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»Besser?«, fragte er.

»Ja«, sagte sie.

Sie schwiegen eine Weile. Schließlich ergriff Irmin wieder das Wort. »Weißt du noch, um was ich dich gebeten habe?«, fragte er.

»Castra Lupiana?«

»Ja.«

»Was hast du vor?«

»Ich möchte, dass du dort ein bisschen Gemüse verkaufst.«

»Das ist nicht dein Ernst!«

»Doch. Nimm einen Wagen und misch dich unter die Bäuerinnen. Ins Lager kommst du nicht. Aber vor den Toren biwakieren unsere Leute.«

»Was soll das heißen?«

»Hilfstruppen. Marser. Brukterer. Chatten. Fast die ganze Kavallerie. Verkauf Gemüse und hör dich um. Ich will wissen, was sie wirklich denken. Nicht das, was Leute wie dieser Landogar mir erzählen.«

Fastrada schüttelte den Kopf. »Über was?«, fragte sie.

»Über die Römer. Wie sie über die Römer reden, wenn sie unter sich sind.«

In Fastradas Kopf arbeitete es. Das Gespräch beim Essen fiel ihr wieder ein. »Was hast du vor?«, fragte sie ängstlich.

»Vertraust du mir?«, gab er zurück.

»Vertraust du mir denn?«

»Würde ich dich sonst um diesen Gefallen bitten?«, entgegnete Irmin.

»Dann sag mir, was du vorhast. Was willst du wissen? Und warum?«

Irmin holte tief Luft und blickte sich um, als fürchtete er Lauscher hinter der Palisade. Schließlich gab er sich einen Ruck. »Ich will wissen, ob sie bereit sind, sich an einem Aufstand gegen die Römer zu beteiligen.«

13

Caius folgte seinem Freund unauffällig aus dem Peristyl. Lucius schien genau zu wissen, wo er hinwollte. Sie umrundeten den linken Seitenflügel des Stabsgebäudes und kamen in eine unbelebte Gasse, die an der Rückwand der Anlage vorbeiführte. Als Caius das Baugerüst sah, das sich über die ganze Länge der kleinen Straße an die Ziegelmauer schmiegte, begriff er, welche Eingebung sein Freund gehabt hatte.

In der Mitte der Gasse blieben sie stehen und horchten. Das Hämmern der Bauarbeiter war verstummt, offenbar waren alle nach Hause gegangen. Sie sahen sich um, und tatsächlich lehnte ein paar Schritte entfernt eine Leiter an einem der Balken, die aus der Mauer wuchsen und die Bretter der ersten Etage des dreistöckigen Gerüstes trugen. Über der Leiter war eine Aussparung, gerade breit genug, um einen Arbeiter durchzulassen. Darüber lehnte eine weitere Leiter für die zweite und darüber eine dritte für die letzte Etage, die bis an die Höhe der Dachkante reichte.

»Nichts wie rauf«, wisperte Lucius mit aufgeregter Stimme. »Der Besprechungsraum muss genau hinter dieser Wand liegen!«

»Was ist, wenn sie uns erwischen?«, fragte Caius, und im selben Augenblick kam er sich albern vor. Er wusste, dass Lucius nicht von seinem Vorhaben abzubringen war und dass er selbst viel zu neugierig war, um es ernsthaft zu versuchen.

»Dann werden wir wegen Spionage angeklagt und enthauptet, und unsere Köpfe stecken sie zur Abschreckung auf Spieße«, sagte Lucius ungerührt. Er grinste. »Nun mach, dass du da hochkommst!«

Caius ging zur Leiter. Während er nach oben kletterte, war er sicher, dass das Knarren der Sprossen bis in den Besprechungsraum drang und dass Varus in diesem Moment ein paar Prätorianer nach draußen schickte, um sie zu verhaften. Aber es gab kein Zurück, Lucius drängte schon von unten nach. Und so griff Caius nach den Holmen der nächsten Leiter und stieg, jetzt entschlossener, auf die zweite Etage des Gerüstes, dann auf die dritte. Wenige Momente später erschien das Gesicht seines Freundes in der Öffnung zwischen den Brettern unter ihm. Ächzend stemmte er sich durch und richtete sich neben Caius auf. Sie standen eine Weile schwer atmend nebeneinander, wobei Lucius sich keine Mühe machte, sein Keuchen zu unterdrücken, während Caius schon wieder das ungute Gefühl hatte, dass alle Welt längst auf sie aufmerksam geworden war. Von der Gasse drang das Geräusch langsamer Schritte herauf. Über den Rand des äußersten Brettes sah Caius einen älteren Mann unter ihnen entlangschlurfen. Unwillkürlich presste er sich mit dem Rücken gegen die Dachkante des Stabsgebäudes, doch der Alte kam gar nicht auf die Idee hochzuschauen, und bald war er hinter einer Ecke verschwunden. Als Caius sich wieder nach seinem Freund umblickte, war dieser schon dabei, mit prüfendem Blick das Dach abzusuchen. Die tönernen Schindeln waren sauber überlappend aufgelegt. Schließlich fasste Lucius mit beiden Händen unter den Rand von einer der schweren Dachpfannen. Es gelang ihm, sie trotz des Gewichts behutsam ein Stückchen nach oben zu bewegen, sodass ein schmaler Spalt entstand. Das schabende Geräusch ging Caius durch Mark und Bein.

»Könntest du mir freundlicherweise behilflich sein?«, zischte Lucius mit vorwurfsvollem Blick. Caius trat dazu und sie schoben die Schindel behutsam etwas weiter nach oben. Der Spalt verbreiterte sich, Caius beugte sich vor und spähte hindurch. Unter ihnen lag tatsächlich der Besprechungsraum, den sie von der Eingangshalle aus gesehen hatten und der aus dieser Perspektive kaum wiederzuerkennen war. Kreuz und quer verlaufende Balken des Dachstuhls verdeckten immer wieder Einzelheiten und verliehen der Szenerie etwas Unwirkliches. Die Schiebetür war inzwischen geschlossen worden, und der Raum wurde nur noch von Fackeln und Feuerschalen erhellt, die alles in ein warmes, gedämpftes Licht tauchten. Sechs Gruppen von jeweils drei Klinen waren in zwei Dreierreihen so um sechs Tische gruppiert, dass die vierte nach innen zeigende Seite eines jeden Tisches frei blieb. Auf den meisten der Klinen lagen drei Männer mit dem Gesicht zum Tisch, während Bedienstete in der Mitte des Raumes umhergingen, Karaffen nachfüllten und silberne Schalen mit den verschiedensten Leckereien auf die Tische stellten. Der unwiderstehliche Duft von knusprig gebratenem Geflügel und geräucherten Würsten, die sich in großen Schalen türmten, drang durch das Gebälk zu Caius und Lucius herauf. Daneben standen kleine Schüsseln mit Pasteten, Platten mit Schinken, Brotkörbe und weitere Schalen mit Früchten und Soßen. Auf den ersten Blick sah es aus wie eins der üblichen Gelage, mit denen die Angehörigen der römischen Oberschicht sich in immer absurderer Steigerung gegenseitig zu übertrumpfen versuchten. Verglichen mit dem, was Caius einmal im Haus eines Freundes seines Vaters gesehen hatte, war dieses Mahl allerdings fast schon militärisch schlicht. Keine mit Blattgold überzogenen Nüsse. Keine mit Perlenketten umwickelten Hummer. Und außerdem fehlte die Musik. Stattdessen füllte geschäftiges Gemurmel den Raum.

Caius gewöhnte seine Augen an das gedämpfte Licht. Auf der Kline direkt unter ihnen lag Varus, den linken Ellenbogen auf ein Kissen gestützt. Die imposante Figur des Statthalters bildete den natürlichen Mittelpunkt dieser Gesellschaft, und der Rang der Anwesenden drückte sich in ihrer Nähe zu ihm aus. Flankiert wurde Varus von den Legaten Rullianus und Vala, weiter außen kamen die senatorischen und ritterlichen Tribune und schließlich die Lagerpräfekten und die Centurionen der ersten Centurien aus den drei für den Feldzug bestimmten Legionen. Einige weitere Stabsoffiziere der beiden anderen Legionen aus Mogontiacum ergänzten die Gesellschaft auf um die fünfzig Personen. Caius entdeckte Silanus am Tisch rechts von Varus. Sein Verwandter aalte sich auf seiner Kline und hielt in gelangweilter Geste ein paar Weintrauben gegen das Licht einer Fackel, die neben ihm in der Wand steckte. An den Rändern des Raumes saßen Sekretäre auf Schemeln und hielten Schreibtafeln und Stifte griffbereit.