Eine dunkle Gestalt tauchte in dem noch dunkleren Loch auf. Ulv reagierte blitzschnell. Er stand geräuschlos auf, hob sein Blasrohr an den Mund und zielte sorgfältig. Der Magter brach in die Knie und fiel zu Boden. Noch bevor er dort aufprallte, schnellte Ulv nach vorn und verschwand in der Höhle. Dort schien sich ein kurzer Kampf abzuspielen, dann herrschte wieder vollkommene Stille.
Brion näherte sich vorsichtig dem Eingang und hielt dabei die Pistole in der Hand, weil er nicht wußte, was ihn dort erwartete. Er stolperte über einen leblosen Körper. »Es waren nur zwei«, flüsterte Ulv aus der Dunkelheit. »Jetzt können wir weiter.«
Das Innere der Höhle glich einem weitverzweigten Irrgarten, in dem sie nur langsam vorankamen. Sie hatten keine Lampe mitgenommen und hätten sie auch gar nicht zu benützen gewagt. Auf dem felsigen Untergrund waren die Wagenspuren nicht mehr sichtbar. Ohne Ulvs empfindliche Nase hätten sie sich bereits nach kürzester Zeit verlaufen.
Sie stolperten blind vorwärts und tasteten sich an den Wänden der Höhle entlang. Ihre Hände begannen zu schmerzen, weil sie immer wieder gegen scharfe Kanten stießen. Ulv folgte dem schwachen Geruch, der überall dort in der Luft hing, wo die beiden Magter gegangen waren. Wenn dieser Geruch sich verlor, wußte er, daß sie sich in einer weniger begangenen Nebenhöhle befanden. Dann mußten sie ein Stück zurückgehen und an einer anderen Stelle weitersuchen.
Noch schlimmer war allerdings die Tatsache, daß die Zeit, die ihnen zur Verfügung stand, immer rascher zu vergehen schien. Die Zeiger auf Brions Uhr bewegten sich unaufhaltsam, bis sie auf fünfzehn Minuten vor zwölf wiesen.
»Dort vorn ist ein Licht«, flüsterte Ulv, und Brion atmete erleichtert auf. Sie schlichen weiter, bis sie eine gute Deckung hinter einem Felsvorsprung gefunden hatten, von wo aus sie eine geräumige Felskammer übersehen konnten, die strahlendhell beleuchtet war.
»Was ist das?« fragte Ulv und kniff die Augen zusammen, um sie vor der unerwarteten Lichtflut zu schützen.
Brion mußte sich mühsam beherrschen, um nicht vor Aufregung laut zu schreien.
»Der Metallkäfig dort drüben ist ein Hyperraum-Generator. Die kegelförmig zugespitzten Metallzylinder daneben sind Bomben, vielleicht sogar die Kobaltbomben. Wir haben sie entdeckt!«
Fast hätte Brion seinem ersten Impuls nachgegeben und Krafft benachrichtigt, damit die Wasserstoffbomben nicht abgeworfen wurden. Aber dann überlegte er sich, daß er unwiderlegbare Beweise anführen mußte, wenn er dieses Ziel erreichen wollte. Er mußte jedes Detail genau beschreiben, damit die Nyjorder wußten, daß er nicht log. Was er ihnen berichtete, mußte mit den Informationen über die Bomben und die Abschußrampe übereinstimmen, die sie bereits besaßen.
Die Abschußrampe war aus dem Hyperraum-Generator eines Raumschiffs konstruiert worden; das war ganz offensichtlich. Der Generator und die dazugehörigen Kontrollinstrumente standen auf einer erhöhten Plattform. Von dort aus führte ein dickes Bleimantelkabel zu einem Metallkäfig, der mit primitivsten Mitteln in Handarbeit hergestellt worden war. Drei Techniker waren mit der Überprüfung der Geräte beschäftigt. Brion überlegte sich gerade, wie die Magter sie für diese Arbeit angeworben haben konnten, als er die schweren Ketten an ihren Füßen und ihre blutenden Rücken sah.
Trotzdem empfand er kein Mitleid mit diesen Männern. Ursprünglich mußten sie bereit gewesen sein, an der Zerstörung eines anderen Planeten gegen entsprechende Entlohnung mitzuwirken — sonst wären sie jetzt nicht hier. Wahrscheinlich hatten sie erst rebelliert, als sie erkannten, daß sie dadurch ihr eigenes Ende herbeiführten.
Dreizehn Minuten bis Mitternacht.
Brion stellte das Funkgerät ab und richtete sich vorsichtig auf. Jetzt erkannte er die Bomben deutlicher. Ein ganzes Dutzend lag säuberlich ausgerichtet vor dem Metallkäfig. An ihrer Form war zu sehen, daß sie ursprünglich nicht als Bomben, sondern als Sprengköpfe für Raketen gedacht gewesen waren. Brion stellte fest, daß jede von ihnen an der Bodenfläche sechs Stifte besaß, mit denen sie an einer Rakete befestigt werden konnte. An der Unterseite war auch die Klappe zu erkennen, durch die hindurch der Zünder zugänglich war.
Das genügte. Wenn er alle diese Einzelheiten beschreiben konnte, dann mußten die Nyjorder einsehen, daß er sie nicht zu belügen versuchte. Sowie er sie davon unterrichtet hatte, konnten sie Dis nicht mehr zerstören, ohne zuvor nach den Bomben zu suchen.
Brion bewegte sich leise rückwärts und zählte dabei fünfzig Schritte ab. Jetzt befand er sich außerhalb des Lichtkegels, der aus der Felskammer drang, und bestimmt außerhalb der Hörweite. Er ging langsam und methodisch vor, als er das Funkgerät überprüfte. Alles in bester Ordnung. Dann beschrieb er genauestens, was er in der Höhle hinter sich gesehen hatte. Er versuchte so leidenschaftslos wie möglich zu sprechen.
Sechs Minuten vor Mitternacht beendete er seine Beschreibung. Er schaltete auf Empfang und wartete.
Schweigen.
Nur allmählich wurde ihm klar, was dieses Schweigen bedeutete. Selbst als er den Empfänger auf größte Lautstärke stellte, hörte er nichts, nicht einmal die üblichen atmosphärischen Störungen. Die ungeheuren Felsmassen über ihm verschluckten die Sendeenergie völlig, obwohl er mit höchster Leistung gearbeitet hatte.
Sie hatten ihn nicht gehört. Die Nyjorder wußten nicht, daß er die Kobaltbomben entdeckt hatte, bevor sie eingesetzt werden konnten. Der Angriff würde planmäßig erfolgen. In diesem Augenblick öffneten sich wahrscheinlich bereits die Bombenschächte; scharfe Wasserstoffbomben hingen in den Greifern. In wenigen Minuten mußte der Befehl kommen; dann öffneten sich die Greifer, und die Bomben fielen…
»Mörder!« rief Brion in sein Mikrophon. »Ihr habt weder auf mich noch auf Hys gehört, als wir euch mit Vernunftgründen überzeugen wollten. Ihr wollt Dis vernichten, obwohl das nicht nötig ist! Es hätte viele Wege gegeben, um das zu verhindern — aber jetzt ist es zu spät. Ihr werdet Dis zerstören, aber damit ist auch Nyjord erledigt. Ihjel hatte recht, ich glaube es jetzt auch. Nyjord ist ein Versager in einem Universum voller Versager!«
Er hob das Funkgerät hoch über den Kopf und warf es mit aller Kraft gegen die Felswand, wo es zerschellte. Dann rannte er zu Ulv zurück, als könne er damit vor der Erkenntnis davonlaufen, daß auch er versagt hatte. Die Menschen auf der Oberfläche von Dis hatten nur noch weniger als zwei Minuten zu leben.
»Ich habe keine Verbindung bekommen«, sagte Brion niedergeschlagen zu ihm. »Der Sender war einfach nicht stark genug.«
»Dann werden also die Bomben fallen?« fragte Ulv und sah Brion in die Augen.
»Ja, wenn nicht noch etwas anderes geschieht, von dem wir nichts wissen, fallen die Bomben.«
Beide schwiegen — und warteten. Auch die drei Techniker in der Höhle vor ihnen hatten unterdessen festgestellt, wie spät es bereits war. Sie sprachen miteinander und versuchten mit den Magter zu reden. Zunächst hatten sie keinen Erfolg damit, denn diese gefühllosen Lebewesen sahen nicht ein, weshalb die begonnene Arbeit nicht fortgesetzt werden sollte. Die Magter machten Anstalten, ihre Gefangenen mit Gewalt zur Arbeit zu zwingen. Aber die Techniker rührten sich trotzdem nicht von der Stelle; sie starrten nur entsetzt auf ihre Uhren, auf denen sich die Zeiger erbarmungslos auf Mitternacht zubewegten. Endlich schienen auch die Magter die Bedeutung dieses Augenblicks begriffen zu haben, denn sie blieben unbeweglich stehen und warteten ebenfalls.
Zuerst stand der Stundenzeiger an Brions Uhr auf zwölf, dann folgte der Minutenzeiger. Der Sekundenzeiger vereinte sich mit ihnen, und eine Zehntelsekunde lang standen die schwarzen Zeiger übereinander. Dann tickte der Sekundenzeiger weiter.