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Arleejs Herz raste. Leiard hat recht, schoss es ihr durch den Kopf. Das sind nicht seine Gedanken. Sie kommen von Mirar.

Sie war schon früher auf ähnliche Netzerinnerungen gestoßen. Die meisten Traumweber trugen Bruchstücke von Mirars Erinnerungen in sich, die sie bei Vernetzungen erworben hatten. Mirar war so lange mit anderen Traumwebern vernetzt gewesen, dass noch immer viele seiner Erinnerungen existierten. Das Ritual, das Mirar geschaffen hatte, um das Verständnis unter den Traumwebern zu fördern und das Lehren zu beschleunigen, erhielt außerdem einen Teil von ihm in den Gedanken seiner Anhänger am Leben, und diese Überlegung hatte etwas Tröstliches.

Leiard trug jedoch mehr als nur Bruchstücke von Mirars Erinnerungen in sich. Sein Geist war erfüllt von so vielen Erinnerungen, dass ein wenig von Mirars Persönlichkeit an die Oberfläche gekommen war. Es war so, als kenne man jemanden so gut, dass man vorhersehen konnte, wie er sich benehmen oder was er sagen würde.

Arleej nahm die Erregung der anderen Traumweber wahr. Sie konnte spüren, wie sie gierig nach weiteren Erinnerungen suchten, aber jetzt, da Leiard über ihren Ursprung nachsann, war die Flut verebbt. Arleej konnte erkennen, dass er die Wahrheit nicht gekannt oder auch nur vermutet hatte. Er war sich nicht einmal sicher, von wem er die Erinnerungen aufgefangen hatte. Wahrscheinlich stammten sie von seinem Lehrer, obwohl er keine starke Erinnerung an den Mann -oder an die Frau – hatte. Und noch etwas anderes bereitete ihm Ungemach. Warum waren so viele seiner Erinnerungen so verschwommen?

Du hast viele Netzerinnerungen, erklärte sie ihm. Und du hast lange Jahre in großer Abgeschiedenheit verbracht. Mit der Zeit ist es leicht zu vergessen, welche Erinnerungen deine sind und welche nicht. Die Grenzen verschwimmen, daher musst du sie neu aufbauen. Dazu sind Vernetzungen die beste Methode. Die Bekräftigung deiner Identität am Ende einer Vernetzung stärkt dein Gefühl für dein eigenes Ich.

Aber auf diesem Wege werde ich noch weitere Netzerinnerungen empfangen, wandte Leiard ein.

Ja, das ist richtig. Doch je häufiger du dich vernetzt, umso geringer werden die Schwierigkeiten, die du damit hast. Für den Augen blick solltest du dich nur mit einem einzigen Traumweber vernetzen, so dass auf jede Bekräftigung deines Ichs eine geringere Zahl an Erinnerungsübertragungen kommt. Vernetze dich mit jüngeren Leuten, die weniger Erinnerungen zu übertragen haben. Dieser junge Mann, den du unterrichtest, würde deinen Zwecken zum Beispiel sehr dienlich sein.

Jayim. Leiard dachte darüber nach, wie wenig Lebenserfahrung der Junge hatte, ja, er wäre am besten geeignet-falls er sich dafür entscheidet, Traumweber zu bleiben. Von mehreren der Traumweber kam ihm eine Welle der Enttäuschung entgegen. Ihnen war klargeworden, dass Leiard sich während seiner Zeit in Arbeem keiner weiteren Vernetzung anschließen konnte, so dass sie nicht mehr von Mirars Erinnerungen zu sehen bekommen würden. Arleej betrachtete ihre Reaktion mit einer gewissen Erheiterung. Ihre Leute hatten all ihren Argwohn beiseitegeschoben, und jetzt akzeptierten sie Leiard und vertrauten ihm. Lag der Grund dafür einzig darin, dass er Mirars Erinnerungen bewahrte?

Nein, befand sie. Seine Absichten sind gut. Seine Treue gilt uns, obwohl sie auf eine ernste Probe gestellt werden würde, sollte er gezwungen sein, zwischen seinen Leuten und Auraya zu wählen. Dass er glaubte, diese neueste Weiße sei seiner hohen Meinung würdig, war ebenfalls ein gutes Zeichen.

Solchermaßen zufriedengestellt, begann sie den letzten Teil des Rituals, die Selbstbekräftigung.

Ich bin Arleej, Traumweberälteste. Geboren in Teerninya als Tochter von Leenin Stiefelmacher und...

Sie zog ihre Gedanken in sich zurück, während sie sich die Dinge ins Gedächtnis rief, die sie am deutlichsten prägten. Als sie die Augen aufschlug, stellte sie fest, dass Leiard noch immer in dem Ritual befangen war. Die Linien auf seiner Stirn vertieften sich, dann holte er tief Luft und sah Arleej an. Sie lächelte und ließ seine Hand los.

»Du warst eine große Überraschung für uns, Leiard.« Sein Blick wanderte zu den anderen Traumwebern, die sich in Gruppen zusammengefunden hatten, um zu reden, und zweifellos redeten sie über ihn. »Die Entdeckung dieses Abends war auch für mich eine Überraschung. Ich muss darüber nachdenken. Wird irgendjemand Anstoß nehmen, wenn ich jetzt fortgehe?«

Arleej schüttelte den Kopf. »Nein, sie werden es verstehen. Die meisten von ihnen kehren kurz nach einer Vernetzung nach Hause zurück – obwohl ich denke, dass sie mit dieser Gewohnheit brechen würden, wenn du geblieben wärst. Ich werde dich hinausbegleiten, bevor sie sich auf dich stürzen können.« Sie führte ihn zur Tür und scheuchte einen der älteren Traumweber beiseite, als er an Leiard herantreten wollte.

»Leiard muss zu seinen Reisegefährten zurückkehren«, erklärte sie. Ein Raunen der Enttäuschung wurde laut. Leiard berührte nacheinander Brust, Mund und Stirn, und die anderen Traumweber folgten seinem Beispiel mit feierlicher Miene.

Als sie ihn durch den Flur zum Eingang des Hauses begleitete, fiel Arleej nichts zu sagen ein, abgesehen von einer Flut von Fragen, die sie besser bei anderer Gelegenheit stellen sollte. Sie trat aus dem Haus, wo soeben ein gemieteter Plattan angekommen war, um eine Familie mit einem kranken Kind aussteigen zu lassen. Sie rief nach dem Fahrer.

»Bist du frei, um eine andere Fahrt übernehmen zu können?«, fragte sie.

»Wohin?«, wollte der Mann wissen.

»In den Tempel«, antwortete sie. »Zum Hintereingang.«

Der Fahrer zog die Augenbrauen hoch. Sie handelte einen fairen Preis aus, entlohnte den Mann und sah dann zu, wie Leiard in den Wagen stieg.

»Ich werde dich morgen gewiss wiedersehen«, sagte sie.

»Ja.« Leiard lächelte, dann wandte er das Gesicht nach vorn. Der Fahrer, der dies als Fingerzeig verstanden hatte, schnippte mit den Zügeln, und der Wagen rollte davon. Arleej schüttelte langsam den Kopf. Es war in der Tat eigenartig, einen Traumweber »nach Hause« zum Tempel zu schicken.

Als der Wagen außer Sicht war, eilte sie zurück ins Haus. Wie sie vermutet hatte, erwartete sie ihr Vertrauter, Traumweber Neeran, im Flur. Seine Augen hatten sich geweitet vor Staunen.

»Das war... war...«

»Bemerkenswert«, pflichtete sie ihm bei. »Komm mit nach oben in mein Zimmer. Wir müssen reden.«

»Von all den Menschen, die Mirars Erinnerungen halten können«, flüsterte er, während er ihr die Treppe hinauffolgte, »musste es ausgerechnet der Traumweber sein, der die Weißen berät.«

»Ein außerordentlicher Mann in einer außerordentlichen Position«, gab sie ihm recht. Als sie die Tür ihres Quartiers erreichte, drückte sie sie auf und geleitete Neeran hinein. Er drehte sich zu ihr um.

»Glaubst du, die Weißen wissen es?«

Sie erwog seine Frage. »Wenn er es nicht einmal wusste, wie könnten sie es dann wissen?«

»Alle Weißen können Gedanken lesen. Juran wird gewiss etwas von Mirar in Leiard entdeckt haben.«

Arleej dachte an Leiards Worte: »... alle Gedanken sind für die Weißen sichtbar.«

»Wenn Juran es weiß, dann bekümmert es ihn nicht allzu sehr. Wenn er es nicht weiß, nun, jetzt, da dies uns und Leiard bekannt ist, werden es auch die Weißen entdecken. Ich hoffe nur, das wird ihm keine Schwierigkeiten machen.«

Neerans Augen weiteten sich, und er nickte zustimmend. »Außerdem wissen sie, dass Leiard zu unser beider Wohl gearbeitet hat.« Er blickte zu Arleej auf. »Was schon für sich genommen eigenartig ist, nicht wahr?«