin Ihrer Tochter und gegenwärtig bei ihr zu Besuch.
Wenn Sie bis hierhin gelesen haben, wird ihr Besuch beendet sein.
Sehr herzlich, der Midas Clan
Mein Gott! - augenblicklich begriffen wir die entsetzliche Bedeutung! Wir rasten durch die Aufenthaltsräume - dort’ war sie nicht - und weiter zu ihrem Appartement. Die Tür war verschlossen; wir warfen uns dagegen und brachen sie auf. Da lag sie - geradeso, als hätte sie sich für die Oper zurechtgemacht; wie das blühende Leben, der Körper noch warm und geschmeidig. Ich möchte den Rest des Grauens übergehen. Du wirst Dich sicherlich an die Zeitungsberichte erinnern, lieber John.
Spät in jener Nacht ließ Mr. Haie mich zu sich rufen und beschwor mich vor Gott und mit allem Ernst, ihm beizustehen und keine Kompromisse einzugehen, selbst wenn alle - Verwandte und Bekannte eingeschlossen - vernichtet würden.
Am nächsten Tag überraschte mich seine Fröhlichkeit. Ich hatte geglaubt, daß diese letzte Tragödie ihn tief getroffen hätte - wie tief, sollte ich bald erfahren. Den ganzen Tag lang war er unbeschwert und guter Laune, als ob er doch noch einen Ausweg aus dem entsetzlichen Problem gefunden hätte. Am darauffolgenden Morgen fanden wir ihn tot im Bett, ein friedvolles Lächeln im sorgenzerfurchten Gesicht - erstickt. In stillschweigendem Einvernehmen mit der Polizei und den Behörden wurde sein Tod der Welt als Herzversagen bekanntgegeben. Es erschien uns weiser, die Wahrheit zu verschweigen, aber das hat uns wenig eingebracht, wie alles andere auch.
Kaum hatte ich das Sterbezimmer verlassen, als - aber zu spät - folgender ungewöhnlicher Brief eintraf:
Mr. Eben Haie Geldbaron Kanzlei des M. C. Februar
Werter Herr!
Wir hoffen, Sie werden unsere Aufdringlichkeit so kurz nach dem traurigen Vorfall von vorgestern entschuldigen, aber was wir Ihnen mitzuteilen wünschen, könnte für Sie von größter Wichtigkeit sein. Uns ist eingefallen, daß Sie den Versuch machen könnten, uns zu entfliehen. Es gibt augenscheinlich nur einen einzigen Weg, wie Sie zweifelsohne schon vorher festgestellt haben. Aber wir möchten Ihnen mitteilen, daß auch dieser Weg versperrt ist. Sie mögen sterben, doch Ihr Tod ist ein Versagen, und das wissen Sie. Nehmen Sie zur Kenntnis: Wir sind untrennbar von Ihren Besitztümern. Zusammen mit Ihren Millionen werden wir für immer in den Besitz Ihrer Erben und Rechtsnachfolger übergehen.
Wir sind das Unvermeidliche. Wir sind die höchste Form der Verkörperung der industriellen und sozialen Ungerechtigkeit. Wir wenden uns gegen die Gesellschaft, die uns geschaffen hat. Wir sind die erfolgreichen Mißgeburten des Zeitalters, die Geißel einer entarteten Zivilisation.
Wir sind die Geschöpfe einer pervertierten sozialen Auslese. Wir begegnen der Gewalt mit Gewalt. Nur die Starken werden überleben. Wir glauben an das Überleben der Tüchtigsten. Sie haben Ihre Lohnsklaven in den Dreck gestoßen, und so haben Sie überlebt. Die Kriegsführer haben Ihre Arbeitnehmer in unzähligen blutigen Streiks - auf Ihren Befehl hin - niedergeschossen wie Hunde. Mit solchen Mitteln haben Sie überlebt. Wir lamentieren nicht über die Folgen, denn wir erkennen sie an und führen unsere Existenz auf dasselbe Naturgesetz zurück. Und jetzt erhebt sich die Frage: Wer von uns wird unter den gegenwärtigen sozialen Bedingungen überleben? Wir glauben, wir sind die Geeignetsten. Sie glauben, daß Sie die Tauglichsten sind. Wir überlassen die Entscheidung der Zeit und dem Gesetz.