Und dann pack deine Familie in den Wagen und setz dich in den Süden ab. Seid aber vorsichtig. Ich habe wirklich die Befürchtung, dass ihr Briten als Nächste fällig seid. In Portugal dürfte es noch am sichersten sein. Aber wenn es damit nicht klappt, dann versuch’s mit Gibraltar. Nur schade, dass ihr keine Kolonien mehr habt. Jetzt könntet ihr sie gut gebrauchen.
Du siehst ja selbst, wie das Ding wächst. Auch wenn ihr bloß die Satellitendaten habt. Die Daten, die wir hier kriegen, sind beschissen. Windgeschwindigkeit usw. Mit einem Flugzeug kommt man da nicht durch. Würde sofort vereisen. Schiffe? Wir haben ein paar Männer verloren, als sie versuchten, Bojen auszusetzen. Es war schrecklich. Sie haben per Handy um Hilfe geschrien. Mein Gott!
Mensch, warum schreibe ich das alles? Scheiß auf die Pflicht! Setz dich ab! So, ich hob gesagt, was ich sagen muss. Aber ich weiß jetzt schon, dass du nicht abhaust. Ich ja genauso wenig. Ich bleibe hier, bis mir das Scheißdach auf den Glatzkopf fällt.
Gott segne dich, Alex, und alle anderen von eurem Wetterdienst.
Bob
17.
Zeichen auf Sturm
Als vor drei Millionen Jahren das geologische Zeitalter Pliozän zu Ende ging, gab die Erde ein anderes Bild ab als heute. Aus der Vogelperspektive gesehen hatten die Kontinente schon ungefähr die Form, die wir kennen, aber es gab keine Polkappen und – was für uns von entscheidender Bedeutung ist – keine Landverbindung zwischen Nord- und Südamerika. Aus diesem Grund herrschte damals auch ein ganz anderes Klima.
Vor dem Entstehen Zentralamerikas waren die Landmassen im Norden und Süden so lange voneinander getrennt gewesen, dass man wirklich von zwei verschiedenen Kontinenten sprechen muss, auf denen sich unabhängig voneinander völlig andersartige Tier- und Pflanzengattungen entwickelten.
Könnte sich ein Zeitreisender in die Mitte des Pliozäns versetzen lassen, fände er eine Welt vor, die nicht nur reich an den verschiedensten Lebensformen war, sondern auch in einer Weise gesund, wie wir es uns heute kaum vorstellen können.
Menschen haben in einer solchen Zeit nie gelebt, in der sich die Welt eines vollkommenen klimatischen Gleichgewichts erfreute, was eigentlich auch ihr Normalzustand ist. Die kurze Periode der relativen Stabilität, die wir im Laufe der von uns erfassten geschichtlichen Zeit erfahren haben, hat sich im Rahmen einer Katastrophe eingestellt. Sie ist nur eine von vielen Pausen, die sich zwischen grausamen eisigen Äonen ergeben haben.
Seit drei Millionen Jahren befindet sich die Erde in einem unbarmherzigen Zyklus, in dem Eiszeiten und kurze Wärmeperioden einander abwechseln. Ein Blick auf die Welt in der Periode vor der jetzigen kommt der Vision von einem Garten Eden gleich.
Die Erholung von der Katastrophe, die die Saurier zerstörte, hatte lange gedauert, aber 10 Millionen Jahre danach, am Ende des Paleozäns, wimmelte es auf der Erde wieder von Leben. Mächtige rhinozerosähnliche Wesen mit sechs stumpfen Hörnern streiften über weite Savannen. Gejagt wurden sie von höchst eigenartigen Raubtieren mit Hufen und spitzen Zähnen – Fleisch fressenden Pferden.
Vor 40 Millionen Jahren setzte auf der Erde ein ungemein langer Abkühlungsprozess ein. Das warme, lebensfreundliche Eozän endete und wurde abgelöst durch das kühle, trockene Oligozän. Allerdings verlief der Übergang fast unmerklich. Große Verwerfungen blieben aus. Vor 11 Millionen Jahren bot sich andererseits sehr wohl ein enormer Unterschied dar.
Im Oligozän tauchten nach und nach neue Wesen auf. Das in unseren Augen Groteske, das die Tiere aus den Anfängen dieser großen Evolutionsepoche charakterisierte, wich effizienteren und erfolgreicheren Tieren. Man fragt sich, ob einige von den Urtieren – lächerliche Ausgeburten wie das gigantische Baluchuherium, ein unansehnlicher und entsetzlich schwerfälliger Fleischberg – angesichts ihrer Mühen bei Fortbewegung und Nahrungsaufnahme ein auch nur halbwegs erträgliches Leben geführt haben können. In den Anfangsjahren des Zeitalters der Säugetiere muss die Welt von enttäuschtem Brüllen, Blöken, Kläffen und Knurren widergehallt haben, wenn diese Wesen ihren unmöglichen Körper herumwälzten.
In dem Maße, in dem Grasland den Dschungel ersetzte, tauchten nach und nach zukunftsträchtigere Gattungen auf, deren Körper weitaus stabiler waren und uns von der heutigen Tierwelt her schon ziemlich vertraut sind.
Und die Abkühlung hielt an. Es war ein steter, langsamer Wandel, der auf eine langfristige Verringerung der Sonneneinstrahlung zurückgeführt wird. Man kann das nicht beweisen, aber andere Phänomene, die über einen so langen Zeitraum hinweg auf die Erde hätten einwirken können, sind kaum denkbar.
Dann, vor etwa sechs Millionen Jahren, im Pliozän, bahnte sich ein in der Erdgeschichte seltenes Ereignis an. Der antarktische Kontinent, der langsam in Richtung Südpol gedriftet war, begann eine Eiskappe zu bilden. Obgleich Meereis oft polare Gewässer zudeckte, war es eher die Ausnahme, dass auch Festland darunter verschwand.
Während der Kontinent vereiste, sank der Meeresspiegel so tief, dass das Mittelmeer erst ein Binnenmeer wurde und dann austrocknete. Beschleunigt wurde dieser Prozess durch das Versiegen der Flüsse, die es bis dahin gespeist hatten. So breitete sich im ganzen Mittelmeergebiet Dürre aus.
Infolgedessen verschwanden auch die afrikanischen Wälder, die Heimat unserer Vorgänger, der Primaten. Damit begann der lange Weg hin zum Menschen.
Das Wesen, das diesen Wandel bewältigen musste, war wahrscheinlich ein Proto-Affe, der Paranthropus robustus, der sich schnell über ganz Afrika ausbreitete.
In die gleiche Zeit fiel auch eine Periode geologischer Unruhe. Weltweit wurden Vulkane aktiv. Auch das führte zu Umwälzungen, allerdings zu keinen heftigen, sodass kein Massenaussterben folgte.
Der Vulkanismus wiederum bedingte ein aus geologischer Sicht höchst bedeutsames Ereignis, das wir, die Autoren, erdgeschichtlich für noch wichtiger halten als die Ankunft des Menschen.
Infolge der vulkanischen und plattentektonischen Aktivitäten erhob sich Zentralamerika aus dem Meer. Und es blockierte die so überaus wichtige Zirkulation der Meeresströmungen um den Äquator, die über Jahrmillionen zur Stabilisierung des Weltklimas beigetragen hatte.
Die erste Folge war, dass nordamerikanische Raubtiere wie der Säbelzahntiger Smilodon, eine der fürchterlichsten Katzen, die je auf der Erde gejagt haben, nach Südamerika wanderten und in einem wahren Blutrausch die Wälder ausplünderten. So verschwand im Laufe von mehreren 100 000 Jahren eine Reihe von außergewöhnlich plumpen Pflanzenfressern wie zum Beispiel das Nothrotherium, das offenbar so beweglich wie eine riesige Landschildkröte war, allerdings keinen schützenden Panzer besaß.
Die geografische Veränderung der Welt trug mit zum vermutlich größten Klimawandel der letzten 60 Millionen Jahre bei und läutete das große Aussterben ein, in dessen Verlauf schließlich wir auf der Bildfläche erschienen.
Unser Zweig der Primatenfamilie hat auf den unablässigen Druck einer Umwelt im Chaos reagiert und ist immer anpassungsfähiger und intelligenter geworden. In Afrika wich der Paranthropus höher entwickelten Primaten. Vor ungefähr drei Millionen Jahren begann der Australopithecus africanus durch die sich ausdehnende Steppe zu streifen. Der Australopithecus war ein Jäger, der es wohl auch verstand, Werkzeuge zu benutzen; er gilt als der Urahn der Menschheit. Er jagte wahrscheinlich in Gruppen, in denen eine hierarchische Struktur herrschte. Sein Verstand war dem des heutigen Schimpansen überlegen, aber das brauchte er auch, denn in seiner Welt herrschten harte Bedingungen. Dürre und ständiger Wandel setzten ihr zu, und um ihn herum starben Gattungen reihenweise aus.