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Unwillkürlich musste ich lachen. »Das rettet dich auch nicht, glaub mir. Na, komm, ich bring dich noch zur Pforte.«

Tyrann ließ sich immer noch nicht im Garten blicken. Auch im Haus vernahm ich kein Geräusch ... Ich wurde leicht nervös, brachte den Jungen aber trotzdem erst mal zum Zaun. Danach inspizierte ich den Garten. Da war niemand.

In der Diele allerdings wartete jetzt jemand auf mich. Mascha und Karel. Der Reptiloid thronte auf dem Treppengeländer und schaute mich so unbeteiligt an wie immer. Mascha hielt den Paralysator im Anschlag. Selbst das erstaunte mich nicht, so absurd das auch klingt.

»Was war dieser Junge?«, fragte Mascha scharf.

»Nicht was, sondern wer«, erwiderte ich, während ich sie umrundete. »Mein Nachbar. Ich bringe ihm hin und wieder ein paar Andenken mit.«

Mascha packte mich am Oberarm. »Hast du den Verstand verloren, Pjotr?«, fauchte sie. »Wie kannst du dich jetzt mit solchem Kinderkram abgeben! Was, wenn er Karel gesehen hätte?«

»Dann hättest du ihn wohl paralysiert, oder?«, konterte ich. Mascha sagte kein Wort. »Und anschließend hätte der Zähler das Gedächtnis des Kindes bereinigt, oder etwa nicht?«

»Das geht dich überhaupt nichts an!« Die Frau hielt mich immer noch gepackt. Ja, sie richtete sogar die Pistole auf mich. »Du hast alles aufs Spiel gesetzt! Andrej Valentinowitsch ...«

Etwas in mir drin erzitterte und zerbrach. Ich umfasste ihr Handgelenk, verdrehte es und zwang sie damit, die Pistole zu senken. Karel kraxelte daraufhin das Geländer hoch, wortlos und den Blick fest auf mich gerichtet.

Einen Moment lang leistete Mascha Widerstand, dann gab sie auf.

»Und ob mich das etwas angeht!«, knurrte ich, wobei ich ihre Hände zusammenpresste. »Das ist mein Haus. Der Junge ist mein Freund. Andrej Valentinowitsch ist mein Großvater.«

»Du störst ...«, setzte Mascha an. Dann erstickte ihre Stimme, als hielte ich sie nicht bei den Händen gepackt, sondern umklammerte ihre Kehle. »Du machst alles kaputt ...«

»Soll ich’s endgültig kaputt machen?« Ich lächelte. »Indem ich verlange, dass du auf der Erde bleibst?«

Sie ließ die Arme hängen.

»Entschuldige.« Mascha sagte das gar zu schnell. »Ich habe um den Erfolg gefürchtet ...«

Ich ließ sie los und ging hoch in den ersten Stock. Karel sah mir mit funkelnden Augen nach. Mascha stand da und massierte sich die Hände.

Was ging hier bloß vor?! War mein Haus denn etwa nicht mehr mein Haus? Spielten wir jetzt alle Verschwörer? Die Frau sollte man zum Psychoanalytiker schicken -nicht ins All!

Ich weiß nicht, ob mein Großvater unser Wortgefecht mitangehört hatte oder nicht. Seine Tür stand jedenfalls halb offen. Insofern durfte ich es wohl annehmen. Aber eingemischt hatte er sich nicht.

Der große Chauvinist saß auf dem Fußboden und blätterte in Photoalben. Dicke Familienalben, Dinger von der Art, die jeden Gast in Angst und Schrecken versetzen. Mein Großvater als kleiner Junge, an der Uni, während des Praktikums in den USA, mit meiner Großmutter ... Sie war schon lange von uns gegangen ... Mein Großvater mit meinem Vater. Mein Vater bei der Armee. Mit meiner Mutter ... und mit mir in der Entstehungsphase ... Ich, nackt auf einer Decke ...

Warum nahm er sich jetzt diese alten Photos vor?

Sobald ich das Zimmer betrat, klappte er das Album abrupt zu.

»Gab’s Probleme?«

»Nein. Ich bin in die Mannschaft der Wolchw aufgenommen, der Start ist für übermorgen angesetzt ... Hast du den Hund gesehen?«

»Ja. Mascha hat Tyrann ins Tierheim gebracht.«

»Was?«, schrie ich entsetzt.

»Mascha. Hat. Den. Hund. Ins. Tierheim. Gebracht.«

Schnaufend erhob sich mein Großvater.

»Petja, das Haus wird leer sein. In achtundvierzig Stunden wird man es versiegeln und in sämtlichen Unterlagen herumwühlen. Ich will nicht, dass sie den Hund abknallen, weil er unseren Plunder verteidigt. Mascha hat für seine Unterbringung im Tierheim für zwei Jahre im Voraus bezahlt. Wir holen ihn, sobald wir zurück sind. Hoffe ich jedenfalls.«

Wie immer hatte mein Großvater recht. Aber ...

»Warum hast du nicht vorher mit mir darüber gesprochen? Ich hätte mich gern von ihm verabschiedet!«

»Man darf kein Stück seiner Seele zurücklassen, Petja. Auf überflüssige Abschiedszeremonien muss man verzichten.«

»Sie sind nicht überflüssig ...« Tränen schössen mir in die Augen. Wie leicht sich das sagt: Lass nichts zurück ... Dabei würde ich alles zurücklassen: die Erde, Russland, mein Zuhause ... und den klugen Bengel Aljoschka, für den ich nichts weiter war als eine Quelle von Andenken. Noch nie war ich irgendwohin aufgebrochen und hatte so klar gewusst, dass die Gefahr bestand, nicht zurückzukehren. Selbst vor dem ersten Trainingsflug ins All hatte ich nicht solche Panik gehabt wie jetzt ...

»Dem Hund wird es da gut gehen, Pjotr. Glaubst du etwa, ich würde mir keine Sorgen machen?«

Ich zwang mich, den Kopf zu schütteln.

»Das Haus wird durchsucht werden«, fuhr mein Großvater fort. »Ich habe bereits alle Papierdokumente verbrannt und die Dateien im Rechner gelöscht. Mach das bei deinem Computer auch ... falls du da persönliche Sachen abgespeichert hast. Und formatiere sämtliche Festplatten, am besten mehrmals.«

Sein Laptop war in der Tat angeschlossen, der Bildschirm jedoch dunkel bis auf ein paar Zeilen aus dem BIOS. Im Kamin lag eine große Menge leichter, weißlicher Asche.

»In Ordnung, Großpapa.«

»Und nimm diese Alben«, bat mein Großvater seufzend. »Bring sie in den Garten. Verbrenn sie. Ich will das nicht im Zimmer machen, das würde zu stark stinken.«

Meinte er das ernst?

»Ich will nicht, dass unsere Gesichter von fremden Pfoten begrapscht werden«, erklärte mein Großvater. »Verzeih einem alten Mann diese Schwäche. Irgendwo muss es noch die Negative geben, da lassen wir die Photos später nachmachen ... sofern wir zurückkehren.«

»Großpapa ...«

»Petja, ich bitte dich.«

Ich zögerte.

»Oder soll ich den Kram selbst in den Garten schleppen?«, schrie mein Großvater leicht hysterisch. »Ja? Soll ich?«

Den Arm voller Alben trat ich aus dem Haus. Mascha war unten im Erdgeschoss nirgends zu sehen gewesen, der Reptiloid auch nicht. Ich schleppte die Alben in die abgelegenste Ecke des Gartens, wo ich in meiner Kindheit Lagerfeuer gemacht und jeden Sommer eine Hütte gebaut hatte. Ich warf die Dinger ins welke Gras.

Dem Ganzen haftete etwas Widerwärtiges und Unnatürliches an. Der Mensch hätte Photos lieber gar nicht erst erfinden sollen - wenn sie doch manchmal verbrannt werden mussten. Von den aufgeklappten Seiten blickten mich Gesichter an, mein Großvater, meine Eltern, ich selbst, bekannte und unbekannte Leute ... Da war mein Großvater, noch nicht so alt, auf irgendeinem Kongress. Und hier ... nicht zu fassen! ... mit Danilow! Letzterer noch ganz jung, aber mit verschlossenem, scheuem, dem Objektiv ausweichendem Blick. Ich sah mir alte Aufnahmen nicht gern an - was ein Fehler gewesen war.

Ich holte die Streichhölzer, die mein Großvater mir feierlich überreicht hatte, aus der Tasche. In dem Moment fiel mein Blick auf ein Photo meiner Eltern. Mit mir auf dem Arm. Ein kleinerer Abzug des Bilds, das bei meinem Großvater im Zimmer hing.

Nein, du nicht!

Ich beugte mich vor, zog die Klebefolie ab und nahm das Photo an mich. Diese Aufnahme würde mit mir mitfliegen. Das Feuer hatte auch so genug Nahrung.

Unter dem Photo fand ich ein doppelt zusammengefaltetes, über die Jahre vergilbtes Blatt Papier. Ich nahm auch dieses an mich und entfaltete es behutsam. Mein Herz krampfte sich zusammen.

Es war ein Zeitungsausschnitt. Ein Artikel mit der Überschrift »Der Präsident kondoliert ... von Bord der Boeing«. Die Schwarzweißphotographie zeigte einen Berg von Eisen in einem ovalen Trichter, der von abgeknickten Bäumen umstanden war.