»Er hat uns doch selbst berichtet, dass er im Krieg zwischen Perctarit und Grimoald Krieger war«, erinnerte Fidelma sie einfühlsam. »Wäre man dem nachgegangen, hätte sich sogar erwiesen, dass er in Perctarits Heer gedient hat. Vor zwei Jahren, nachdem man Perctarit ins Exil gezwungen hatte, tauchte er in Bobium auf, ungefähr zur gleichen Zeit mit Bruder Eolann, der aus Mailand hierherkam. Er führte nicht nur die Oberaufsicht über den Bau der Mausoleen. Du selbst hast mir erzählt, dass er die Baupläne für den Bau der Grabstätte von Abt Bobolen entworfen und die Arbeiter dafür herangeholt hat.«
»Es war ein Werk der Nächstenliebe …«, versuchte Schwester Gisa ihn zu verteidigen.
»Nicht so ganz. Seine Arbeiter waren von Perctarit ausgesuchte Leute, und unter dem Deckmantel der Bautätigkeit wurde das Gold dorthin geschafft. Es wird dort verborgen gehalten, und man wartet darauf, dass Perctarit zum entscheidenden Schlag ausholt. Nicht nur das. Faro ist auch der Reiter auf dem fahlen Pferd, der Freifrau Gunora verfolgt und ermordet hat und mit Prinz Romuald ebenso verfahren wäre. Er war die Person im Klostergewand, die – wie man beobachtet hat – Wambas Kästchen stahl, das Hawisa unter einen eigens errichteten Steinhügel gestellt hatte. Beim Hinunterklettern merkte er, dass man ihn gesehen hatte, und ließ das Kästchen fallen, das ich später fand. Sein Pferd hatte er weiter unten stehenlassen. Es war von der gleichen Rasse und Farbe, wie es mir zuvor bei Faro aufgefallen war. Von der Person, die ihn beobachtet hat, fehlt seither jede Spur. Wir können nur hoffen, dass er nicht noch einen weiteren Toten auf dem Gewissen hat.«
»Du behauptest, er hätte auch Hawisa getötet und ihre Hütte in Brand gesteckt?«
»Ja.«
»Deiner Meinung nach hat Faro den Jungen Wamba, Bruder Eolann und Abt Servillius umgebracht?«, fragte Aistulf.
Fidelma schüttelte den Kopf. »Wamba wahrscheinlich ja – da bin ich ziemlich sicher. Aber ich glaube, zu den Verschwörern gehört noch ein dritter Mitspieler. Ich habe zwar einen Verdacht, wage aber noch nicht, ihn zu äußern. Wenn ich wieder in der Abtei bin, wird sich die Wahrheit erweisen. Am vordringlichsten ist jetzt, die Abtei und das Gold vor Grasulf zu retten.«
Schwester Gisa schluchzte noch immer leise vor sich hin.
»Du wirst dich mit den Tatsachen abfinden müssen, liebe Tochter«, sagte Suidur beschwichtigend und legte ihr einen Arm um die Schulter.
»Ich werde es nicht eher glauben, als bis Faro es mir selbst sagt«, begehrte sie unter Tränen auf.
Fidelma sah sie mitleidig an. »Wenn es dich tröstet – ich glaube, du liegst ihm wirklich am Herzen. Gestern Abend noch hat er mich gewarnt, ich solle das Tal verlassen, und er bat mich, dich ebenfalls zu warnen, falls ich dich sehen würde. Er sprach von einem Sturm, der aufzieht.«
»Der Sturm dürfte früher losbrechen, als man glaubt«, merkte Wulfoald sachlich an.
»Das fürchte ich auch«, stimmte ihm Fidelma zu. »Grasulf wird entweder noch heute oder morgen angreifen.«
»Dann müssen wir uns sofort ans Werk machen, es gilt, die Abtei zu schützen und das Gold zu bergen«, entschied Radoald und stand auf.
Die anderen folgten seinem Beispiel, und Fidelma brachte den Entschluss auf den Punkt: »Grasulf dürfte inzwischen erfahren haben, dass das Gold in der Abtei ist. Sein Sinnen und Trachten ist folglich darauf gerichtet, es sich zu holen. Er wird bereits unterwegs sein. Wir müssen schnellstens zurück und die Brüder warnen.«
»Ich brauche etwas Zeit, um genügend Krieger zusammenzurufen«, gab Radoald zu bedenken.
»Wir haben die beiden Krieger von Grimoald und vier von meinen Leuten, die gute Bogenschützen sind. Ich könnte die nehmen und Fidelma begleiten«, schlug Wulfoald vor. »Die Abtei ließe sich verteidigen. Wir könnten jeden Versuch, sich des Goldes zu bemächtigen, abwehren, bis du mit deinen Männern zur Verstärkung da bist.«
»Ich komme mit«, erklärte Aistulf, von dem Plan begeistert. »Fortes fortuna iuvat.« Den Kühnen steht das Glück zur Seite.
»Hattest du nicht dem Kriegshandwerk abgeschworen?«, fragte Radoald seinen Vater.
»Manchmal verbietet es sich, gleichgültig abseitszustehen. Es ist genauso gut mein Tal, und es sind meine Leute, über die Grasulf herfällt. Keine Sorge, mein Sohn, den Seigneur von Trebbia mache ich dir nicht streitig. Ich bleibe Eremit, aber wie jeder andere habe ich das Recht, für den Frieden in unserem Tal zu kämpfen.«
Trotz aller Verzweiflung bestand auch Schwester Gisa darauf, mitzugehen. Wulfoald führte die kleine Gruppe mit den beiden schwarzbemantelten Kriegern an, Fidelma und Schwester Gisa ritten hinter ihm, und den Schluss bildete Aistulf mit vier weiteren Kriegern. Ohne miteinander zu reden, strebten sie ihrem Ziel zu. Fidelma war mit sich und ihren Gedanken beschäftigt. Immer wieder ging sie alles durch, was sie an Beweismaterial hatte; zwar bestand für sie kein Zweifel an Faros Schuld, auch nicht an Bruder Eolanns Mittäterschaft, aber die mangelnde Gewissheit über den dritten Täter ließ ihr keine Ruhe. Sie hatte einen Verdacht, aber eben nur einen Verdacht. In der Beweiskette gab es eine Lücke.
Am späten Nachmittag erreichten sie endlich die gewölbte Brücke. Aus Richtung Travo war ein anderer von Wulfoalds Kriegern auf sie zugeritten, man traf auf der Brücke zusammen. Der Wortwechsel war rasch und kurz.
»Grasulf hat mit seinen Kriegern unten im Tal den Fluss überquert und stürmt in unsere Richtung«, rief Wulfoald Fidelma zu. »Es bleibt uns wenig Zeit, die Abtei und die Siedlung zu alarmieren.«
Sie hasteten über die Brücke und galoppierten bergan zu den Toren der Abtei. Bruder Bladulf war offensichtlich vom Monte Pénas zurück, denn er war es, der ihnen die Tore öffnete. Der Ehrwürdige Ionas und Magister Ado waren bereits auf dem Hof und kamen ihnen entgegengeeilt.
»Grasulf ist mit seinen Mannen hierher unterwegs und dürfte binnen kurzem im Auftrag Perctarits die Abtei stürmen wollen«, rief Wulfoald und schwang sich vom Pferd. »Holt so viele Leute wie möglich zu ihrer Sicherheit in die Abtei, schließt dann die Tore und wartet ab.«
Der Ehrwürdige Ionas wollte eine Frage stellen, als er Aistulfs ansichtig wurde. Er konnte es kaum fassen.
»Mein Seigneur Billo«, stammelte er. »Was …?«
Aistulf winkte ab. »Erklärungen gibt es später. Uns bleibt keine Zeit. Grasulf steht gleich vor den Mauern der Abtei.«
»Es ist tatsächlich so«, bestätigte Fidelma. »Und hinter der Verschwörung steckt Bruder Faro. Ist er hier?«
»Er ist seit heute früh noch nicht wieder zurück«, erklärte Magister Ado erschrocken. »Ich kann es nicht glauben.«
»Für Debatten ist jetzt nicht die Zeit«, rief Fidelma kurz angebunden, »wir müssen uns wappnen.«
Wulfoald befahl bereits seinen Kriegern, auf den Mauern über den Toren der Abtei Position zu beziehen.
»Wir können unmöglich gegen Grasulf kämpfen«, wehrte sich Magister Ado heftig. »Das hier ist ein Gotteshaus, ein Haus des Friedens. Unsere Brüder sind auf ein friedliches Miteinander eingeschworen.«
»Das Kämpfen übernehmen wir für dich«, meinte Wulfoald sarkastisch. »Du kannst für uns beten.«
Der Ehrwürdige Ionas hatte andere Bedenken. »Wie wollen wir uns mit diesen paar Kriegern verteidigen?«
»Seigneur Radoald kommt mit Verstärkung«, versicherte ihm Wulfoald. »Sie müssten bald hier sein. Läute jetzt die Alarmglocke der Abtei, ehe es zu spät ist.«
Bruder Bladulf stand aufgeregt in der Nähe, aber sowie er den Auftrag bekam, eilte er zum Wachturm, löste das Seil und ließ die Glocke schwingen. Im Nu schwärmten die Mitglieder der Bruderschaft auf den Hof und rannten ziellos hin und her. Schwester Gisa war in die Siedlung zum Frauenhaus geritten, um die Schwestern zu warnen, die alsbald zusammen mit anderen den Abteitoren zustrebten, wobei einige sogar noch versuchten, ihr Vieh zusammenzutreiben. Die Panik allenthalben ließ Magister Ado nicht länger zaudern. Er versuchte, sich Gehör zu verschaffen, schrie Anweisungen, gab Erklärungen und war bemüht, in das allgemeine Durcheinander Ordnung zu bringen. Fidelma drängte es, sich bei dem Ehrwürdigen Ionas zu vergewissern, der bleich und besorgt dem Treiben zusah.