Das Erdbeben war ihre Chance! Vielleicht half es ihnen, zu entkommen.
Während sie darauf warteten, dass der Boden zur Ruhe kam, lud Quindal seine Pistole nach. Der Erfinder zitterte und verschüttete das Schwarzpulver, bis es ihm endlich gelang. Liam konnte es ihm nicht verdenken. Erst die Bleichen Männer, dann das plötzliche Auftauchen von Corvas, und jetzt auch noch das Erdbeben – das war einfach zu viel für ihn, zu viel für sie alle.
»Weiter!«, drängte Lucien, als das Beben nachließ, und sie hasteten geduckt unter den niedrigen Ästen hindurch.
Sie rannten über eine kleine Lichtung, auf der sich mehrere morsche Baumstämme auftürmten. »Achtung, da oben!«, rief Vivana und deutete auf eine Krähe, die zwischen den Wipfeln erschien.
»Diesmal krieg ich dich, du Hurensohn«, knurrte ihr Vater und schoss. Die Kugel verfehlte ihr Ziel und zerfetzte einen Ast. Die Krähe verschwand zwischen den Baumwipfeln. Quindal wollte noch einmal auf sie anlegen, doch Vivana ergriff seine Hand und zog ihn mit sich.
Ihr Weg führte nun hangabwärts. Das Erdbeben schien aufgehört zu haben, und ihre Verfolger holten auf. Für einen flüchtigen Moment konnte Liam Umbra im Blättergewirr erkennen. »Amander, hier drüben«, brüllte sie und legte mit der Pistole an. Ein Schuss peitschte durch das Unterholz und schlug so dicht neben Liam in einen Baumstamm ein, dass er von einem Hagel aus Holzsplittern getroffen wurde. Gleichzeitig begannen sich die Schatten der Äste zu bewegen, belebt von Umbras unheimlichen Kräften, gewannen Festigkeit und griffen nach ihm wie Tentakel aus rauchiger Dunkelheit.
Liam duckte sich darunter hindurch und lief schnell weiter. Zu seiner Linken glaubte er, eine Gestalt näher kommen zu sehen. »Passt auf, da ist Amander!«
Lucien hatte den Leibwächter auch gesehen, schlug einen Haken und änderte seine Richtung. Liam und die anderen hefteten sich an seine Fersen. Auf ihrer Hast den Hang hinab mussten sie immer wieder zuckenden Schatten ausweichen, die versuchten, sie zu packen und zu Fall zu bringen.
Kurz darauf lichtete sich der Wald. Vor ihnen lag der Norden von Scotia mit seinem Gassenlabyrinth, das sich vom Waldrand bis zum Ufer des Rodis erstreckte. Liam bemerkte, dass das Erdbeben zahlreiche Gebäude in Mitleidenschaft gezogen hatte, besonders die höheren. Einige waren eingestürzt, viele schwer beschädigt.
Plötzlich bebte die Erde abermals. Während Liam und seine Gefährten die Richtung zur Stadt einschlugen, erzitterte der Boden unter mehreren leichten Stößen.
»In die Gassen!«, sagte Lucien. »Dort versuchen wir, sie abzuhängen.«
Zwischen dem Waldrand und der ersten Häuserzeile befanden sich kleine Gärten, die terrassenartig am Hang angelegt waren. Sie folgten der Treppe zwischen den Grundstücken und nahmen mit jedem Schritt mehrere Stufen auf einmal. Aus den Augenwinkeln sah Liam Umbra und Amander aus dem Wald kommen. Umbra deutete auf sie und rief etwas, woraufhin ihr Kumpan zu ihr gelaufen kam. Sie packte ihn unsanft am Arm, wich zurück in den Schatten – und verschwand.
Liam blieb ruckartig stehen, als ihm klar wurde, was sie vorhatte. »Vorsicht!«, schrie er. Im gleichen Moment erschienen Umbra und Amander in der Gasse, auf die seine Gefährten zuliefen.
Quindal schoss, und die beiden Leibwächter suchten Deckung hinter einem Mauervorsprung. Das verschaffte den Gefährten genug Zeit, um zur benachbarten Gasse zu laufen.
Die Hatz durch den Wald und die Gärten hatte Liam so sehr erschöpft, dass jeder Atemzug wie Feuer in seinen Lungen brannte. Er spürte, wie ihn allmählich die Kräfte verließen. Seinen Freunden ging es ähnlich. Quindal war knallrot im Gesicht, und Vivana klebten schweißfeuchte Haarsträhnen an Wangen und Hals. Lange würden sie dieses Tempo nicht mehr durchhalten.
Nur noch ein paar Häuserblocks, dachte Liam. Wenn sie erst in den Gassen waren, mit all dem Durcheinander und den vielen Menschen, konnten sie ihre Verfolger vielleicht abschütteln.
Lucien war der Einzige, der keinerlei Anzeichen von Ermüdung erkennen ließ. Leichtfüßig rannte er voraus. Aus weiter Ferne hörte Liam ein Grollen, und plötzlich war ihm, als hebe sich das Pflaster empor. Er stolperte und prallte gegen die Hauswand. Ziegel rutschten von den Dachschrägen und zersplitterten auf dem Boden.
Gleichzeitig bemerkte er aus den Augenwinkeln eine Bewegung. Er wirbelte herum und sah Corvas, der sich wenige Schritt von ihm entfernt, am Eingang der Gasse, in Menschengestalt zurückverwandelte. Der Boden bebte noch immer. Liam ruderte mit den Armen und fiel auf sein Hinterteil. Corvas kam mit flatterndem Mantel auf ihn zu.
Liam wusste, dass er es nicht mehr rechtzeitig schaffen würde aufzustehen, bevor der Bleiche bei ihm war. Hinter ihm rief jemand seinen Namen, und er sah Vivana zu ihm stürzen. Hastig riss er seine doppelläufige Pistole aus dem Gürtel und drückte ab. Nichts geschah. Er hatte bereits beide Kugeln im Spiegelsaal der Bleichen Männer verschossen und seither keine Zeit gefunden, sie nachzuladen.
Verdammte Pistolen! Brachten ihm nichts als Pech.
Er schleuderte Corvas die Waffe entgegen, zwang den Bleichen, den Kopf einzuziehen, und federte hoch. Wieder erzitterte die Erde. Ein Knirschen erklang. Liam sah nach oben, während er zurücktaumelte. Im Mauerwerk des Hauses zu seiner Rechten hatten sich tiefe Risse gebildet. Das Ecktürmchen sackte nach unten weg und kippte in die Gasse.
In diesem Moment packte Vivana seinen Arm und zog ihn nach hinten. Keinen Wimpernschlag später fiel das Türmchen an der Stelle, wo er eben noch gestanden hatte, mit einem lauten Krachen zu Boden und zerbarst. Corvas sprang zurück und verschwand in einer Wolke aus Staub. Hand in Hand rannten Liam und Vivana ihren Gefährten nach.
Kurz darauf befanden sie sich mitten in Scotia. Überall Panik, Verzweiflung, weinende Menschen. Schutt und Trümmer bedeckten die Straßen. Wie durch ein Wunder gelang es Liam, seine Freunde nicht aus den Augen zu verlieren.
»Schnell, da hinein«, sagte Lucien und dirigierte sie zu einer offenen Tür. Rasch betrachtete Liam die Fassade des Hauses, bevor er dem Alb folgte. Eine Taverne. Sie sah einigermaßen intakt aus, trotzdem war ihm nicht wohl bei dem Gedanken, im Innern eines Gebäudes Zuflucht zu suchen. Mehrere Häuser in der Nachbarschaft waren eingestürzt.
»Was ist mit dem Erdbeben?«
»Ich glaube, es hat aufgehört. Kopf runter!«
Sie duckten sich unter dem vorderen Fenster des Schankraums. Vorsichtig spähte Liam hinaus und erblickte einen staubbedeckten Corvas, der auf der Straße mit Umbra und Amander zusammentraf. Die drei brüllten sich an und gestikulierten wild und liefen schließlich die Straße hinunter.
Liam schloss die Augen und ließ seinen Kopf gegen die Wand sinken. Sie hatten es geschafft. Sie waren in Sicherheit.
Vivana, Quindal und er waren so außer Atem, dass sie eine ganze Weile nicht sprachen. Liam betrachtete die Verwüstung draußen. Erst jetzt begriff er, was in der vergangenen halben Stunde geschehen war: Eine Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes war über Scotia hereingebrochen, wahrscheinlich sogar über ganz Bradost. Vermutlich hatten unzählige Menschen ihr Leben verloren und noch viel mehr all ihr Hab und Gut. Liam biss sich auf die Lippen. Als ob die Leute nicht schon genug gelitten hätten...
Seine Gefährten schienen ähnliche Gedanken zu hegen, ihren Mienen nach zu schließen. »Ein Erdbeben.« Quindal schüttelte fassungslos den Kopf. »Das hat es in Bradost noch nie gegeben. In den ganzen zweitausend Jahren seiner Geschichte nicht.«
»Das war kein normales Erdbeben«, sagte Lucien.
»Nicht?«, fragte Liam. »Was dann?«
Der Alb gab keine Antwort. Er stand auf. »Kommt. Wir müssen zum Versteck und herausfinden, ob die anderen wohlauf sind.«
Müde machten sie sich auf den Weg. Lucien bestand darauf, dass sie aus Sicherheitsgründen zur alten Brauerei zurückkehrten, wo sie die Katakomben verlassen hatten. Als sie dort ankamen, stellte sich jedoch heraus, dass der Tunnel nicht mehr begehbar war – das uralte Mauerwerk war nach knapp hundert Schritt eingestürzt. Also blieb ihnen nichts anderes übrig, als Scotia oberirdisch zu durchqueren. Liam fürchtete, Corvas und seine Kumpane könnten sie entdecken, doch von den drei Leibwächtern war weit und breit nichts zu sehen. Auch Krähen zeigten sich keine. Anscheinend hatte das Erdbeben Corvas' geflügelte Spione verjagt.