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»Antworten Sie!«, sagte Martin Vanger mit gefährlicher Stimme.

»Ich denke, Lisbeth weiß ungefähr genauso viel wie ich, vielleicht sogar mehr. Ich würde mal tippen, dass sie mehr weiß. Sie ist schlau. Sie hat auch die Verbindung zu Lena Andersson gesehen.«

»Die Verbindung zu Lena Andersson?« Martin Vanger wirkte völlig verblüfft.

»Das siebzehnjährige Mädchen, das Sie im Februar 1966 in Uppsala zu Tode gefoltert haben. Sagen Sie nicht, dass Sie das vergessen haben.«

Martin Vangers Blick wurde wieder klarer. Zum ersten Mal sah er fast ein wenig bestürzt aus. Er wusste nicht, dass jemand auch hier die Querverbindung gefunden hatte - Lena Andersson hatte nicht in Harriets Adressbuch gestanden.

»Martin«, sagte Mikael, wobei er versuchte, seine Stimme so fest wie möglich klingen zu lassen. »Martin, es ist vorbei. Sie können mich vielleicht töten, aber es ist vorbei. Es gibt zu viele, die Bescheid wissen, und diesmal werden Sie ins Kittchen wandern.«

Martin Vanger sprang auf und begann im Zimmer auf und ab zu laufen. Plötzlich schlug er mit der Faust gegen die Wand. Ich darf nicht vergessen, dass er irrational denkt und handelt. Die Katze. Er hätte die Katze mit hierher nehmen können, aber er ist gegen jeden gesunden Menschenverstand zur Familienkapelle gegangen. Er handelt nicht rational. Martin Vanger blieb stehen.

»Ich glaube, dass Sie lügen. Nur Sie und Salander wissen Bescheid. Sie haben mit niemandem darüber gesprochen, sonst wäre die Polizei schon hier gewesen. Ein ordentliches Feuer im Gästehaus, und alle Beweise sind vernichtet.«

»Und wenn Sie sich täuschen?«

Auf einmal lächelte er.

»Wenn ich mich täusche, dann ist es wirklich vorbei. Aber das glaube ich nicht. Ich setze darauf, dass Sie bluffen. Was habe ich für eine Wahl?« Er überlegte. »Diese verdammte Fotze ist das schwache Glied. Ich muss sie finden.«

»Sie ist gegen Mittag nach Stockholm gefahren.«

Martin Vanger lachte.

»Aha. Warum sitzt sie dann den ganzen Abend im Archiv des Vanger-Konzerns?«

Mikaels Herz schlug schneller. Er wusste es. Er hatte es die ganze Zeit gewusst.

»Stimmt. Sie sollte zuerst beim Archiv vorbeifahren und dann weiter nach Stockholm«, antwortete Mikael so ruhig er konnte. »Ich wusste nicht, dass sie so lange geblieben ist.«

»Hören Sie auf jetzt. Die Archiv-Chefin hat mir mitgeteilt, dass Dirch Frode ihr Anweisung gegeben hat, Salander so lange bleiben zu lassen, wie sie will. Das heißt, dass sie irgendwann heute Nacht zurückkommt. Der Nachtwächter ruft mich an, sobald sie das Verwaltungsgebäude verlässt.«

Teil IV

Feindliche Übernahme

11. Juli bis 30. Dezember

92 % aller schwedischen Frauen, die Opfer sexueller Gewalt geworden sind, haben ihre jüngste Erfahrung nicht bei der Polizei angezeigt.

24. Kapitel

Freitag, 11. Juli - Samstag, 12. Juli

Martin Vanger beugte sich herab und durchsuchte Mikaels Taschen. Er fand den Schlüssel.

»Schlau von Ihnen, die Schlösser auszutauschen«, kommentierte er. »Ich werde mich um Ihre Freundin kümmern, wenn sie nach Hause kommt.«

Mikael antwortete nicht. Er erinnerte sich, dass Martin Vanger nach vielen erbitterten Kämpfen in der Industrie Erfahrung mit Verhandlungen hatte. Er hatte schon den vorherigen Bluff durchschaut.

»Warum?«

»Warum was?«

»Warum all das?« Mikael nickte unbestimmt mit dem Kopf in den Raum.

Martin bückte sich zu ihm, legte ihm eine Hand unters Kinn und hob seinen Kopf an, sodass sich ihre Blicke trafen.

»Weil es so einfach ist«, sagte er. »Die ganze Zeit verschwinden Frauen. Es gibt keinen, der sie vermisst. Einwanderer. Huren aus Russland. Tausende von Menschen fahren jedes Jahr durch Schweden.«

Er ließ Mikaels Kopf los und stand auf, beinahe schon stolz auf seine Demonstration.

Martin Vangers Worte trafen Mikael wie ein Faustschlag.

O mein Gott. Das ist gar kein historisches Rätsel. Martin Vanger bringt heute noch Frauen um. Und ich bin völlig ahnungslos reingerannt …

»Ich habe gerade keinen Gast. Aber es wird Sie vielleicht amüsieren zu erfahren, dass im Winter und im Frühjahr, während Sie und Henrik beieinandersaßen und schwatzten, ein Mädchen hier unten war. Sie hieß Irina und kam aus Weißrussland. Als Sie bei mir zu Abend aßen, saß sie hier in diesem Käfig eingesperrt. Das war doch ein netter Abend, nicht wahr?«

Martin Vanger setzte sich auf den Tisch und ließ die Beine baumeln. Mikeal blinzelte. Er musste plötzlich sauer aufstoßen und schluckte kräftig.

»Was machen Sie mit den Leichen?«

»Ich habe das Boot genau hier unten am Anlegesteg. Ich nehme sie weit mit hinaus aufs Meer. Im Unterschied zu meinem Vater hinterlasse ich keine Spuren. Aber auch er war geschickt. Er hat seine Opfer über ganz Schweden verstreut.«

In Mikaels Kopf fielen die Puzzleteilchen langsam, aber sicher an ihren Platz.

Gottfried Vanger. Von 1949 bis 1965. Danach übernahm Martin Vanger, 1966 in Uppsala.

»Sie bewundern Ihren Vater.«

»Er hat mir alles beigebracht. Er hat mich initiiert, als ich vierzehn Jahre alt war.«

»Uddevalla. Lea Persson.«

»Genau. Ich war dabei. Ich habe nur zugeguckt, aber ich war dabei.«

»1964, Sara Witt in Ronneby.«

»Ich war sechzehn. Da habe ich zum ersten Mal eine Frau gehabt. Gottfried hat es mir beigebracht. Ich habe sie erwürgt.«

Er gibt damit an. Großer Gott, was für eine durch und durch kranke Familie.

»Sie begreifen doch wohl selbst, dass das hier völlig krank ist?«

Martin Vanger zuckte leicht mit den Schultern.

»Ich glaube nicht, dass Sie verstehen können, wie göttlich es ist, volle Kontrolle über Leben und Tod eines Menschen zu haben.«

»Sie genießen es, Frauen zu foltern und zu ermorden, Martin.«

Der Konzernchef überlegte kurz, den Blick auf einen leeren Fleck an der Wand hinter Mikael gerichtet. Dann lächelte er sein charmantes, blendendes Lächeln.

»Das glaube ich eigentlich nicht. Wenn ich meinen Zustand intellektuell analysiere, stelle ich fest, dass ich eher ein Serienvergewaltiger als Serienmörder bin. Eigentlich bin ich ein Serienkidnapper. Dass ich die Frauen töte, ist nur die natürliche Konsequenz - ich muss meine Verbrechen schließlich verbergen. Das verstehen Sie doch?«

Mikael wusste nicht, was er antworten sollte, und nickte nur. »Natürlich sind meine Taten sozial nicht akzeptabel, aber mein Verbrechen ist in erster Linie ein Verbrechen gegen die Konventionen der Gesellschaft. Der Tod kommt erst am Ende des Aufenthalts meiner Gäste, wenn ich ihrer überdrüssig geworden bin. Es ist immer wieder faszinierend, ihre Enttäuschung zu sehen.«

»Enttäuschung?«, fragte Mikael verblüfft.

»Genau. Enttäuschung. Sie glauben, wenn sie mir zu Willen sind, dann werden sie überleben. Sie unterwerfen sich meinen Regeln. Sie fangen an, mir zu vertrauen, beginnen einen Kameraden in mir zu sehen, und bis zum Schluss hoffen sie, dass diese Kameradschaft etwas bedeutet. Die Enttäuschung kommt dann, wenn sie merken, dass ich sie an der Nase herumgeführt habe.«

Martin Vanger ging um den Tisch herum und lehnte sich gegen den Stahlkäfig.

»Sie mit Ihren kleinbürgerlichen Konventionen werden das nie verstehen, aber die Spannung liegt darin, die Entführung zu planen. Solche Dinge darf man nicht spontan machen - solche Kidnapper werden immer geschnappt. Es ist die reinste Wissenschaft, ich muss dabei tausend Details berücksichtigen. Ich muss eine Beute finden und ihr Leben erforschen. Wer ist sie? Woher kommt sie? Wie kann ich an sie rankommen? Wie stelle ich es an, dass ich mit meiner Beute einmal allein sein kann, ohne dass mein Name ins Spiel kommt oder irgendwann in einer zukünftigen polizeilichen Ermittlung auftaucht?«