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»Ich bin aus dem Spiel«, sagte Smiley. »Ich kann mir kein Urteil erlauben.«

Plötzlich nahm Lacons Gesicht einen konsternierten Ausdruck an, und in seinem Ton schwang fast so etwas wie Verzweiflung. »Sie sollten sie hören, George, unsere neuen Herren! Sollten hö­ren, wie sie über den Circus sprechen! Ich bin ihr Prügelknabe, verdammich; ich weiß es, ich krieg täglich mein Fett ab. Ver­leumdungen. Verdächtigungen. Mißtrauen an jeder Ecke, selbst von seiten der Minister, die's eigentlich besser wissen sollten. Als wäre der Circus eine Art wildes Fabeltier und somit unbere­chenbar. Als wäre der britische Geheimdienst etwas wie eine hundertprozentige Filiale der Konservativen Partei. Nicht ihr Verbündeter, sondern eine autonome Natter in ihrem sozialisti­schen Nest. Haargenau wie in den Dreißigern. Sogar das Gerede von einem >Britischen Gesetz über die Informationsfreiheit< nach amerikanischem Muster wird wieder laut, wissen Sie das? Mitten aus dem Kabinett. Offene Hearings, Enthüllungen, alles zum Gaudium der Öffentlichkeit? George, Sie würden schoc­kiert sein. Schmerzlich betroffen. Bedenken Sie, wie sich so et­was allein auf die Truppenmoral auswirkt. Wäre zum Beispiel unser Mostyn hier jemals zum Circus gegangen, nach dieser Art von trauriger Berühmtheit, in der Presse und sonstwo? Wären Sie, Mostyn?«

Die Frage schien Mostyn sehr tief zu treffen, denn seine ernsten Augen, die durch seine kränkliche Blässe dunkler als sonst er­schienen, wurden noch ernster, und er legte Daumen und Zeige­finger auf die Lippen. Sagte aber nichts.

»Wo war ich stehengeblieben, George?« fragte Lacon, plötzlich wie verloren.

»Die Weisen«, sagte Smiley mitfühlend.

Vom Sofa her verkündete Lauder Strickland sein Urteil über diese Körperschaft: »Weise, von wegen. Ein Haufen linkslasti­ger Krämerseelen. Führen uns am Gängelband. Sagen uns, wie wir den Laden schmeißen sollen. Klopfen uns auf die Finger, wenn unsere Zahlen nicht stimmen.«

Lacon warf Strickland einen tadelnden Blick zu, widersprach ihm aber nicht.

»Eine der weniger strittigen Übungen der Weisen, George, eine ihrer ersten Aufgaben, die ihnen - laut einer gemeinsam ausgear­beiteten Charta - von unseren Herren ganz speziell übertragen wurde, war die Bestandsaufnahme. Die Betriebsmittel des Cir­cus weltweit registrieren und sie legitimen, zeitgemäßen Zielen zuordnen. Fragen Sie mich nicht, was in ihrer Sicht ein legitimes, zeitgemäßes Ziel darstellt. Das ist ein sehr kitzliger Punkt. Doch ich will nicht unloyal sein.« Er nahm seinen Text wieder auf. »Nur soviel sei gesagt, daß diese Revision über sechs Monate durchgeführt und die Axt gebührend angelegt wurde.« Er brach ab und starrte Smiley an.

»Folgen Sie mir, George?« fragte er perplex.

Doch es war im Augenblick kaum festzustellen, ob Smiley ir­gendwem folgte. Seine schweren Lider waren fast geschlossen, und der sichtbare Rest seiner Augen lag im Schatten der dicken Brillengläser. Er saß bolzengerade, doch sein Kopf war so weit nach vorn gefallen, daß die prallen Kinne auf der Brust ruhten. Lacon zögerte noch einen Moment, dann fuhr er fort: »Nun, als Folge dieses Axtanlegens - dieser Bestandsaufnahme, wenn Ih­nen das lieber ist - seitens der Weisen wurden bestimmte Katego­rien von Geheimoperationen ipso facto als unzulässig erklärt. Njet. Klar?«

Auf sein Sofa hingelümmelt stimmte Strickland die Litanei des Unsagbaren an: »Keine Leimruten. Keine Gimpelfallen. Keine Schaukelpferde. Keine Abwerbungen. Keine Emigranten. Kein Garnichts.«

»Wie bitte?« sagte Smiley, als erwache er jäh aus einem tiefen Schlaf. Doch solch unverblümte Rede war nicht nach Lacons Geschmack, und er wischte sie weg.

»Wir wollen nicht simplifizieren, bitte, Lauder. Wir wollen die Dinge organisch angehen. Hier muß in Konzepten gedacht wer­den. Die Weisen haben also einen Kodex aufgestellt, George«, faßte er an Smileys Adresse zusammen. »Einen Katalog geächte­ter Praktiken. Klar?« Aber Smiley harrte eher des Kommenden, als daß er zuhörte. »Haben das ganze Feld abgesteckt - über Ge­brauch und Mißbrauch von Agenten, über unsere Fischereirechte - oder deren Verweigerung - in den Commonwealthstaaten und dergleichen mehr. Lauscher, Überseebeobachter, Operationen unter falscher Flagge - eine Mammutaufgabe, die sie wacker an­gingen.« Zu jedermanns, außer seinem eigenen Erstaunen ver­schränkte Lacon die Finger, drehte die Handfläche nach unten und ließ die Gelenke in herausforderndem Stakkato knacken.

Er fuhr fort: »Ebenfalls auf ihrer Verbotsliste - und sie ist ein krudes Instrument, George, respektiert keine Tradition -, ste­hen solche Dinge wie die klassische Verwendung von Doppel­agenten. Obsession belieben das unsere neuen Herren in ihren Untersuchungsberichten zu nennen. Die alten Spiele des Anlau­fens, des Umdrehens und Rückspielens von Feindspionen - zu Ihrer Zeit das tägliche Brot der Spionageabwehr -, gelten heut­zutage, George, nach der übereinstimmenden Meinung der Wei­sen, als veraltet. Unwirtschaftlich. Weg damit.«

Ein weiterer Laster donnerte schlingernd den Hügel hinunter oder hinauf. Sie hörten, wie seine Reifen an den Bordstein schlu­gen.

»Herrgott«, murrte Strickland.

»Oder - ich greife willkürlich ein anderes Beispiel heraus - die Überbewertung der Exilgruppen.«

Diesmal gab es keinen Lastwagen, nur die tiefe anklagende Stille, die der Durchfahrt des Letzten gefolgt war. Smiley saß da wie vorher, aufnahmebereit und meinungslos, ganz auf Lacon kon­zentriert, das Gehör geschärft wie das eines Blinden.

»Exilgruppen, das wird Sie interessieren«, fuhr Lacon fort »oder besser gesagt, die altbewährten Verbindungen des Circus zu ih­nen - die Weisen ziehen den Ausdruck Abhängigkeit vor, den ich eine Spur zu hart finde - mein Einspruch wurde allerdings abgewiesen -, Exilgruppen gelten heutzutage als provokato­risch, entspannungsfeindlich und aufrührerisch. Ein teurer Spaß. Wer sich mit ihnen abgibt, tut dies bei Strafe der Exkom­munikation. Im Ernst, George. So weit sind wir gekommen. Völlig unter ihrer Fuchtel. Stellen Sie sich das vor!«

Mit einer Bewegung, als wolle er die Brust freimachen für Smi­leys Todesstoß, breitete Lacon die Arme aus, blieb stehen und linste auf ihn hinunter, wie er es schon vorher getan hatte, wäh­rend im Hintergrund Stricklands schottisches Echo dieselbe Wahrheit nochmals, nur brutaler, verkündete:

»Die Gruppen sind auf den Müll geworfen worden, George«, sagte Strickland. »Samt und sonders. Befehl von oben. Kein Kontakt, nicht einmal auf Armlänge. Einschließlich der Kami­kaze-Helden des verblichenen Wladimir. Spezielles Doppel­schlüssel-Archiv für sie auf der fünften Etage. Kein Zutritt ohne schriftliche Genehmigung vom Chef. Durchschlag in die wö­chentliche Post an die Weisen zur Begutachtung. Trübe Zeiten, George, das kann ich Ihnen sagen, trübe Zeiten.«

»George, ich muß schon bitten«, rügte Lacon unbehaglich, denn er hatte etwas gehört, was den anderen entgangen war.

»Alles barer Unsinn«, wiederholte Smiley demonstrativ.

Er hatte den Kopf gehoben, und seine Augen ruhten voll auf La­con, als wolle er die Unverblümtheit seines Protests noch beto­nen. »Wladimir war nicht teuer. Er war auch kein Spaß. Und am allerwenigsten unwirtschaftlich. Sie wissen ganz genau, wie un­gern er unser Geld nahm. Wir mußten es ihm aufzwingen, sonst wäre er verhungert. Und von wegen aufrührerisch und entspannungsfeindlich - was immer man damit sagen will -, sicher, von Zeit zu Zeit mußten wir ihm die Zügel anziehen, wie den meisten guten Agenten, aber wenn es darauf ankam, dann folgte er unse­ren Anweisungen wie ein Lamm. Oliver, Sie waren einer seiner Bewunderer. Sie wissen so gut wie ich, was er wert war.«