Du legst dich …???
Ja. Du bist müde vom Fußmarsch, du gähnst, hier oder hundert Schritte weiter, es ist gleich, wo du dich hinlegst. Hauptsache, es ist gemütlich. Denn du bläst dich kugelrund auf, ziehst Hände und Füße aus den Zipfeln und machst dir einen heißen Tee hier drinnen. Einen Grog. Und wenn du noch etwas lesen willst, vor dem Einschlafen, knips die Leselampe an. Du kannst dich sogar an- oder ausziehen, es ist genügend Platz, tagsüber bist du sowieso im Unterzeug gelaufen, jetzt ist Zeit für einen Wechsel. Und dann schläfst du. Weich? Weich und sicher, Weiß in Weiß, von außen bist du sogar unsichtbar, und du träumst von der Südsee.
Hier muß ich allerdings um viel Nachsicht bitten.
Für meinen armen Vater.
Und um technisches Verständnis muß ich auch bitten, denn ein solches Unternehmen ist heutzutage mit den heutigen Materialien ohne weiteres möglich. Da schneidert er sich einen Körpersack, ein geräumiges Viereck mit vier Zipfeln an den Ecken und einer Kopfhaube obenauf — die sieht bei Vater wie ein übergroßer Kaffeewärmer aus. Die Weltraumfolie hält nachweislich zwanzig Grad Minus ab, er nimmt sie aber nicht doppelt, er nimmt sie fünffach, sechsfach, das dürfte wohl ausgereicht haben. Zehnfach?
Soweit ist es doch durchaus machbar?
Die vier Zipfel sind dann für Hände und Füße gedacht, besonders die unteren Zipfel, mit denen er dann wandelt, der wandelnde Schlafsack. Es kann ja noch ein kleiner Schlitten hinterhergezogen werden, ein Kinderschlitten zum Transport, von Pemikan und konzentriertem Bohnentopf. Und ja, etwas Energie brauchen wir auch noch, in Form dieser superflachen Leichtbatterien, die eine Menge Saft speichern.
Das wandelnde Körperhaus (mein Vater).
Die Nacht trommelt.
Die Verfolger jaulen von fern.
Der Vater schreitet in gemütlichem Zuhause.
Hast du gewußt, daß selbst die blasseste Polarsonne, knapp über der Horizontlinie, immer noch ein paar Zellen bewegt, so daß es wenigstens für das Leselämpchen ausreicht? Also gähnst du und läßt dich in eine passende Mulde rollen. Und das alles in dieser wundervollen Tarnfarbe.
Weiß in Weiß.
*
Eines Tages kam ich von meiner Banktätigkeit im Crédit Lyonnaise nach Hause und fand die Haustür offen. Ich erinnere mich, es war ein unverantwortlich schöner Spätnachmittag, die Straße still, die Luft seidig und voller Verheißung. Oder nein, es lief doch anders. Eigentlich hatte ich gedacht, Vater nach Bankschluß im Scène Noir oder wenigstens im Fleur de Lit anzutreffen, wo wir als Stammkunden sogar eigene Serviettenringe hatten und wo man draußen sitzen konnte, um die Touristen zu begutachten — die Luft war voll von Verheißung. Aber anscheinend war Vater schon früher nach Hause gegangen. Als ich in unsere Straße einbog, war sie völlig leer, ich sah gleich, daß die Haustür nur angelehnt war, ich stieß sie an, das Schloß war im Block herausgebrochen. Ich glaube nicht, daß es noch reparabel war.
Dieses Mal hatten sie die Palme aus dem Kübel gerissen, sie lag mitsamt dem Ballen vor der Treppe, gründlich zerstochert, der Ballen. Ich weiß nicht, was er ihnen erzählt hatte, es muß das Falsche gewesen sein. Und das Dröhnen im Haus, das ich hörte, hörte ich wohl in meinem Kopf.
Ich fand ihn in seinem Arbeitszimmer ausgebreitet auf dem Boden, eigentlich sah er ganz friedlich aus. Mit Ausnahme des roten Flecks auf der Stirn waren keine Zeichen von Gewalt zu entdecken. Ein starkes Herz hatte er nie gehabt.
16
Lieber Freitag.
Stelle dir einen Mann vor, der sich nirgendwo befindet: Das bin ich. Es gibt keine Spuren von ihm, keine Forderungen, keinen Anspruch, keine unbezahlte Rechnung. Es gibt auch kein gebrochenes Heiratsversprechen, nicht einmal die abgeschnittenen Haare beim Friseur gibt es. Der Mann, der sich nirgends befindet, befindet sich überall. In Saarbrücken u n d in Kaiserslautern.
*
In Kaiserslautern in der Einkaufszone betrete ich als blonder langhaariger Mensch das große Untergeschoß des Hertie und komme als Rentner mit Mütze in Saarbrücken wieder heraus. Dazu trage ich diesen besonderen fremdenfeindlichen Ausdruck im Gesicht, und, lieber Freitag, das geht am besten am «Franzosentag» einmal in der Woche, wenn die Franzosen von jenseits der Grenze einkaufen kommen und die Preise hochtreiben. Dann ist es leicht, sich zu verlieren, alles ist austauschbar. Selbst die Fahrkarte ins Nichts, hin und zurück, und die Lulle im Mundwinkel.
Oder London.
In London treffe ich nicht auf dem Victoria-Bahnhof ein, mittags um zwölf, sondern nachts um drei London Bridge Station, wenn kein Mensch auf dem leeren Bahnsteig und draußen kein Taxi zu finden ist, nur heringfarbene Hauswände, die sich in den Pfützen spiegeln. Auf dem langen, erst aufwärts, dann abwärts führenden Weg über die Themse kommt mir höchstens ein Nachtschwärmer mit einem Vampirgebiß entgegen. Das sind diese Plastikdinger mit den langen Eckzähnen, die sie sich aufstecken, ich gehe aber weiter, weil ich weiß, daß ich drüben noch einen 15ner Nachtbus kriege, der dann tatsächlich kommt.
An der West-Indian Dock Road steige ich aus, nun ist es nicht mehr weit. Sie haben hier Glaskästen auf die alten Speicher gestellt, gläserne Luxusvillen hoch oben, die alle so aussehen, als sei kein Mensch zu Hause. Aber täuschen wir uns nicht, hier kostet der Quadratfuß eintausend Pfund, was sage ich, zweitausend Pfund, und sie sind ganz sicherlich zu Hause.
Ein warmer Wind von der Themse her. Einnobles schwarzes Haus, das oben noch Frachtkräne hat. Eine gußeiserne Treppe. Eine Tür, anscheinend aus Sperrholz, wie sie es hier wundervoll dick liefern, aber innen trägt es eine Schicht Stahlnetz, eine englische Spezialität. Und täuschen wir uns nicht, selbst Abstellräume kosten hier eintausend Pfund pro Quadratfuß, selbst Besenkammern ohne Ausblick. Am Morgen bin ich vollkommen verwirrt, ich wache in einem Zwielicht auf, blicke durch das kleine Fenster, vom Bett her, auf eine solide Wand und weiß überhaupt nicht, wo ich mich befinde.
Also versuche ich aufzuwachen. Ich kenne diesen Geruch nach alten Holzbalken und Desinfektion und, oh ja, einer bestimmten Biersorte mit Minze. Sofort gelüstet es mich nach einem englischen Frühstück. Dies ist England! Mit dem wundervoll nussigen Haferflockenbrei, Aal in Aspik, Eiern mit gebratenem Speck und geheimnisvollen Würstchen, in denen sich Brot befindet. Ich will diese dickgeschnittenen schwarzen Scheiben, denen man auch nach zehn Jahren nicht auf die Schliche kommt. Vor allem will ich den schweren schwarzen Tee mit Milch und Zucker. Der hilft. Der hilft auch über den Wetterwechsel, der hier alle halbe Stunde stattfindet.
Dann ist alles geklärt. Als ich ins Freie trete, sind dort soeben zehntausend Banker mit der Hochbahn eingetroffen und strömen jetzt über die Straße, alle in schwarzen Anzügen und blauen Krawatten. Keine Königin zu Pferde. Ich glaube aber, ein paar weiße Socken entdecken zu können.
Während an den Bankparterren die hochangebrachten Blumenkästen mit hochreichenden Spritzapparaten gewässert werden. Auch so eine Spezialität.
Oder Warschau.
Ich kann es nicht leugnen, in Warschau beschleicht mich immer eine Verzweiflung. Ich weiß nicht, woran es liegt, möglicherweise sind es die Schiebermützen. Zwei Männer mit Schiebermützen stehen vor mir auf der Rolltreppe, nicht direkt, direkt vor mir steht eine Mutter mit Kind und Kinderwagen. Nun laufen die Rolltreppen auf den Warschauer Bahnhöfen sehr schnell, beängstigend schnell, ein früheres Geschenk der Sowjets, so daß die Mütter spezielle Klappkinderwagen benötigen, um sich überhaupt transportieren zu lassen. Für die Männer ein offensichtlich erotisches Stimulans, sie lehnen alle schräg auf den Gummihandläufen, als ob hier etwas abliefe. Aber vielleicht ist es auch nur eine generelle Freude am Fortschritt.