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»Onkel«, rief er Anborn zu, der sich gerade darauf vorbereitete, aus der Halle getragen zu werden, »hast du einen Augenblick Zeit für uns?«

Der Marschall runzelte die Brauen, gab aber seinen Trägern das Zeichen zu warten.

»Geh schon zum Bankett, Melly«, sagte Gwydion Navarne zu seiner Schwester. »Ich komme gleich nach.«

»Mal sehen, ob ich dir einen Platz freihalten kann«, meinte Melly mit Schalk in den schwarzen Augen. »Es wäre schade, wenn du auf deiner eigenen Feier hinten stehen müsstest.« Sie drehte sich um und folgte den Staatsoberhäuptern aus der Halle, wobei ihre goldenen Locken fröhlich tanzten.

Die Herzöge der orlandischen Provinzen sowie Tristan Steward, der Oberherrscher, blieben ebenfalls zurück und sahen aufmerksam zu, wie Jal’asee langsam über den Teppich des Mittelganges schritt und vor dem Marschall stehen blieb. Der Meeresmagier nickte den zwei Mitgliedern seines Gefolges zu, die die Türen zu einem der Seitengemächer öffneten. Er verschwand darin und kam kurz darauf mit einem riesigen Strohsack heraus, auf dem eine mächtige hölzerne Kiste lag. Mit großer Mühe setzte er sie vor Anborn ab und zog sich dann rasch und respektvoll einige Schritte zurück.

»Was soll das?«, wollte der Marschall wissen, während er die hölzerne Kiste argwöhnisch beäugte.

Der alte Seren räusperte sich; seine goldenen Augen glitzerten.

»Ein Geschenk von Eurem Bruder Edwyn Griffyth, dem Hohen Meeresmagier von Gaematria«, sagte er.

Seine sanfte, tiefe Stimme knisterte vor fremdartiger Energie und verursachte bei Gwydion eine Gänsehaut. Der zukünftige Herzog warf einen raschen Blick zu Rhapsody hinüber und bemerkte, dass es ihr genauso ging. Sie hörte aufmerksam zu, als ob sie Musik lausche, die sie nie zuvor vernommen hatte.

Anborn schnaubte verächtlich: »Ich will nichts von ihm haben, und schon gar nichts, was in einer Sänfte hereingetragen werden muss. Das ist eine Beleidigung. Nehmt es weg.«

Jal’asees gelassener Gesichtsausdruck veränderte sich trotz dieser harschen Entgegnung nicht. Er griff nur zwischen die Falten seiner Robe, holte ein kleines Papierbündel hervor, hielt es schweigend hoch und erklärte, dass es Anweisungen von Edwyn seien. Ashe nickte.

»Bei allem Respekt«, sagte der große Mann mit seiner angenehm rauchigen Stimme. Er schaute auf das erste Blatt, räusperte sich wieder und las laut vor:

>»Sei kein kindischer Esel. Mach dein Geschenk auf.<«

Ein leises Kichern breitete sich in der Halle zwischen den Herzögen aus. Anborn starrte zuerst sie und dann den serenischen Botschafter an. Jal’asee lächelte gütig. Der Marschall atmete tief ein, stieß die Luft laut wieder aus und bedeutete den Dienern, die Kiste zu öffnen.

Die Mitglieder von Jal’asees Gefolge schlössen die Kiste auf und traten zurück, als die hölzernen Wände umfielen.

Im Innern befand sich eine funkelnde Maschine aus Metall. Sie stand aufrecht und hatte stählerne Fußpolster, die von gegliederten Gelenken getragen wurden, welche wiederum von zwei Rädern mit Gestänge und Handgriffen angetrieben zu werden schienen. Alle Versammelten hielten die Luft an; ansonsten herrschte Stille in der Großen Halle.

»Was, im Namen der verschrumpelten, winzigen Eier meines Bruders, ist das?«, fragte Anborn geringschätzig. Jal’asee hüstelte höflich, steckte das oberste Blatt nach hinten und spähte auf das nächste.

>»Das ist ein Gehapparat, du Strohkopf. Er ist genau auf deine Größe, dein Gewicht und deinen Umfang eingestellt und sollte dir ermöglichen, wieder aufrecht zu gehen. Aber du solltest keine Bemerkung zur Größe meiner Genitalien machen, denn das könnte zu peinlichen Fragen über deine eigene Männlichkeit führen.<«

Anborn richtete sich wütend auf seinen Fäusten auf. »Ich will dieses Ding nicht haben!«, brüllte er. »Schafft diesen neumodischen Apparat zurück zu meinem Bruder und sagt ihm, er soll sich ihn sonst wohin schieben.«

Geduldig schob Jal’asee das nächste Blatt nach hinten und las das nun oben liegende.

>»Es besteht kein Grund, gemein zu werden. Außerdem bezahle ich den Rücktransport nicht. Es bleibt, wo es ist. Du solltest das Beste daraus machen.<«

Anborn beäugte den metallenen Gehapparat mit gerunzelter Stirn und wandte sich wieder an den Botschafter von Gaematria.

»Sagt meinem Bruder, dass ich mich dafür bedanke«, meinte er mit übertriebener Höflichkeit.

Jal’asee blinzelte und durchstöberte rasch die verbleibenden Blätter. Sein altes Gesicht nahm einen schmerzlichen Ausdruck an.

»Ich ... äh ... scheine darauf keine passende Antwort zu haben«, sagte er in belustigter Verlegenheit. »Ich glaube, diese Antwort hat Ihr Herr Bruder nicht vorhergesehen.«

»Ha! Ich hab ihn!«, krähte Anborn. Er gab den Sänftenträgern ein Zeichen. »Bringt mich hier heraus, sonst verpasse ich noch das Essen.« Seine Diener hoben ihn hoch und trugen ihn aus der Halle. Die Herzöge, die Botschafter und die beiden cymrischen Herrscher schauten ihm mit einer Mischung aus Heiterkeit und Verblüffung nach. Die Herzöge, die sich inzwischen wieder miteinander unterhielten, folgten ihm.

Ashe ging hinüber zu dem Gehapparat und untersuchte ihn sorgfältig. »Edwyns Fähigkeiten als Erfinder und Schmied verblüffen mich immer wieder«, sagte er mit Verwunderung in der Stimme. »Es ist schön zu sehen, dass er das Genie, das er von seinem Vater Gwylliam geerbt hat, zu guten Zwecken einsetzt, anstatt damit wie dieser Zerstörungen anzurichten.«

»Gwylliam war nicht immer zerstörerisch«, sagte Rhapsody und sah zu, wie Ashe die Handkurbel langsam drehte, worauf das rechte Fußpolster sich hob und einen Schritt nach vorn machte. Dann drehte er es zurück. »Er ist verantwortlich für viele nützliche und angenehme Erfindungen. Die Hallen von Ylorc werden von Lichtern erhellt, die er geschaffen hat; der Berg wird durch ein Ventilationssystem geheizt und gekühlt, das aus seiner Hand stammt. In den Tiefen der Berge gibt es sogar Aborte. Als Ylorc noch Canrif, sein Meisterwerk, war, enthielt es einige der klügsten und anspruchsvollsten Erfindungen auf der ganzen Welt. Wenn du die Narrheiten deines Großvaters tadelst, solltest du seine Errungenschaften nicht vergessen.«

Sie spürte eine leichte Berührung am Ellbogen, drehte sich um und sah, dass JaFasee hinter ihr stand. Sie schaute in sein Gesicht und erwiderte sein Lächeln.

»Herrin, wenn Ihr erlaubt, möchte ich gern einen Augenblick allein mit Euch reden«, sagte er freundlich. Rhapsody schaute hinüber zu Ashe, der sie fragend anblickte und nickte.

»Geh schon mit den Herzögen vor, Sam«, sagte sie gelassen, wobei sie ihn mit dem Namen anredete, den sie immer dann gebrauchte, wenn sie unter sich waren. »Ich komme gleich nach.« Sie wartete, bis ihr Gemahl und Gwydion den Raum verlassen hatten. Sobald sie allein waren, sah sie JaFasee an.

»Ja?«

Das freundliche Gesicht des alten serenischen Botschafters wurde ernst.

»Herrin, wird der Bolg-König zur Amtseinsetzung des jungen Gwydion beim Winterkarneval eingeladen?«

»Natürlich«, antwortete Rhapsody. »Warum?«

»Ist es wahrscheinlich, dass er kommt?«

Sie seufzte und zuckte die Achseln. »Das kann ich nicht sagen. Er ist für lange Zeit seinem Königreich fern gewesen.« Sie errötete. Der Grund für sein Fernsein hatte in ihrer Rettung gelegen. »Warum fragt Ihr, Euer Exzellenz?«

Der große Mann sah ernst auf sie hinunter. »Ich hoffe, dass Ihr mir die Ehre erweisen werdet, mich ihm vorzustellen und mir ein kurzes Gespräch mit ihm zu ermöglichen.« Die rauchige Stimme klang beiläufig, aber Rhapsody hörte die unmissverständliche Ernsthaftigkeit in seinen Worten.