»Du hast einen Zauber gesprochen, der dich vor den Elementen schützt«, murmelte Lida. Ihr Zittern war mittlerweile fast unkontrollierbar. Kitiara hatte kein Gefühl mehr in ihren Gliedern. Als sie versuchte, ein paar Schritte auf den Mann zuzugehen – mit welcher Absicht, wußte sie selbst nicht genau –, reagierten ihre Beine nicht.
Janusz lachte rauh. Auf sein Gebot hin ließ der Sturm etwas nach. »Ja, ich wette, euch beiden ist inzwischen etwas kalt, im Gegensatz zu meinem zweiköpfigen Freund, der auch ohne magische Hilfe recht zufrieden wirkt.« Er wies auf Res-Lacua. Der Ettin tollte in Schnee und Eis herum wie ein Lamm auf der Wiese.
»Die Kiefer«, erklärte Janusz, »sind Überreste einer längst ausgestorbenen Rasse von Wesen, deren Größe und Stärke nicht ausreichte, sie vor der Umwälzung zu retten. Das Eisvolk raubt ihre Knochen, um daraus Zäune um seine armseligen Dörfer zu ziehen.«
Keine der Frauen sprach. Beiden war unerträglich kalt. Nachdem er sie mit kaum verhohlener Verachtung betrachtet hatte, bellte Janusz Res-Lacua einen Befehl zu. Der sprang hinter den Schädel und kam mit zwei dicken, weißen Pelzknäueln wieder. In Sekundenschnelle hatten sich die beiden Frauen in die Pelze gewickelt. »Das Eisvolk, dem diese Sachen früher gehörte, braucht sie nicht mehr«, sagte Janusz mit dünnem Lächeln. Lida schauderte es bei seinen Worten, doch Kitiara blickte finster drein.
»Ich will wissen, wo wir sind«, schimpfte Kitiara.
Janusz schürzte die Lippen. »Wie fordernd für eine Gefangene. Aber ich zeige mich gern großzügig. Schließlich werde ich mein gestohlenes Eigentum zurückerhalten.« Höhnisch sah er Kitiara an, die die Augen zusammenkniff, aber nichts sagte.
»Du hast recht, Hauptmann«, meinte Janusz schließlich. »Ihr seid im Eisreich – und zwar am Nordrand des Gletschers, genau südlich der Eisbergbucht. Das hilft nicht viel? Macht nichts. Keine von euch geht irgendwo hin – außer natürlich, wenn ihr euch auf unsere Seite schlagt.«
»Wie sind wir hierhergekommen?« fragte Lida leise. Ihr Atem gefror in der Luft.
»Ich habe euch hierher teleportiert und dann mich selbst herteleportiert, um hier mit euch zu reden. Ich dachte, die menschenfeindliche Umgebung könnte euch vielleicht jeden Gedanken an Flucht austreiben.«
»Das verstehe ich nicht«, sagte die Zauberin. »So funktioniert Teleportieren doch gar nicht. Ich dachte, man brauchte einen Gegenstand.«
»Der Ettin hatte einen.«
»Aber – «
»Ich habe nicht vor, mehr preiszugeben.«
»Aber – «
»Genug!« donnerte Janusz. Eingeschüchtert umklammerte Lida die Vorderseite ihres Pelzmantels. »Frag Kitiara nach den Eisjuwelen, die sie mir gestohlen hat. Sie kann erklären, warum ihr hier seid.«
Lida drehte sich zu Kitiara um. »Du bist dafür verantwortlich? Weißt du, was er und der Valdan machen, welches Unheil sie anrichten? Die Toten, das Leid des Eisvolks?«
Kitiara schnaubte. »Was kümmert das mich?« gab sie zurück. »Soll das Eisvolk sich doch um sich selber kümmern.«
In diesem Augenblick hörte Kitiara es von Süden her heulen. »Wölfe«, sagte die Kriegerin. »Aber solche Wölfe habe ich noch nie gehört.«
»Schreckenswölfe.«
Diese Mitteilung bot keinen Trost. Gleich darauf wirbelte ein Dutzend riesiger Wölfe den Schnee auf. Sie zogen einen leeren Schlitten an geflochtenen Lederriemen hinter sich her.
Kitiara hatte natürlich schon Wölfe gesehen, aber die hier waren schreckliche, zähnefletschende Ungeheuer, ein Meer aus grauem, weißem und schwarzem Pelz an knochigen Körpern. Ein graues Tier, das größte des Rudels, stand regungslos ganz vorn und beäugte Kitiara aus blutunterlaufenen Augen. Atemwolken stiegen aus seinem Maul auf und bildeten Eistropfen auf seiner Schnauze.
Sie schienen nicht angreifen zu wollen. Kitiara warf Janusz einen fragenden Blick zu.
»Sie fressen nur Fleisch, ob tot oder lebendig. Hier unten gibt es natürlich auch nicht viel anderes zu fressen. Sie sind dumm wie Eisschollen und immer hungrig, also nimm dich in acht, Hauptmann Uth Matar.«
Kitiara zog die Augenbrauen hoch. Auf ein Zeichen von Janusz schwang Res-Lacua eine Peitsche und trieb die Frauen auf den Holzschlitten. Der Ettin knallte mit der Peitsche, um die Wölfe erst nach links, dann nach rechts zu scheuchen, damit die Kufen vom Eis losbrachen. Der Ruck ließ die Kriegerin rücklings gegen die Zauberin fallen. Die beiden Frauen knieten auf dem Schlitten, der in voller Fahrt davonschoß, und hielten sich mit den Händen fest. Der Ettin rannte hinterher.
Kitiara sah sich nach Janusz um. Dieser schwebte dicht über dem Boden rechts neben ihnen her. Seine Robe flatterte im Wind, während er ebenso schnell wie sie durch das Eisreich sauste und über den Schnee hinweg aufs Landesinnere zuhielt.
Urplötzlich hielten sie an. Der Ettin ging mißtrauisch nach vorn, wobei er vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzte. Janusz sah zu, sagte aber nichts.
»Was ist da?« flüsterte Lida Kitiara zu. »Ich spüre keine Magie – nichts Neues jedenfalls.«
Die Kriegerin zuckte mit den Achseln. »Für mich sieht’s genauso aus wie überall im Eisreich. Windgepeitscht, alles voller Eisbrocken. Ein paar richtig mächtige Blöcke, aber ansonsten Schnee, Schnee und nochmals Schnee. Da vorne vielleicht eine kleine Senke, aber…«
In diesem Augenblick brach der Ettin im Schnee ein und verschwand mit einem Schrei in einem klaffenden Loch. Nachdem Janusz einen Spruch angestimmt und Zeichen in die Luft gemalt hatte, schwebte Res-Lacua durch das Loch nach oben. Er lachte, als er wieder auf festem Eis landete. Kitiara schlüpfte aus dem Schlitten, rannte vor und beugte sich über den Rand des Lochs.
Es war eine hundert Fuß tiefe Gletscherspalte. Kitiara wich eilig vom Rand zurück. »Da ist ein Riß im Eis«, erklärte sie Lida. »Und er ist praktisch unsichtbar, bis man hineinfällt.«
»Ein schönes Hindernis für angreifende Armeen«, ergänzte Janusz.
Sie zogen weiter, indem sie westlich an der Eisspalte entlang fuhren und schließlich wieder eine südliche Richtung einschlugen. Bald hielten sie jedoch erneut an. »Was ist denn jetzt?« murrte Kitiara. Lida zeigte auf einen dunklen Fleck im Schnee. »Ein See?« fragte Kitiara. »In diesem Klima?«
Der Ettin ging nicht auf Kundschaft. Er knallte nur mit der Peitsche, um die Schreckenswölfe um den dunklen Fleck herumzulenken. Sonne glitzerte auf der Oberfläche und enthüllte das Eis, das eine dünne Haut über dem Wasser bildete. »Ein Eissee«, erklärte Janusz. »Voller Fische. Alle Bewohner des Eisreichs leben von diesen Eisseen – außer uns natürlich. Ich biete weit bessere Kost im Eisbau. Außer natürlich«, fügte er hinzu, »wenn ihr rohen Fisch mögt. Das Eisvolk liebt ihn, aber es ist auch nicht zivilisiert. Roher Fisch, unbearbeitete Häute, rauchende Torffeuer und der abscheuliche Gestank von Walroßfett. Sie verwenden alles vom Fisch, sie kochen damit und fetten die Kufen ihrer Schneeboote damit ein.«
Nach kurzer Zeit rief Res-Lacua den Schreckenswölfen etwas zu. Etwas langsamer bogen sie um eine Reihe gewaltiger Eisblöcke. Die Gefangenen hatten einzelne Auswüchse der natürlichen Gebilde gesehen, doch diese Blöcke sahen so aus, als ob sie absichtlich und mit Bedacht hierhin gestellt worden waren.
Wortlos zeigte Lida auf den Umriß einer Gestalt oben auf einem Block, doch Kitiara hatte die bullige Figur mit den kurzen Hörnern, die sich zur Stirn hinbogen, bereits entdeckt. »Minotaurus«, sagte die Kriegerin.
Der Schlitten glitt um das Ende der Reihe, und plötzlich waren sie inmitten von rufenden, gestikulierenden Minotauren und Ettins. Res-Lacua stürmte mit einem Freudenschrei in die Menge, um zahlreiche Ettins herzlich zu begrüßen. Die Ettins, die fast doppelt so groß waren wie die Minotauren, schlugen ihre Dornenkeulen aneinander, klopften einander auf die Schultern und brüllten sich auf orkisch Worte zu. Die Minotauren überblickten das Spektakel, fanden es aber anscheinend unter ihrer Würde, während eine dritte Gruppe Wesen, die halb Mensch, halb Walroß waren, mit dümmlicher Miene zusah. »Thanoi«, sagte Kitiara. »Walroßmenschen.«