»Seht Ihr, da habt Ihr’s«, sagte Verna. »Dann ist Euch ihr Nutzen ja bekannt. Ihr habt mit eigenen Augen gesehen, wie sie eingesetzt wurde.«
»Nun ja…«, meinte Zedd gedehnt. »Das Problem war, der Feind hatte sich auf einen derart einfältigen Trick vorbereitet.«
»Einfältig!« Verna sprang auf. »Mir ist schleierhaft, wie Ihr auch nur in Betracht ziehen könnt…«
»Der Feind hatte für diese Möglichkeit gekrümmte Schilde herbeigezaubert.«
»Gekrümmte Schilde?« Warren wischte sich eine seiner blonden Locken aus dem Gesicht. »Davon habe ich noch nie gehört. Was sind denn gekrümmte…«
»Selbstverständlich hatte der Zauberer, der das Feuer legte, mit Schilden gerechnet, daher machte er sein Feuer gegen diese erwartete Verteidigung resistent. Die Schilde waren jedoch nicht darauf ausgerichtet, das Feuer aufzuhalten« – Zedds Blick wechselte von Warrens aufgerissenen Augen zu Vernas finsterer Miene – »sondern es herumzuwälzen.«
»Albinofieber?« Der General schwenkte sein Insekt. »Wenn Ihr die Güte hättet, mir vielleicht zu erklären…«
»Das Feuer herumzuwälzen?«, wiederholte Warren und beugte sich vor.
»Ganz recht«, sagte Zedd. »Das Feuer vor dem Kavallerieangriff herumzuwälzen – so dass die Verteidiger es statt mit einer simplen Kavallerieattacke nun mit einer todbringenden, sich ihnen entgegenwälzenden Feuerwand zu tun bekamen.«
»Gütiger Schöpfer…«, entfuhr es Warren leise. »Das ist genial – aber der Schild würde das Feuer doch gewiss ersticken.«
Zedd ließ seine Gabel rotieren, so als wollte er veranschaulichen, wie der Schild die Flammen umwälzte. »Von ihrem eigenen Zauberer gegen die erwartete Verteidigung erschaffen, war das Feuer gegen Schilde unempfindlich gemacht worden, so dass es, anstatt sich abzuschwächen, in seiner ganzen Kraft erhalten blieb, wodurch der gekrümmte Schild das Feuer natürlich herumwälzen konnte, ohne dass es erlosch. Und da es gegen Schilde unempfindlich gemacht worden war, vermochten die hastig errichteten Verteidigungsschilde des Zauberers sein zurückgeworfenes Feuer nicht aufzuhalten.«
»Aber er hätte es doch einfach abstellen können!« Panik ergriff Warren, so als sehe er bereits, wie ihm sein eigenes Zaubererfeuer entgegenschlug. »Zauberer, der es erschaffen hatte, hätte es doch herbeirufen und abstellen können.«
»Hätte er das?« Zedd lächelte. »Das dachte er auch, nur war er nicht auf die eigentümliche Beschaffenheit des feindlichen Schildes vorbereitet. Begreift Ihr nicht? Es wälzte das Feuer nicht nur herum, sondern legte sich auch um das Feuer und schützte es so vor jeder Veränderung mit den Mitteln der Magie.«
»Natürlich…«, meinte Warren leise bei sich.
»Darüber hinaus war der Schild mit einem Bann zur Ortung seiner Herkunft besprenkelt worden, der das Feuer zu eben jenem Zauberer zurückwälzte, der es erschaffen hatte. Er starb in seinen eigenen Flammen – nachdem sie sich auf ihrem Weg zu ihm durch Hunderte seiner eigenen Männer gefressen hatten.«
Stille senkte sich über das Zelt. Selbst der General, die Albinomücke noch immer in der Hand, saß da wie gelähmt.
»Ihr seht also«, fuhr Zedd, seine Gabel auf den Teller werfend, schließlich fort, »bei der Verwendung der Gabe zu Kriegszwecken geht es nicht allein um den Gebrauch der einem zur Verfügung stehenden Kraft, sondern man muss auch seinen Verstand nutzen.«
Zedd deutete auf das Insekt. »Betrachtet zum Beispiel die Albinomücke, die General Reibisch in der Hand hält. Im Schutz der Dunkelheit, so wie jetzt, könnten sie sich, vom Feind mit Hilfe von Magie erschaffen, zu Zehntausenden in dieses Feldlager hereinschleichen und Eure Soldaten mit Fieber anstecken, und niemand würde auch nur auf den Gedanken kommen, dass er angegriffen wird. Am nächsten Morgen dann fällt der Feind in ein Feldlager voller kranker und geschwächter Soldaten ein und schlachtet Euch alle miteinander ab.«
Schwester Philippa, auf der anderen Seite von Adie sitzend, schlug erschrocken mit der Hand nach einer summenden Mücke. »Aber die mit der Gabe auf unserer Seite könnten einem solchen Plan doch gewiss entgegenwirken?« Es war eher ein frommer Wunsch als ein ernst zu nehmender Einwand.
»Tatsächlich? Es ist überaus schwierig, einen so winzigen magischen Partikel zu entdecken. Oder hat etwa jemand von Euch diese überaus kleinen Eindringlinge bemerkt?«
»Das nicht gerade, aber…«
Zedd sah Schwester Philippa funkelnd an. »Es ist Nacht. Nachts scheinen es einfach ganz gewöhnliche Mücken zu sein, lästig, aber nicht anders als andere auch. Der General hier hat sie ebenso wenig bemerkt wie Ihr, die Ihr die Gabe besitzt. Auch das Fieber, das sie in sich tragen, könnt Ihr nicht entdecken, denn auch das ist ein so winziger magischer Partikel, dass Ihr überhaupt nicht darauf achtet – Ihr haltet Ausschau nach etwas Mächtigem und Furchterregendem.
Die meisten der mit der Gabe gesegneten Schwestern werden, ohne überhaupt etwas davon zu merken, im Schlaf gestochen werden, und schließlich, geschüttelt von einem entsetzlichen Fieber, fröstelnd und bei völliger Dunkelheit erwachen, nur um das erste wirklich an den Kräften zehrende Symptom dieses einzigartigen Fiebers zu bemerken: Blindheit. Ihr seht, es ist nicht die Dunkelheit der Nacht, in der sie aufwachen – es ist längst Tag –, sondern die ihrer eigenen Blindheit. Anschließend werden sie feststellen, dass ihre Beine ihnen den Dienst versagen. Ihre Ohren hallen wider von einem schrillen Geräusch, das sich wie ein endlos gellender Schrei anhört.«
Sein Augenlicht testend, wanderten die Augen des Generals unruhig umher, während Zedd fortfuhr und sich einen Finger ins Ohr bohrte, wie um es zu reinigen.
»Mittlerweile sind alle Gestochenen zu schwach, um sich noch auf den Beinen zu halten. Sie verlieren die Kontrolle über ihre Körperfunktionen und liegen hilflos in ihrem eigenen Kot. Bis zu ihrem Tod sind es nur wenige Stunden … doch diese Stunden werden ihnen wie ein ganzes Jahr erscheinen.«
»Aber was können wir dagegen tun?« Warren, auf der Kante seines Stuhls sitzend, benetzte sich die Lippen. »Welches Heilmittel gibt es dagegen?«
»Heilmittel? Dagegen gibt es kein Heilmittel! Mittlerweile kriecht ein Nebel auf das Lager zu. Diesmal spüren die wenigen mit der Gabe Gesegneten, dass diese gewaltige, wallende, undurchdringliche Masse verpestet ist von unergründlicher, alles erstickender Magie. Sie schlagen Alarm. Wer zu geschwächt ist, um sich zu erheben, wimmert vor Entsetzen. Sehen können sie nichts, aber sie können die fernen Schlachtrufe des anrückenden Feindes hören. Aus lauter Panik, vom tödlichen Nebel gestreift zu werden, erhebt sich jeder, der noch dazu im Stande ist, von seinem Nachtlager. Einige, zu fieberwirr, um sich auf den Beinen zu halten, können nur noch kriechen. Die Übrigen ergreifen vor dem anrückenden Nebel die Flucht und rennen um ihr Leben.« Zedd hielt inne.
»Es wird ihr letzter Fehler sein«, fuhr er dann mit leiser Stimme fort. Er machte vor ihren blassen Gesichtern eine ausladende Handbewegung. »Die rennen geradewegs in eine Grauen erregende tödliche Falle, die bereits auf sie wartet.«
Mittlerweile waren alle mit weit aufgerissenen Augen und offenen Mündern bis zur Kante ihrer Sitzbank vorgerutscht.
»Nun, General«, sagte Zedd in heiterem Tonfall und lehnte sich zurück, »wie steht es nun um besagte Massengräber? Oder sollen die Überlebenden etwa die Kranken für tot und die Toten zum Verfaulen liegen lassen? Vermutlich wäre das gar keine schlechte Idee. Auch ohne die lästige Pflicht, die Sterbenden versorgen und die Toten begraben zu müssen, werdet Ihr genug Probleme haben – zumal bereits die bloße Berührung ihres weißen Fleisches die Lebenden völlig unerwartet mit einer Krankheit infizieren wird, woraufhin…«
Verna sprang auf. »Aber was können wir denn tun?« Sie sah bereits alles um sich herum im Chaos versinken. »Wie können wir dieser widerwärtigen Magie entgegenwirken?« Sie breitete die Arme aus. »Was müssen wir tun?«
Zedd zuckte mit den Achseln. »Ich dachte, Ihr und die Schwestern hättet Euch das alles bereits zurechtgelegt. Ich dachte, Ihr wüsstet, was Ihr tut.« Mit einer fahrigen Bewegung über seine Schulter zeigend, deutete er nach Westen, Richtung Feind. »Sagtet Ihr nicht gerade eben noch, Ihr hättet die Situation im Griff?«