»Das ist deine Bekannte, nehme ich an«, sagte Vivanas Vater.
»Sie ist das Oberhaupt von Suuraj. Ich kenne sie schon viele Jahre. Von ihr bekommen wir alles, was wir brauchen.«
»Gut«, sagte Nedjo. »Ich warte hier auf euch.«
Vivana stellte fest, dass er noch blasser als heute Morgen aussah. Die neuen Eindrücke waren eindeutig zu viel für ihn. »Soll ich bei dir bleiben?«, fragte sie besorgt.
»Nicht nötig. Ich komme schon klar.«
Vivanas Vater hielt es jedoch für zu riskant, Nedjo allein zu lassen, und bestand darauf, auf ihn aufzupassen.
Nachdem sich die Gefährten von den beiden Männern verabschiedet hatten, stiegen sie aus. Die Luft draußen war so heiß und feucht, dass Vivana sich wie in einem Dampfbad fühlte. Augenblicklich brach ihr am ganzen Körper der Schweiß aus. Es roch wie auf einem Schiff: nach feuchtem Holz, Algen und fauligem Bilgewasser.
Von der Landebasis führte eine Rampe hinab ins Gassengewirr. Es war eine Sache, das Stadtfloß aus der Luft zu betrachten, aber eine ganz andere, es zu durchqueren und die prachtvollen Kuppeln und anmutigen Balkone aus unmittelbarer Nähe zu sehen. Vivana wusste nicht, wohin sie zuerst schauen sollte, so viel gab es zu entdecken. Beim Bau der Häuser waren die verschiedensten Holzsorten zum Einsatz gekommen, schwarze und weiße, braune und beigefarbene mit bizarren Maserungen, wodurch jedes Gebäude einzigartig war und sich gleichzeitig harmonisch in die Umgebung einfügte. Fenster- und Türrahmen waren mit verschlungenen Mustern bemalt. Geschnitzte Greifen und geflügelte Löwen wachten vor den Eingängen. In den engen und schattigen Höfen plätscherten Brunnen aus Alabaster und Kupfer und sorgten für ein wenig Kühle.
Mückenschwärme ballten sich über den zahllosen Kanälen zwischen den Plattformen. Ein paar Schritt tiefer schaukelten die von Rost, Muscheln und trockenem Seetang bedeckten Fässer auf dem Wasser. Der begrenzte Platz zwang die Bewohner des Stadtfloßes, erfindungsreich zu bauen. Verwinkelte Häuser nutzten jeden Quadratzoll aus. Manche ragten gar über die Plattformen hinaus und besaßen Anbauten, die von waghalsigen Stützgerüsten getragen wurden. Viele Gassen waren so schmal, dass zwei Männer mit Handkarren Schwierigkeiten hatten, aneinander vorbeizukommen.
Daher spielte sich das Leben hauptsächlich auf den Dächern ab. Zwischen den Kuppeln befanden sich Terrassen mit kleinen Gärten, über denen Sonnensegel aufgespannt waren. Die Menschen, die im Schatten saßen, trugen bunte Gewänder mit weiten Ärmeln und hatten sich wie Khoroj das schwarze Haar an der linken Schläfe zu einem komplizierten Knoten gebunden. Die meisten waren von schlankem Wuchs und besaßen fein geschnittene Gesichter und mandelförmige Augen. Egal, ob sie schnitzten, ein Ruderboot bauten, Körbe flochten oder Fisch ausnahmen, sie taten alles mit solch einer Anmut, dass sich Vivana daneben ein wenig plump vorkam.
Auch in den Gassen und Höfen wurde unablässig gearbeitet. Männer tauschten insektenzerfressene und morsche Planken durch neue aus, strichen Wände und dichteten Löcher in den Böden mit Teer ab. Der Alltag auf dem Stadtfloß war ein ständiger Kampf gegen Fäulnis und Zerfall.
Nicht nur die harte Arbeit machte den Bewohnern von Suuraj zu schaffen. Vivana entdeckte überall Anzeichen, dass sie nicht von den Ereignissen der letzten Tage und Wochen verschont worden waren. Viele Menschen litten sichtlich unter den Verwerfungen in den Traumlanden und wirkten übernächtigt, nervös und ängstlich. Auf den Türmen und Dächern standen Soldaten, wie Khorojs Leibwächter in muschelartige Rüstungen und Helme gehüllt, und beobachteten wachsam die Flussufer. Vivana vermutete, dass sie nach Dämonen Ausschau hielten.
Viele Leute, die ihnen in den Gassen begegneten, grüßten Khoroj freundlich. Offenbar war er in Suuraj ein bekannter und angesehener Mann.
Am Ende der Gasse befand sich ein Hospital. Auf dem Weg dorthin kamen ihnen zwei seltsam gekleidete Personen entgegen. Sie trugen nachtschwarze Roben mit weiten Kapuzen und verbargen ihre Gesichter, die wie ihre Hände ungewöhnlich blass waren, hinter silbernen Halbmasken.
»Was sind das für Männer?«, fragte Vivana, während sie versuchte, den beiden unheimlichen Gestalten nicht zu auffällig nachzustarren.
»Astrophilosophen«, sagte Khoroj, der vor den Kapuzenträgern respektvoll das Haupt geneigt hatte. »Ich fürchte, ich kann dir nicht zufriedenstellend erklären, was das ist – in Bradost gibt es dafür keine Entsprechung. Man könnte es eine Mischung aus Sterndeuter, Priester und Mystiker nennen. Astrophilosophen versetzen sich in Meditation, beobachten die Sterne an Assamiras Himmelszelt und erforschen so die Schattenwelt. Sie sind sehr mächtig und einflussreich in Yaro D'ar... So, da wären wir. Wartet am besten hier, während ich mit den Ärzten spreche.«
Das Hospital war nicht sehr groß. Dem Eingangsraum schloss sich ein lichter Kuppelsaal an, in dem auf zwei Ebenen etwa fünfzehn Betten standen, mit Stellwänden dazwischen. Mehrere Ärzte und Pfleger kümmerten sich um die Patienten.
Khoroj kam mit einer jungen Ärztin zurück und erklärte, sie wolle Nedjo sehen. Die Gefährten brachten sie zum Luftschiff, wo sie den Manusch untersuchte. Da sie nur Yarodi sprach, musste Khoroj ihre Fragen und Nedjos Antworten übersetzen. Die Ärztin sagte, Nedjo müsse sich einige Tage im Hospital behandeln lassen, da er absolute Ruhe brauche. Erwartungsgemäß weigerte er sich zunächst und willigte erst ein, als Vivana drohte, ihm die Freundschaft zu kündigen, wenn er nicht auf die Ärztin hörte. Schließlich kamen zwei Pfleger, setzten den missmutigen Manusch in einen Rollstuhl und brachten ihn zum Hospital.
Anschließend machten sich die Gefährten auf den Weg zum Kapitänspalast, einem Gebäudekomplex in der Nähe der Landeplattform. Die Anspannung, die Vivana überall in der Stadt gespürt hatte, war hier am intensivsten. Auf dem kleinen Platz vor den Toren wimmelte es von Soldaten und nervösen Männern und Frauen in Amtsroben.
Der Palast selbst glich einem Bienenstock. Die Eingangshalle war voller Aeronauten, die von ihren Offizieren Befehle bekamen. Schreiber nahmen Berichte auf und eilten davon. Khoroj sprach einen Wächter an und wurde laut, als er eine abweisende Antwort erhielt. Schließlich lenkte der Mann ein, befahl ihnen, hier zu warten, und verschwand im Gewühl. Eine halbe Stunde später tauchte ein anderer Wächter auf und führte sie zu einem aetherbetriebenen Aufzug, in dem Vivana und ihre Freunde nach oben fuhren.
»Jerizhin ist gerade sehr beschäftigt«, sagte Khoroj. »Aber sie wird uns empfangen, sobald ihre Pflichten es erlauben. Wir sollen so lange in ihren Gemächern warten.«
Der Aufzug hielt, und sie betraten ein Zimmer hoch über Suuraj, dessen Fenster einen atemberaubenden Blick auf die schwimmende Stadt boten. Sonnenlicht verfing sich in den orangefarbenen Seidenvorhängen. Auf dem Boden lagen erlesene Teppiche, deren Knüpfmuster Orchideen nachempfunden waren.
Zwei Diener forderten sie auf, in den geschnitzten Sesseln Platz zu nehmen, und brachten Schalen mit frischem Obst. Die exotischen Früchte waren leuchtend rot und sahen aus wie eine Kreuzung aus Banane und Paprika. Vivana nahm ein Stück und fragte sich, wie man dieses seltsame Gewächs aß. Biss man einfach hinein? Khoroj half ihr, die Schale zu entfernen, und sie kostete von dem rosafarbenen Fruchtfleisch. Es schmeckte köstlich und süß, so ähnlich wie Erdbeeren. Dazu gab es kühlen und erfrischenden Tee.
Es dauerte mehr als zwei Stunden, bis Jerizhin kam. Sie trug eine rote Uniform, einen Einteiler mit zwei Reihen aus polierten Messingknöpfen, der ihren schlanken Leib betonte. Ihr nachtschwarzes Haar war am Hinterkopf hochgebunden, und an ihrem Nasenflügel glitzerte ein winziger Rubin. Sie war so schön, dass es Vivana für einen Moment den Atem verschlug.
Lächelnd umarmte sie Khoroj. Die beiden sprachen einige Minuten auf Yarodi miteinander, bevor Khoroj sie seinen Begleitern vorstellte. Die Art, wie Khoroj und Jerizhin miteinander umgingen, sagte Vivana, dass sie einst ein Liebespaar gewesen waren. Offenbar gab es zwischen ihnen immer noch freundschaftliche Gefühle.