Выбрать главу

Einmal halfen Eistaucher und Elga ihm dabei, zum Scheißen an den Hang zu gehen, doch es bereitete ihm Schmerzen, und als sie ihn ins Lager zurückbrachten, sagte er: — Das war das letzte Mal in meinem Leben, dass ich geschissen habe. Ich werde es vermissen.

Von da an redete er fast gar nicht mehr. Wenn er sein Schweigen doch einmal brach, dann brummelte er Worte vor sich hin, die niemand verstand. Mithilfe eines Holunderzweigs, aus dem er einen Trinkhalm gemacht hatte, ließ Eistaucher ihn Wasser aus einem Holzbecher saugen. Manchmal presste Dorn die rissigen Lippen dabei so fest auf den Trinkhalm, dass Eistaucher ihn nicht mehr aus seinem Mund bekam. Weil Heide nicht wollte, dass Dorn zu viel auf einmal trank, musste Eistaucher darauf achten, die richtige Menge Wasser in den Becher zu tun, denn wenn Dorn einmal angefangen hatte, trank er den Becher unweigerlich leer. Eistaucher hielt seinen Durst für ein gutes Zeichen. Wenn Dorn schlief, dann betrachtete Eistaucher manchmal sein eingefallenes Gesicht. Was immer den alten Schamanen plagte, zehrte an den Fettpolstern hinter seinen Augen und ließ sie tief in den Schädel sinken. Seine Nase sah immer mehr wie ein Adlerschnabel aus, und wenn er schlief, dann krümmten sich seine Zehen und Finger. Er trocknete aus. Das Ding in ihm drin fraß ihn von innen heraus auf, und auch er selbst zehrte auf dem letzten Stück seines Weges an seiner Substanz. — Moment mal, ich sehe etwas, flüsterte er Eistaucher einmal zu. — Der Fluss reißt die Dinge um mich herum fort.

— Eine Insel, sagte Eistaucher hastig.

— Ja. Dorn lächelte ein kleines Schlangenlächeln. Er betrachtete eine Weile Eistauchers Gesicht und sagte dann: — Als du auf deiner Wanderschaft warst, hat dich da etwas gejagt? Du wolltest es mir nie erzählen. Allerdings wollte ich dir schon lange etwas sagen: Ich glaube, Quarz setzt manchmal seinen Löwenkopf auf und zieht nachts los, um den Lehrlingen anderer Schamanen einen Schrecken einzujagen. Er ist ebenfalls bei Pfeifhase in die Lehre gegangen, dem Ältesten, und das hat ihn gemein werden lassen. Wenn dich also etwas gejagt hat, dann war das vielleicht er.

— Ah, sagte Eistaucher.

Später schüttelte Dorn Heides Bemühungen, ihm zu helfen, ab. — Ich habe mich selbst oft genug als Heiler betätigt, sagte er. — Ich weiß, wenn etwas nicht funktioniert. Du kannst mich nicht zum Narren halten.

Einmal sah er Heides Gesicht über sich und klagte: — Ich will nicht, dass es jetzt geschieht. Ich bin erst zweimal zwanzig Jahre alt.

— Was soll das heißen, erst?, erwiderte Heide.

— Ha! Dorns Lachen klang schmerzvoll. — Du hast leicht reden. Wie alt bist du, vier Zwanzige? Fünf?

Sie schüttelte den Kopf. — Viele Zwanzige. Aber die sind alle verflogen.

— Ha, sagte Dorn erneut und verfiel dann wieder in Schweigen.

Er schlief weiterhin sehr viel. Heide verabreichte ihm beruhigende Tees. Tage vergingen, ohne dass Dorn etwas aß. Eistaucher war zunehmend verblüfft darüber, wie lange das so ging. Es war wie bei einem Bären im Winterschlaf. Dorn zeigte ein Durchhaltevermögen, das Eistaucher kaum mit ansehen konnte.

Ich bin der dritte Atem Ich komme zu dir Wenn dir sonst nichts geblieben ist Wenn du nicht mehr weiterkannst Aber trotzdem weitermachst Jener äußerste Moment Ruft den dritten Atem herbei.

Jedes Mal, wenn Dorn erwachte und sich umsah, wurde Eistaucher von einer inneren Ruhe erfasst. Der Blick des Alten machte ihn hellwach und zugleich entrückt, rückte ihn an den richtigen Platz in der Welt. Ich half ihm dabei.

Dorn bat ihn manchmal darum, die eine oder andere Geschichte vorzutragen, die er ihm beizubringen versucht hatte. Eistaucher tat sein Bestes, ohne sich dabei allzu große Gedanken um Einzelheiten zu machen. Ohne diese Sorge fiel ihm das Erzählen sehr viel leichter als früher. Es ging nur noch darum, auf den Punkt zu kommen, das zu erzählen, worauf es ankam, so von den Geschehnissen zu berichten, wie er sie aus Dorns Geschichten in Erinnerung hatte. Er erzählte die Geschichte des Bisonmanns, der sich eine Frau aus der Lachssippe genommen hatte; Dorns Tier war der Bison, während seiner Zeremonien trug er Pfeifhases alten, zerfledderten Bisonschädel, und als Eistaucher die Geschichte nun erzählte, fragte er sich, wie viel sie mit Pfeifhase zu tun hatte und mit Heide und mit Dorn.

— Nein, nein, fiel Dorn ihm ins Wort. — Vergiss nicht die Stelle, wie die Frau mit einem Bison davonrennt, bevor der Mann sich selbst in einen verwandelt. Wenn die Leute das nicht wissen, verstehen sie nicht, warum er das tut.

Später unterbrach ihn Dorn noch ein- oder zweimal, um die Geschichte selbst heiser und kurzatmig weiterzuerzählen.

Manchmal schien Dorn einzuschlafen, kaum dass Eistaucher zu der gewünschten Geschichte angesetzt hatte, doch wenn Eistaucher zu reden aufhörte, runzelte er die Stirn.

Als Eistaucher einmal mitten im Erzählen abbrach, umklammerte Dorn fest seine Hand.

— Ich habe nur dich, um all das weiterzugeben. Verstehst du? Du warst das Material, mit dem ich auskommen musste.

— Ich weiß.

— Deshalb darfst du es nicht vergessen.

Eines Morgens erwachte Dorn nach einer schlimmen Nacht, in der er nicht ein einziges Mal eine bequeme Schlafposition gefunden hatte. Sein Blick ging über das Lager, über die Hügel und blieb dann bei Eistaucher hängen.

— Ich werde schwächer. Ich spüre es.

An jenem Tag schlief er besser. Er trank alles Wasser, das Eistaucher ihm gab. Nachmittags sah er Eistaucher an und sagte:

— Du darfst die Geschichte des zehnjährigen Winters nicht vergessen. Und die Geschichte von Korban, der quer über das große Salzmeer geweht wurde und anschließend über das Eis im Norden nach Hause wanderte. Und auch nicht Pippas Geschichte von dem Mann, der nach Osten ging, um das Ende der Welt zu finden. Das sind meine Lieblingsgeschichten gewesen. Und du musst dir die Geschichte merken, wie der Sommer aus der anderen Welt in diese Welt geholt wurde. Und die von der Schwanenbraut, die erzählst du nämlich wirklich gut. Und die vom Bisonmann.

Er musterte Eistauchers Gesicht.

— Es ist schade, dass ich nicht erfahre, wie es weitergeht, sagte er. — Ich wünschte, ich könnte noch ein paar Jährchen bleiben.

— Ja, sagte Eistaucher.

— Vergiss es nicht. Kümmere dich um die Kinder. Auf sie kommt es an. Du musst sie alles lehren, was ich dich gelehrt habe, und alles, was du dir selbst beigebracht hast. Nur wenn wir all das weitergeben, werden die Dinge einen guten Gang nehmen. Es gibt keine Geheimnisse, keine Rätsel. Das denken wir uns nur aus. In Wirklichkeit haben wir alles direkt vor der Nase. Man braucht genug Vorräte, um Winter und Frühling zu überstehen. Darauf läuft letztlich alles hinaus. Man muss so leben, dass man jeden Herbst genug Nahrung sammelt, um es über den Winter zu schaffen. Und du, du musst dein Leben leben, Junge. Du kannst Heide helfen. Das musst du sogar. Die alte Hexe braucht deine Hilfe. Sie ist auch nicht mehr ganz frisch. Auch wenn ihr das nicht passt, sie braucht Hilfe. Du musst es ihr ansehen, auch wenn sie dich nicht darum bittet.

— Ich versuche es.

— Gut. Und jetzt hör zu. Das Schlimme wächst nicht nur auf einem Pfad, sondern überall. Gib dir also nicht die Schuld, wenn etwas Schlimmes passiert. Lass das Gestern nicht zu viel Raum im Heute einnehmen. Darin bist du nämlich seit jeher gut. Erzähl einfach weiter die Geschichten am Feuer. Das ist es, was erhalten bleiben muss.

Danach fand Dorn keine Ruhe mehr. Er wand sich auf seinem Lager, schwitzte und keuchte. Heide zwang ihn, mehr Tee zu trinken und einen Brei unter seiner Zunge zu zerdrücken. Danach war er kaum noch bei Bewusstsein, doch sein Leib krampfte und zuckte noch immer auf der Suche nach einer besseren Lage.

Zwei Tage später kam er wieder zu Bewusstsein und lag ruhig da.