Die Arme seitlich neben dem Körper, die Finger kraftlos geöffnet, starrte Nicci ohne jede Furcht auf die seidenen Falten im Baldachin des Bettes, ihr Geist ungerührt an einem still entrückten Ort. Die Schmerzen schienen sehr weit weg, ihr Kampf ums Atmen unbedeutend.
Während er auf seine grobschlächtige Art zu Werke ging, konzentrierte sie sich auf das, was sie gleich tun würde. Was sie soeben ins Auge fasste, hätte sie nie für möglich gehalten, jetzt wusste sie, es ging. Sie brauchte sich nur zu entscheiden.
Indem er sie schlug, veranlasste Jagang sie, sich wieder auf ihn zu konzentrieren. »Ihr seid zu blöde, um auch nur zu flennen!«
Sie begriff, dass er fertig war; er war nicht gerade begeistert, dass sie es nicht bemerkt hatte. Es kostete sie einige Mühe, nicht ihr Kinn zu reiben, das von dem Schlag brannte; für ihn war es nur ein kleiner Klaps, für den Getroffenen jedoch ein Hieb, der ihn fast zum Krüppel machte. Schweiß tropfte von seinem Kinn auf ihr Gesicht. Sein kraftvoller Körper glänzte von der Anstrengung, von der sie nichts gespürt hatte. »Ist es das, was Ihr Euch von mir wünscht, Exzellenz? Dass ich weine?«
Sein Tonfall bekam etwas Bitteres, als er sich neben ihr auf die Seite fallen ließ. »Nein. Ich möchte, dass Ihr reagiert.«
»Aber das tue ich«, sagte sie, den Blick starr auf den Baldachin gerichtet. »Nur ist es einfach nicht die Reaktion, die Ihr Euch wünscht.«
Er setzte sich auf. »Was ist nur los mit Euch, Frau?«
Sie betrachtete ihn einen Augenblick, dann wandte sie die Augen ab.
»Ich habe keine Ahnung«, antwortete sie wahrheitsgemäß. »Aber ich denke, ich werde es herausfinden müssen.«
14
Jagang fuchtelte mit den Händen. »Zieht Euch aus, Ihr bleibt über Nacht. Es ist schon so lange her.« Diesmal war er es, der mit leerem Blick die Wand anstarrte. »Ihr habt mir im Bett gefehlt, Nicci.«
Sie erwiderte nichts. Weder glaubte sie, dass ihm in seinem Bett etwas fehlte, noch dass er sich überhaupt vorstellen konnte, was es hieß, einen Menschen zu vermissen. Was ihm fehlte, überlegte sie, war die Fähigkeit, jemanden zu vermissen.
Nicci setzte sich auf, schwang die Beine über die Bettkante und befreite sich aus ihrem schwarzen Kleid. Sie zog es aus, streifte es über den Kopf und breitete es über die Lehne eines gepolsterten Ledersessels. Sie suchte ihre Unterkleider aus den Falten der Bettdecke hervor und warf sie auf den Sessel, bevor sie ihre Strümpfe abstreifte und ebenfalls auf den Sitz des Sessels legte. Die ganze Zeit über ließ er ihren Körper nicht aus den Augen und sah zu, wie sie sich um ihr Kleid kümmerte, es glatt strich, um zu richten, was er ihm angetan hatte, und das rätselhafte Verhalten einer Frau beobachtete, die sich wie eine Frau benahm.
Als sie fertig war, wandte sie sich wieder zu ihm um. Aufrecht und stolz stand sie da, er sollte sehen, was er nur mit Gewalt bekommen konnte und niemals freiwillig, als Geschenk. Sie konnte ihm den Ausdruck der Entbehrung im Gesicht ablesen. Dies war der einzige Sieg, der ihr je vergönnt sein würde: jede Vergewaltigung würde ihm nur umso deutlicher vor Augen führen, dass er sie nur auf diese Weise besitzen konnte, und umso rasender würde es ihn machen. Sie würde lieber sterben, als ihm freiwillig die Genugtuung einer solchen Zuwendung zu gönnen, und dieser brutalen Wahrheit war er sich durchaus bewusst.
Schließlich riss er sich gewaltsam aus seinen heimlichen, quälenden Sehnsuchtsträumen, hob den Kopf und sah ihr in die Augen. »Warum habt Ihr Kadar umgebracht?«
Sie saß ihm gegenüber auf der Bettkante – gerade weit genug entfernt, dass er sie nicht ohne weiteres berühren konnte, es sei denn, er stürzte sich auf sie – und zuckte mit den Achseln.
»Ihr seid nicht der Orden. Der Orden ist kein einzelner Mann, sondern das Ideal der Gleichheit. In diesem Sinne wird er jede Einzelperson überdauern. Zurzeit dient Ihr diesem Ideal und dem Orden allein in Eurer Eigenschaft als Rohling. Der Orden vermag jeden Rohling für seine Zwecke einzuspannen, Euch, Kadar, oder irgendeinen anderen. Ich habe lediglich eine Person ausgeschaltet, die Euch eines Tages hätte gefährlich werden können, bevor Ihr Gelegenheit gehabt hättet, über Eure gegenwärtige Position hinaus aufzusteigen.«
Er grinste. »Erwartet Ihr tatsächlich, dass ich Euch glaube, Ihr hättet mir damit einen Gefallen getan? Jetzt nehmt Ihr mich auf den Arm.«
»Wenn Euch die Vorstellung gefällt, bitte.«
Ihre glatten weißen Gliedmaßen standen in lebhaftem Kontrast zu den schweren, farbenfroh verzierten, in dunklem Grün gehaltenen Bettdecken und Laken. Auf diese ließ er sich zurücksinken und lag, auf mehrere zerknüllte Kissen gestützt, schamlos entblößt vor ihr. Seine Augen wirkten noch düsterer als sonst.
»Was hat es mit all dem Gerede von ›Jagang dem Gerechten‹ auf sich, das mir ständig zu Ohren kommt?«
»Euer neuer Titel. Er ist es, der Euch retten und zum Sieg verhelfen wird, der Euch mehr Ruhm einbringen wird als alles andere. Doch als Belohnung dafür, dass ich eine künftige Gefahr für Eure Position ausschalte und Euch zu einem Volkshelden mache, schlagt Ihr mich blutig.«
Er schob einen Arm hinter seinen Kopf. »Manchmal bringt Ihr mich so weit, die Geschichten zu glauben, die die Leute sich erzählen, dass Ihr wahrhaftig den Verstand verloren habt.«
»Und wenn Ihr sie alle tötet?«
»Dann sind sie tot.«
»Vor kurzem bin ich durch von Euren Soldaten heimgesuchte Städte gekommen. Die Bewohner haben sie offenbar verschont – zumindest haben sie nicht, wie noch zu Anfang ihres Einmarschs in die Neue Welt, jeden in Sichtweite abgeschlachtet.«
Er schnellte vor, griff ihr mit der Faust ins Haar und riss sie fauchend neben sich auf den Rücken. Ihr stockte der Atem, als er sich auf einen Ellbogen stützte und ihr mit seinem verstörenden Blick tief in die Augen sah.
»Eure Aufgabe ist es, an den Menschen ein Exempel zu statuieren, ihnen unmissverständlich klar zu machen, dass sie einen Beitrag zu unseren Zielen leisten müssen. Mit dieser Aufgabe habe ich Euch betraut.«
»Ach, tatsächlich? Und warum haben dann nicht auch die Soldaten exemplarische Bestrafungen vorgenommen? Warum haben sie diese Städte verschont? Warum haben nicht auch sie dazu beigetragen, den Menschen Angst und Schrecken einzujagen? Warum haben sie nicht jede Stadt und jede Ortschaft auf ihrem Weg in Schutt und Asche gelegt?«
»Über wen, von meinen Soldaten abgesehen, sollte ich dann herrschen? Wer soll die Arbeit tun? Wer all die Erzeugnisse herstellen? Wer die Lebensmittel anbauen? Wer würde Abgaben entrichten? Wem soll ich die Hoffnung der Imperialen Ordnung überbringen? Wer wäre noch übrig, um dem großen Kaiser Jagang zu huldigen, wenn ich sie alle töte?«
Er ließ sich auf den Rücken fallen. »Mag sein, dass man Euch Herrin des Todes nennt, trotzdem können wir Euch unmöglich Euren Willen lassen und einfach alle umbringen. In dieser Welt seid Ihr an die Ziele des Ordens gebunden. Wenn die Menschen das Gefühl haben, die Herrschaft des Ordens kann nichts als ihren Tod bedeuten, werden sie bis zum Schluss Widerstand leisten. Sie müssen erkennen, dass es ausschließlich ihr Widerstand ist, mit dem sie sich einen raschen und sicheren Tod einhandeln. Merken sie aber, dass unser Kommen ihnen ein Leben in Rechtschaffenheit ermöglicht, ein Leben, das den Menschen unter den Schöpfer und das Wohlergehen der Menschen über alles andere stellt, werden sie uns mit offenen Armen willkommen heißen.«
»Ihr habt dieser Stadt den Todesstoß versetzt«, erwiderte sie vorwurfsvoll und zwang ihn damit, unbewusst den Beweis für die Richtigkeit ihrer Tat zu liefern. »Obwohl sie sich für die Imperiale Ordnung entschieden hatte.«
»Ich gab den Befehl, allen noch lebenden Stadtbewohnern die Erlaubnis zu erteilen, in ihre Häuser zurückzukehren. Das Wüten hat ein Ende. Die Menschen haben ihr Versprechen nicht gehalten und damit das brutale Vorgehen selbst herausgefordert; sie haben es erlebt, doch das ist jetzt vorbei, und eine neue Zeit der Ordnung ist angebrochen. Alle Menschen werden gemeinsam regiert werden und gemeinsam in ein neues Zeitalter des Wohlstands eintreten – unter der Herrschaft der Imperialen Ordnung. Vernichtet wird nur, wer Widerstand leistet – nicht weil er sich widersetzt, sondern letzten Endes, weil er Verräter am Wohl seiner Mitmenschen ist und deshalb ausgemerzt werden muss.«