Kyle war jetzt noch schlechter gelaunt als vorher, falls das überhaupt möglich war. Er starrte Sergei an und überlegte, was er mit ihm tun sollte. In einigen Stunden würde er erwachen – ein weiterer Vampir ohne Clan, der frei herumlief. Er könnte kurzen Prozess machen und ihn auf der Stelle endgültig umbringen. Das würde ihm sogar Spaß machen, und die Vampire brauchten wohl kaum Nachwuchs.
Aber damit würde er Sergei ein großes Geschenk machen. Er müsste nicht die Unsterblichkeit ertragen, nicht Tausende von Jahren des Weiterlebens und der Verzweiflung erdulden, all die endlosen Nächte … Nein, das wäre zu freundlich. Warum sollte Sergei nicht lieber mit ihm gemeinsam leiden?
Er dachte darüber nach. Ein Opernsänger. Sein Clan hätte sicher Spaß an ihm. Dieser kleine russische Junge könnte sie unterhalten, wenn ihnen danach war. Er würde ihn mitnehmen. Ihn verwandeln. Damit hätte er einen weiteren Schützling, der ihm zur Verfügung stünde.
Außerdem könnte Sergei ihm helfen, sie zu finden. Ihre Witterung befand sich jetzt in seinem Blut. Er konnte sie zu ihr führen. Und dann würden sie sie leiden lassen.
8. Kapitel
Der brennende Schmerz weckte Caitlin. Ihre Haut fühlte sich an, als stünde sie in Flammen, und als sie die Augen aufschlagen wollte, schoss ein stechender Schmerz durch ihren Kopf. Eine Explosion in ihrem Schädel.
Also hielt sie die Augen geschlossen und tastete mit den Händen ihre Umgebung ab. Sie lag auf irgendetwas. Es war weich, aber trotzdem fest. Eine Matratze konnte es nicht sein. Sie fuhr mit den Fingern daran entlang. Es fühlte sich wie Plastik an.
Wieder öffnete Caitlin die Augen, ganz langsam diesmal, und blickte flüchtig an sich hinunter. Plastik. Schwarzes Plastik. Und dieser Gestank! Was war das? Sie drehte den Kopf ein wenig, machte die Augen weiter auf, und dann begriff sie es: Sie lag auf Müllsäcken. Angestrengt reckte sie den Kopf. Sie war in einem Müllcontainer.
Mit einem Ruck setzte sie sich auf. Ihr Kopf und ihr Nacken schmerzten höllisch. Der Gestank war unerträglich. Inzwischen waren ihre Augen ganz geöffnet, und sie sah sich entsetzt um. Wie zum Teufel war sie hier gelandet?
Sie rieb sich die Stirn und versuchte zu rekonstruieren, wie sie hierhergekommen war. Doch sie hatte keinen Erfolg. Also versuchte sie, sich an den Vorabend zu erinnern. Mithilfe ihrer ganzen Willenskraft beschwor sie die Erinnerung herauf. Langsam kam alles zurück …
Der Streit mit ihrer Mutter. Die U-Bahn. Die Verabredung mit Jonah. Die Carnegie Hall. Das Konzert. Und dann … dann …
Der Hunger. Das heftige Verlangen. Genau, das Verlangen. Sie hatte Jonah verlassen. War hinausgeeilt. Durch die Gänge gestreift. Und dann … Leere. Nichts.
Wohin war sie gegangen? Was hatte sie getan? Und wie war sie nur hierhergelangt? Hatte Jonah sie etwa unter Drogen gesetzt? Hatte er sie missbraucht und dann hier abgelegt?
Das konnte sie sich nicht vorstellen. Er war nicht der Typ für so etwas. Das Letzte, woran sie sich erinnern konnte, war, dass sie allein durch die Gänge gestreift war. Sie hatte Jonah weit hinter sich gelassen. Nein. Er konnte nichts damit zu tun haben.
Aber was war dann passiert?
Caitlin kniete sich langsam hin, doch einer ihrer Füße rutschte zwischen zwei Säcke, und sie sank tiefer in den Container. Schnell zog sie den Fuß heraus und fand wieder festen Halt, wobei die Plastikflaschen in dem Sack laut knirschten.
Der Metalldeckel des Containers stand offen. Hatte sie ihn letzte Nacht geöffnet und war hineingeklettert? Warum hätte sie das tun sollen? Sie streckte den Arm in die Höhe und schaffte es geradeso eben, die Metallstange am oberen Rand zu packen. Sie hatte Bedenken, ob sie genug Kraft haben würde, um sich herauszuziehen.
Aber als sie es versuchte, stellte sie verblüfft fest, wie einfach es war: eine anmutige Bewegung, und schon schwang sie die Beine über den Rand, ließ sich fallen und landete auf dem Asphalt. Zu ihrem Erstaunen war ihre Landung sanft und anmutig, und sie spürte fast nichts davon. Was war bloß mit ihr los?
In dem Moment, als Caitlin auf dem Bürgersteig landete – mitten in New York City –, ging ein gut gekleidetes Paar vorüber. Die beiden erschraken heftig. Sie drehten sich um und starrten sie peinlich berührt an – anscheinend konnten sie nicht verstehen, warum ein Mädchen im Teenageralter aus einem großen Müllcontainer sprang. Sie warfen ihr einen ausgesprochen seltsamen Blick zu und beschleunigten ihren Schritt, um so schnell wie möglich von ihr wegzukommen.
Caitlin konnte es ihnen nicht verübeln. Wahrscheinlich hätte sie es genauso gemacht. Sie sah an sich hinunter. Noch immer trug sie ihre Abendgarderobe von gestern, aber inzwischen war sie völlig verschmutzt und mit Müll bedeckt. Außerdem stank sie. Sie klopfte den Schmutz so gut es ging ab.
Dabei tastete sie schnell ihre Taschen ab. Kein Handy. Ihre Gedanken rasten, als sie sich zu erinnern versuchte, ob sie es aus der Wohnung mitgenommen hatte.
Nein. Sie hatte es in ihrem Zimmer zurückgelassen, auf der Ecke ihres Schreibtischs. Eigentlich hatte sie vorgehabt, es mitzunehmen, aber ihre Mom hatte sie so aus der Fassung gebracht, dass sie es vergessen hatte. Mist! Ihr Tagebuch hatte sie auch liegen lassen. Und sie brauchte beides. Außerdem musste sie dringend duschen und sich umziehen.
Caitlin warf einen Blick auf ihr Handgelenk, aber ihre Uhr war verschwunden. Sie musste sie irgendwann im Laufe der Nacht verloren haben. Vorsichtig machte sie einen Schritt auf den belebten Gehsteig. Aber die Sonne schien ihr direkt ins Gesicht, und sofort breitete sich Schmerz hinter ihrer Stirn aus.
Schnell trat sie in den Schatten zurück. Sie hatte keine Ahnung, was mit ihr los war. Zum Glück war es bereits später Nachmittag. Hoffentlich ging dieser Kater – oder was auch immer es war – schnell vorüber.
Sie versuchte darüber nachzudenken, wohin sie gehen konnte. Am liebsten hätte sie Jonah angerufen. Das war verrückt, schließlich kannte sie ihn kaum. Und nach letzter Nacht – was auch immer sie getan haben mochte – wollte er sie bestimmt nie wiedersehen. Aber trotzdem war er der Erste, der ihr in den Sinn kam. Sie wollte seine Stimme hören und bei ihm sein. Nicht zuletzt deshalb, weil sie ihn brauchte, um ihre Gedächtnislücken zu schließen. Sie wollte unbedingt mit ihm reden. Und dafür brauchte sie ihr Telefon.
Also würde sie ein letztes Mal nach Hause gehen, ihr Handy und ihr Tagebuch holen und sofort wieder verschwinden. Sie betete, dass ihre Mutter nicht zu Hause war. Vielleicht war das Glück ja ausnahmsweise mal auf ihrer Seite.
* * *
Caitlin stand vor dem Gebäude und betrachtete es mit einem unguten Gefühl. Die Sonne ging unter, und das Licht störte sie nicht mehr so sehr. Vielmehr fühlte sie sich mit jeder Stunde, die die Nacht näher rückte, stärker.
Mit Lichtgeschwindigkeit sprang sie die Treppen in den fünften Stock hinauf und überraschte sich selbst. Obwohl sie immer drei Stufen auf einmal nahm, waren ihre Beine kein bisschen müde. Sie konnte sich nicht erklären, was mit ihrem Körper vor sich ging. Doch was es auch sein mochte, es gefiel ihr sehr!
Ihre gute Laune verschwand, als sie sich der Wohnungstür näherte. Ihr Herz begann zu hämmern. Sie fragte sich, ob ihre Mom wohl zu Hause war. Wie würde sie reagieren?
Aber als sie die Hand nach dem Knauf ausstreckte, stellte sie erstaunt fest, dass die Tür bereits offen und nur leicht angelehnt war. Ihre ungute Vorahnung verstärkte sich. Warum stand die Tür offen?
Zögernd betrat Caitlin das Apartment. Der Holzboden unter ihren Füßen knarrte. Langsam ging sie durch den Flur ins Wohnzimmer.
Als sie den Raum betrat, drehte sie den Kopf zur Seite – und schlug sofort entsetzt die Hand vor den Mund. Schlagartig wurde ihr übel. Sie wandte sich ab und übergab sich.
Es war ihre Mom. Sie lag mit offenen Augen auf dem Boden. Tot. Ihre Mutter. Tot. Aber wie war das passiert?
Blut sickerte aus ihrem Hals und bildete eine kleine Pfütze auf dem Fußboden. Das konnte ihre Mutter auf keinen Fall selbst getan haben. Sie war ermordet worden. Aber wie? Und von wem? So sehr sie ihre Mutter auch hasste, ein derartiges Ende hätte sie ihr nie gewünscht.