»Ach du liebe Zeit - so kenne ich Sie ja gar nicht, Doktor!«
»Orscha ...!« sagte der Obergefreite. Kukill fuhr herum. »Geben Sie her!«
Aber der Obergefreite winkte ab. »Sie stecken weiter um -nach Babinitschi oder so ähnlich - Barssdowka. Wir müssen Geduld haben.«
»Herrgott - Geduld - Geduld - das sagen Sie schon die ganze Zeit!«
»Wenn wir Orscha erreicht haben, ist das andere halb so schlimm. Sie sehen, es klappt bei unserer Organisation!« sprach der Gruppenführer beschwichtigend.
»Da sind vier oder fünf andere in der Leitung«, sagte der Obergefreite nervös. Der verrückte Zivilist und das hohe SS-Tier gingen ihm auf die Nerven. Nun hockten sie schon seit geschlagenen vier Stunden hier und trampelten auf seiner Geduld herum, wegen diesem blödsinnigen Kaff Orscha ... Der Teufel soll sie holen! Er sagte: »Irgend jemand meldet sich ... aber es quatschen immerzu andere dazwischen!« Er rückte den Trichter näher an den Mund und brüllte hinein: »Hallo - hallo -! Hallo - Orscha! Hallo - Divisionsvermittlung Orscha! Trennen Sie die Störsprecher! Wichtige Durchsage aus Berlin. Geben Sie Babinitschi - Barssdowka - Hauptmann Barth. Trennen Sie ...«
Dr. Kukill wischte sich über die Stirn. Sie war klebrig und weiß. Der Gruppenführer zündete sich eine Zigarette an.
Sie warteten.
Und dann sagte der Obergefreite:
»Bataillon 999? Hauptmann Barth? Hallo - ist dort Hauptmann Barth? Ist dort Barssdowka - Hauptmann Barth?« Er sah zu Kukill auf und nickte heftig. Dieser riß den zweiten Hörer an sich.
»Wer ist dort? Hauptmann Barth? Der Kommandeur? Hier ist Berlin, hier ist Berlin, hallo, Hauptmann Barth!«
In Barssdowka saß Hauptmann Barth am Telefon und preßte den Hörer des Feldfernsprechers an das Ohr.
»Berlin«, schrie er. »Wer macht hier faule Witze? Welcher Idiot ist in der Leitung? Hier ist Hauptmann Barth. Ist dort die Divisionsvermittlung, hallo - Divisionsvermittlung -!«
»Hier Dr. Kukill! Berlin!« rief in Berlin Dr. Kukill in den Apparat. »Holen Sie bitte Herrn Dr. Deutschmann an den Apparat, verstehen Sie - Dr. Deutschmann! Dr. Deutschmann!
Zweite Kompanie!«
»Deutschmann?« Hauptmann Barth sah Obermeier verblüfft an. »Ist die Welt verrückt geworden? Hier wird ein Dr. Deutschmann aus Berlin verlangt. Unser Deutschmann - ich werd’ verrückt!« Er preßte den Hörer ans Ohr und schrie in die Muscheclass="underline" »Jawohl - Ich lasse den Schützen Deutschmann holen! Warten Sie fünf Minuten.«
Draußen, vor dem Haus, über die Straße hinweg, die Krülls Schneeschippkommando frei schaufelte, gellten die Rufe: »Deutschmann zum Kommandeur! Deutschmann sofort zum Kommandeur!«
Der Ruf pflanzte sich fort und drang bis zu dem kleinen Revierbunker, in dem Deutschmann gerade einem Soldaten die Hand verband. Eine Quetschwunde.
»Deutschmann zum Kommandeur!« brüllte jemand in den Bunker.
Deutschmann nickte:
»In zehn Minuten. Ich muß erst verbinden.«
»Telefon aus Berlin, du Knallkopf!«
»Aus Ber.« Deutschmann sprang auf. »...lin«, beendete er tief ausatmend. Er kümmerte sich nicht mehr um den Verletzten. »Ich bin in fünf Minuten wieder hier!« schrie er, während er hinauslief. »Berlin ... meine Frau ... ich komme wieder ... halte die Binde solange ... ich .«
Er stolperte über die Straße, über Schneehaufen, über Eisbuckel. Er rannte wie um sein Leben.
»Ei - guck mal an, wie er laufen kann!« kam von irgendwoher Krülls Stimme, aber er achtete nicht darauf. Berlin, dachte er, Berlin - Julia - Julia!
Atemlos stürzte er in den Kompaniegefechtsstand. Barth hielt den Hörer immer noch ans Ohr, und auch Obermeier lauschte, tief über den Tisch gebeugt.
»Herr Hauptmann!« keuchte Deutschmann atemlos. Das
Zimmer, die Uniformen der Offiziere, der Tisch, die Wände drehten sich um ihn.
Barth winkte ab. »Hallo - Berlin! Berlin! Schütze Deutschmann ist hier. Wo ist Berlin? Was? Divisionsvermittlung - wo haben Sie Berlin? Weg? Sie Idiot - halten Sie die Verbindung fest!«
Er wartete. Deutschmann lehnte zitternd neben ihm am Tisch, und dann kam wieder eine kaum hörbare, quäkende Stimme, er steckte die Hand aus. Barth gab ihm den Hörer.
»Hier Deutschmann - Schütze Deutschmann!« sagte der schmale, zitternde Mann mit klangloser Stimme.
»Hier Divisionsvermittlung. Gespräch mit Berlin ist unterbrochen. Ich bekomme ihn nicht mehr ‘ran. Soviel ich verstehen konnte, war ein Dr. Kilill oder Krumbill .«
»Dr. Kukill ...«:, sagte Deutschmann heiser.
»Richtig, das war’s. Der war am Apparat. Er sagte etwas von einer Frau - Julia oder so ähnlich - und einem Serum, ich habe es nicht genau verstanden - und etwas von tot sagte er auch, es war alles sehr unklar. Kannst du damit etwas anfangen, Kumpel?«
»Können Sie mich nicht mehr verbinden?«
»Nee, geht nicht. Ist zu weit. Es ist endgültig weg. Kannst du damit etwas anfangen?«
»Ja - ich habe verstanden.«
Deutschmann legte den Hörer zurück und sagte vor sich hinstarrend noch zweimaclass="underline" »Ich habe verstanden - ich habe verstanden - Julia ist tot.«
Hauptmann Barth sah hinüber zu Obermeier und zuckte mit den Schultern. Er verstand nichts von dem, was sich hier abspielte, aber soviel verstand er, daß dieser schmächtige leichenblasse Mann jetzt die Nachricht über den Tod einer Frau erhalten hatte, die Julia hieß. Und wenn er sich recht erinnerte, stand in Deutschmanns Papieren, daß er mit einer gewissen
Julia verheiratet war ...
Bitter. Aber was konnte man tun? In solchen Fällen war es -das wußte er aus Erfahrung - am besten, die Leute zu beschäftigen. Und sie sollten beschäftigt werden, diese Männer aus der 2. Kompanie, bei Gott! Er hob das Handgelenk und sah auf die Uhr.
»In einer Stunde rücken Sie zu den Ausgangsstellungen ab, Herr Oberleutnant«, sagte er dienstlich. »Und Sie, Schütze Deutschmann, haben Sie noch eine Frage?«
»Nein, Herr Hauptmann.«
»Es tut mir leid ...«:, murmelte Barth, »aufrichtig leid. Wenn ich recht verstanden habe ... Ich möchte Ihnen mein Beileid aussprechen ...«
»Danke.«
Deutschmann ging hinaus, ohne zu grüßen, stand auf der Straße ohne Kopfbedeckung und mit offenem Uniformrock, so wie er aus dem geheizten Bunker herausgestürzt war. Von der Unterkunft her kam Schwanecke auf ihn zu. Als er Deutschmann sah, stutzte er und raffte den offenen Uniformrock vor Deutschmanns Brust zusammen.
»Mensch, du siehst aus wie eine Wasserleiche. Was ist denn los? Was wollen die aus Berlin?«
Deutschmann schwieg.
»Sind sie dir auf den Pelz gerückt? Laß uns abhauen, Kumpel!« flüsterte Schwanecke, während er sich vorsichtig umsah. »Heute nacht, verstehst du, jetzt ist’s viel einfacher ... keine Rotkreuzfahne mehr ... Wir bleiben einfach hinten ... So ‘n Erkundungsstoß ist genau das richtige für uns. Machst du mit?«
Deutschmann sagte immer noch nichts.
Schwanecke rüttelte ihn: »Was ist passiert? He - hörst du eigentlich? Bist du taub geworden? Was ist passiert?«
»Julia ist tot«, flüsterte Deutschmann.
»Was?« Schwanecke fuhr zurück. »Ja, dann ...«, stammelte er verwirrt, »... komm weg von hier, du holst dir den Tod. Hast du schon alles zusammengepackt? Wart mal, ich helf dir. Ja, Mensch, wenn’s so ist ...«
Willenlos, wie eine aufgezogene Puppe, ließ sich Deutschmann von Schwanecke wegführen. »So ‘ne Sache, so ‘ne verfluchte Sache!« murmelte Schwanecke, und in seiner heiseren Stimme schwang Mitgefühl für diesen großen, dünnen Mann, der an seiner Seite stolperte und den er, weiß der Teufel warum, verflucht gern leiden mochte.