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Von den Soldaten keine Spur. Eine Tür stand offen. Von Ruac, der gerade nach draußen schoss, sah Jackon nur noch die Schwanzspitze.

Nun kamen auch Nedjo und Godfrey die Treppe herauf. Im gleichen Moment erschütterte ein Erdstoß den Turm. Ziegel fielen vom löchrigen Dach und zerplatzten keine zwei Schritt von Jackon entfernt auf dem Boden. Er flitzte nach draußen, wo ihn ein unbeschreibliches Chaos erwartete.

Weinende Menschen irrten auf der Straße umher. Viele der baufälligen oder mit einfachsten Mitteln errichteten Hütten der Grambeuge waren durch das Beben wie Kartenhäuser in sich zusammengefallen und hatten die Bewohner unter Trümmern begraben. Staub erfüllte die Luft.

Nedjo blickte sich erschüttert um. Auch in Godfreys Gesicht, dessen Miene sonst nie etwas preisgab, glaubte Jackon Entsetzen zu sehen.

»Wo sind die Soldaten?«, fragte der Manusch.

»Keine Ahnung. Weggelaufen.« Auch von Ruac war nichts zu sehen.

Ein neuer Erdstoß erinnerte sie daran, dass sie noch lange nicht in Sicherheit waren. Ziegel rutschten von den Dächern. Von einem alten Stadthaus in der Nähe brach der Erker ab und zerschellte auf der Straße. Die Leute schrien.

»Zum Hügel«, sagte Godfrey. »Ich glaube, dort ist es nicht ganz so schlimm.«

»Was ist mit Ruac?«, stieß Jackon hervor.

»Er findet uns schon. Jetzt komm!«

Der Wasserturm stand auf halbem Weg zwischen dem Rattennest und dem Chymischen Weg. Nur ein paar Blocks nördlich davon, am äußersten Rand der Grambeuge, erhob sich einer der drei Hügel, die den Kessel umgaben. Dorthin rannten sie, vorbei an zerstörten Gebäuden und verzweifelten Menschen. Es gab noch einmal einen heftigen Erdstoß, der sie von den Füßen riss und eine der mehrstöckigen Mietskasernen, die sich an die Hügelflanke klammerten, in einer gewaltigen Staubwolke einstürzen ließ. Dann schien das Beben vorüber zu sein. Sie rappelten sich auf und kämpften sich weiter den Hügel hinauf.

Godfrey hatte Recht: Hier oben hatte das Erdbeben kaum gewütet. Die alten Stadthäuser und wohlhabenden Anwesen, die die Straße säumten, hatten so gut wie keine Schäden erlitten. An einer Stelle, wo eine Gasse in den Kessel hinabführte, drängten sich Hunderte von Menschen und reckten die Köpfe. Die, die etwas sehen konnten, waren blass vor Bestürzung oder schlugen die Hand vor den Mund.

»Was ist da?«, fragte Jackon.

Diese Frage schien sich Nedjo auch zu stellen. »Kommt mit.«

Der Manusch versuchte nicht, sich durch die Menschenmenge zu drängen – die Leute standen so dicht, dass die vorderen Reihen unerreichbar waren. Nedjo lief zu einem Stadthaus, dessen Eingangstür offen stand. Drinnen schien sich niemand aufzuhalten. Offenbar waren die Bewohner ins Freie geflohen.

Sie eilten eine Treppe hinauf und gelangten in einen Flur, wo der Putz von den Wänden bröckelte. Wohnungstüren befanden sich links und rechts. Sie spähten aus dem vergitterten Fenster am Ende des Korridors, konnten jedoch nichts erkennen, denn die benachbarten Mietshäuser versperrten ihnen die Sicht. Also begaben sie sich ins nächsthöhere Stockwerk, von dem aus sie einen besseren Blick auf den Kessel hatten.

Nedjo und Godfrey waren vor Jackon an dem Fenster, das zu klein war, als dass drei Leute hindurchschauen konnten. »Lasst mich auch«, sagte er. Als sie nicht reagierten, zwängte er sich zwischen sie.

Er konnte nicht fassen, was er sah. Der Kessel war vollkommen verwüstet. Was sie in den letzten Minuten erlebt hatten, war nichts verglichen damit, was sich im industriellen Zentrum der Stadt abgespielt haben musste. Das Erdbeben war mit vernichtender Urgewalt hineingefahren. Kaum ein Stein stand noch auf dem anderen. Häuser, Manufakturen, Fabriken waren bis auf die Grundmauern zusammengestürzt, hatten Menschen und Maschinen unter sich begraben. Überall stieg Rauch auf. Der Wind trug Schreie voller Schmerz und Verzweiflung über die Ruinen.

Doch so schrecklich die Zerstörung auch war, es gab etwas, das Jackon noch viel mehr entsetzte: In der Stadt klaffte eine Erdspalte. Sie musste zahllose Gebäude verschlungen haben. Gezackt verlief sie durch den Kessel, ein gewaltiger Halbmond, der nördlich der Alten Festung begann und bis zum Rodis reichte. Schäumend stürzte das Flusswasser in die Tiefe und riss Boote und Gebäudeteile mit.

Jackon stockte der Atem. Das konnte nicht sein. So etwas war einfach nicht möglich.

»Da! Seht ihr das?«, stieß Nedjo hervor. »Tessarion sei uns gnädig!«

Er deutete auf den Riss. Etwas bewegte sich in der Finsternis.

Geschöpfe mit schwarzen Schwingen stiegen aus der Tiefe empor.

TEIL II

Yaro D'ar

21

Der Abgrund

Liam sprang hoch, griff nach einer Eisenspitze und wollte sich hinaufziehen, als die Mauer plötzlich anfing zu wackeln. Vor Schreck verlor er den Halt und fiel auf den Rücken.

Was, bei allen Dämonen, war das?

Aus dem Wald drang das Bersten von Holz und Wurzelwerk. Die Baumwipfel schwankten, als zerrten Sturmböen an ihnen.

»Liam, beeil dich!«, schrie Vivana auf der anderen Seite der Mauer. »Da kommen Umbra und Amander!«

Er schnellte auf die Füße und versuchte erneut, an der Mauer emporzuklettern. Allerdings hatte er nicht bedacht, dass der Garten einen Fuß tiefer lag als der Wald und die Mauer somit innen höher als außen war. Ohne Hilfe würde es sehr schwer werden, sie zu erklimmen.

Hektisch blickte er sich nach Lucien um. Der Alb ließ nicht zu, dass Corvas sich von seinem Angriff erholte, sondern versetzte seinem Gegner einen harten Schlag ins Gesicht, bevor er herumwirbelte und auf Liam zugelaufen kam.

»Liam! Lucien! Hier rüber!«, rief Quindal. Er stand an einer Stelle, wo das Mauerwerk brüchig wirkte, ballte seine mechanische Hand zur Faust und schlug zu. Mit übermenschlicher Kraft zerschmetterte er das Gestein, ein zweiter Schlag schuf eine Spalte, ein dritter vergrößerte die Bresche.

Liam rannte zu ihm und fiel beinahe hin, als sich der Boden unter ihm hob und senkte. Im nächsten Moment war es schon wieder vorbei. Ein Erdbeben! Er konnte es nicht fassen. Erdbeben gab es in Karst und in Torle. Aber doch nicht hier, in Bradost!

»Du zuerst«, sagte Quindal.

Liam quetschte sich durch die Mauerspalte, gefolgt von Lucien und dem Erfinder. Auf der anderen Seite erwartete sie Vivana. »Da entlang!«, schrie Lucien. Sie rannten los, weg von dem Garten, aber nicht in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Ein Schuss donnerte. Liam zog unwillkürlich den Kopf ein und warf einen Blick über die Schulter. Irgendwo hinter ihnen im Unterholz sah er zwei Gestalten, die ihnen mit gezückten Pistolen nachrannten.

»Wie haben sie uns gefunden?«, fragte er atemlos, während er durch den Wald hetzte, sich unter Ästen duckte und über Baumwurzeln sprang.

»Corvas' Krähen vermutlich«, erwiderte Lucien, bevor er abrupt stehen blieb. Vor ihm fiel krachend ein armdicker Ast zu Boden.

Der ganze Wald knarrte und stöhnte. Neue Erschütterungen ließen den Boden zittern. Sie waren nicht so stark, dass die Erde aufriss, aber stark genug, dass all das tote Holz, das die Herbststürme abgerissen hatten, nun aus den Baumwipfeln geschüttelt wurde. Überall regnete es Äste, manche so dick, dass sie einen erschlagen konnten. Der Wald war zu einer Todesfalle geworden. Aber nicht nur für sie, auch für ihre Verfolger. Liam konnte Umbra und Amander nicht mehr sehen. Offenbar hatte das herabfallende Holz ihnen den Weg abgeschnitten oder sie gezwungen, Deckung zu suchen.