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Und würde das Kontrollzentrum nicht stutzig, wenn sämtliche Gespräche der Co-Pilot führte? Und was war mit der Telemetrie? Sobald mein Großvater die Sensoren anlegen würde, würden die Ärzte den Flug abblasen. Denn ein laxes Verhalten in puncto Gesundheitszustand der Crew legen die Ärzte nur auf anderen Planeten, nur bei den Außerirdischen an den Tag ... da reicht es, wenn die Leute nüchtern sind, alles andere spielt keine Rolle ...

Hunderte von Problemen.

Stopp! Was tat ich hier eigentlich?!

Ich zerbrach mir ja den Kopf darüber, wie wir ein Raumschiff kapern könnten!

Ich unterdrückte meinen ersten Impuls, mich auf den Zähler zu stürzen, und versuchte, Ordnung in meine Gedanken zu bringen. Schließlich würde mich der Zähler doch nicht wirklich manipuliert haben?

Nein, anscheinend nicht.

Meine Einstellung zu dem Plan, den mein Großvater und der Zähler ausgeheckt hatten, war nach wie vor die gleiche. Mir schmeckte das nicht ... zumindest nicht, solange sie mir keine klaren Erklärungen geliefert hatten. Und ich hatte nicht die geringste Absicht, mir mit Gewalt Zutritt zu einem Schiff zu verschaffen, mit einer MPi im Anschlag und meinem Großvater im Huckepack!

Nein, mich hatte einfach Wut erfasst. Nach dieser genialen Fassung von Romeo und Julia in moderner Sprache, nach der Werbung für den elektrischen Korkenzieher, nach dem alten Film, der nur feige mitten in der Nacht gezeigt wurde und in dem die Aliens nicht gerade im besten Licht erschienen.

Alles würde nur schlimmer und schlimmer werden. Wir würden degenerieren. Schnell und unwiderruflich. In eine Rasse von Idioten würden wir uns verwandeln.

Die Tür knarzte.

»Petja?« Mein Großvater lugte besorgt ins Zimmer. »Ist alles in Ordnung?«

Ich stand schnell auf, huschte auf Zehenspitzen zur Tür und schlüpfte hinaus in die Diele. Hier war es dunkel, nur im ersten Stock schimmerte an der Treppe matt eine Glühbirne. Ich glaube, als Kind habe ich mich vor der Dunkelheit gefürchtet ... aber ich weiß nicht mehr, warum. Mein Großvater hatte mir damals versprochen, an meiner Tür würde immer ein Licht brennen, und er hat sein Versprechen gehalten. Kein Nachtlicht überm Bett - mein Großvater hat meinen Ängsten nie Vorschub geleistet -, sondern ein Licht über der Tür. Mir hatte das jedoch genügt. Diese Glühbirne konnte man nicht mal abschalten. Sie brannte immer ... sowohl wenn ich in meinem eigenen Bett schlief als auch an den Tagen, an denen ich in der Ausbildungsstätte übernachtet hatte oder wenn ich mir in einem Hotel auf einem fremden Stern ein Zimmer nahm.

»Ist alles in Ordnung, Petja?«, fragte mein Großvater beunruhigt.

In dem alten Pyjama und den Latschen wirkte er nicht gerade wie der Chefideologe des Chauvinismus der Menschheit oder wie ein durchtriebener Demagoge und unerbittlicher Opponent aller Regierungen. Jetzt war er nur noch ein aufgedunsener Alter, der seine Tage längst mit einem Glas Kefir vorm Fernseher verbringen sollte ...

»Du ... machst dir meinetwegen Sorgen?«, fragte ich. »Glaubst du, der Zähler würde versuchen, mich zu manipulieren?«

Mein Großvater blickte woanders hin.

»Ich habe nur Fernsehen geguckt.«

»Gibt’s was Neues?«

»Einen elektrischen Korkenzieher«, sagte ich achselzuckend. »Er öffnet zwanzig Flaschen pro Minute.«

Mein Großvater lächelte pflichtschuldig. So lächelt man ein Kind an, das aufgeregt seinen ersten Witz erzählt. Aber ehrlich gesagt fand ich die Sache inzwischen selbst schon nicht mehr komisch.

»Wir stürzen in einen Abgrund, Großpapa«, behauptete ich und ließ mich gegen den Türrahmen sacken. »Wir verblöden. Und ... sind glücklich dabei.«

»Glückliche Verblödung, das trifft es genau.« Mein Großvater nickte.

»Also, ich glaube nicht, dass der Zähler mich manipuliert hat ... vielleicht liegt es einfach an der Nacht. Ich habe angefangen, darüber nachzudenken, wie man eine Fähre entführt!«

Mein Großvater wartete geduldig.

»Die Nacht ... da wächst die Wut, Großpapa. Ich bin daran gewöhnt, nachts zu schlafen. Und tagsüber gute Bücher zu lesen oder gute Filme zu sehen. Da bleibt mir keine Zeit, über etwas Böses nachzudenken. Ob ich einen Fehler mache, wenn ich nachts schlafe?«

»Du hast dich durch zwei, drei Kanäle gezappt und zwei, drei dumme Sendungen gesehen«, stellte mein Großvater fest. »Bist du danach etwa immer noch der Ansicht, man müsse sich an die Regeln halten, die diese Menschheit aufgestellt hat?«

»Ja, wahrscheinlich schon. Aber es waren fünf Kanäle.«

»Du hast nicht ganz recht, Petja. Die glückliche Verblödung ist nämlich der Normalzustand der Menschen. Sie nimmt nur unterschiedliche Formen an. Wenn es zu einem Zusammenstoß der Kulturen kommt, zu einem Verlust der globalen Werte - wie es momentan der Fall ist -, dann tritt sie deutlicher, geradezu körperlich zutage. Aber immer und zu allen Zeiten gefiel der Zustand der glücklichen Verblödung der Mehrheit der Menschen.«

»Gut, dann habe ich mich bei der Ursache geirrt. Aber wie sieht es mit der Schlussfolgerung aus?«

»Ob wir das Recht haben, die Gesetze zu verletzen? Nicht die, die im Gesetzbuch festgehalten sind, sondern die moralischen Gesetze, die ethischen Postulate?«

»Genau. Nur nicht wir, denn du hast deine Entscheidung ohnehin längst getroffen. Habe ich das Recht?«

Mein Großvater drückte meine Hand, fest und kräftig. »Petja, ich wollte dich zu einem Menschen erziehen. Zu einem echten Menschen. Ich glaube sehr oft ... und auch jetzt ... dass mir das gelungen ist.«

»Danke ...«

Dergleichen hatte mir mein Großvater noch nie gesagt. Unser Verhältnis existierte einfach, was daran Erziehung war, was Liebe und was die Ambitionen des großen Demagogen, wusste ich nicht. Und ich wollte es auch gar nicht wissen.

»Du bist anständig, Petja«, fuhr mein Großvater leise fort. »Du machst dir selbst keinen Begriff, wie anständig du bist. Als du noch ein Junge warst, hat das die Erwachsenen gerührt und deine Altersgenossen von dir ferngehalten ... Als du erwachsen geworden bist, hielt genau das die Erwachsenen von dir fern und trieb dir die Kinder in die Arme.« Er lachte leise. »Wenn sich die Leute mit dir unterhalten, kriegen sie einen Minderwertigkeitskomplex.«

»Was?«, fragte ich völlig entgeistert.

»Einen Minderwertigkeitskomplex«, wiederholte mein Großvater. »Du bist absolut ehrlich und verhältst dich immer ethisch. Du stellst das allgemeine Wohl immer über dein persönliches. Du bist in der Lage, dich über jedes x-beliebige Thema zu unterhalten ... vom Einfluss der griechischen Kultur auf die Entwicklung der östlichen Philosophie bis hin zur Technologie der Heimschmelze legierten Stahls ...«

»Wart mal, Großpapa, legierter Stahl wird nicht in Heimarbeit ...«

Mein Großvater kicherte leise. Ich rieb mir die Stirn und verstummte.

»Du rufst bei deinen Mitmenschen eine spontane Antipathie hervor. Und gerade weil sie völlig unbegründet ist, verhalten sie sich dir gegenüber übertrieben freundschaftlich. Gleichzeitig hast du keine echten Freunde. Einen idealen Menschen hat man nicht zum Freund, dem ordnet man sich unter. Aber davor konnte ich dich bewahren ... Wenn es auch schwer war.«

Meine Wangen glühten. Das war nicht nur unangenehm, das war widerlich!

»Damit habe ich erreicht«, fuhr mein Großvater fort, »dass du in dem entscheidenden Moment ... und wie sehr habe ich auf sein Eintreffen gehofft! ... das Recht hast, eine Entscheidung zu treffen. Dass du keine Angst hast, die allgemeine Moral zu verletzen. Die Gesetze, die nur dazu ersonnen wurden, damit man sie zerstört. Denn jeder Schritt der Menschheit ins Morgen stellte eine Verletzung der Gesetze von heute dar. Und immer hat sich jemand gefunden, der es wagte, die Gesetze zu übertreten. In der Regel Schufte. Mein Traum sah jedoch anders aus. Ich wollte, dass du deine Entscheidung treffen kannst - ohne nach der Menschheit zu schielen. Gleichzeitig solltest du kein minderwertiger Vertreter von ihr sein. Eine unmögliche Aufgabe. Aber ich habe versucht, sie zu lösen.«