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Schlagartig war der Boden unter ihren Füßen fort.

Sie schwebte desorientiert in mattem grünem Licht wie in einem See. Ihr Atem ging schnell. Hinter ihr war das Licht des Portals – vor ihr rasch zunehmende Finsternis. Andere Orcs trieben an ihr vorbei, als sich ihr von weiter vorn schmale Lichtschlieren entgegenreckten. Noch immer konnte sie das seltsame Donnern durch das Tor hören, doch gedämpft jetzt. Hin und wieder blendete sie eine Explosion gleißender Helligkeit. Sie verdrängte das Gefühl lähmender Furcht, das sie zu überwältigen drohte, und konzentrierte sich stattdessen auf das, was sie sah: ein nadelkopfgroßes Licht der Hoffnung in der alles umfassenden Dunkelheit. Draka versuchte, sich darauf zuzubewegen. Sie fühlte sich, als wäre sie vollkommen ohne Gewicht. Aber wie sollte sie dann zu diesem Licht gelangen?

Sie streckte die Arme aus, zog sie zurück – und schwebte vorwärts. Sie lächelte und machte weiter. Das neue Land lag am anderen Ende dieses seltsamen Tunnels. Dort erwartete sie ihr Gefährte. Das Kind in ihr trat um sich, als wollte es protestieren.

Ganz ruhig, Kleiner, dachte Draka. Gleich sind wir –

Stechende Pein durchfuhr sie, als sich ihr Bauch krampfhaft und heftig zusammenzog, wie eine Faust, die vor dem Schlag geballt wird. Draka keuchte überrascht. Zwar hatte sie bislang noch kein Kind ausgetragen, doch sie hatte mit den anderen Frauen gesprochen. Sie wusste, was sie erwartete. Das Orc-Leben war von unaufhörlicher Wachsamkeit geprägt, weshalb Babys zügig und mit wenigen Schmerzen verbunden auf die Welt kamen, sodass ihre Mütter die Möglichkeit hatten, bei Bedarf entweder zu kämpfen oder zu fliehen.

Aber das hier …

Das war zu früh. Die Agonie, die ihren Unterleib zerriss, war eine Warnung, kein Vorbote. Das Baby brauchte noch mindestens einen weiteren Mond im schützenden Leib seiner Mutter. Schweiß brach ihr aus, und keuchend mühte sich Draka, den Schild zu entfernen, der ihre Schwangerschaft tarnte. Als es ihr gelang, warf sie ihn achtlos ins Dunkel. Das Licht war jetzt näher; sie konnte andere Orc-Gestalten um sich herum erkennen, die allesamt auf das Licht zustrebten, und einen Moment lang fühlte Draka eine plötzliche Verbindung zu ihrem Kind. In gewisser Weise wurden sie gerade beide geboren.

Ein weiterer Orc, der schwerelos mit den Armen ruderte, schwebte an ihr vorbei. Durotan! Er streckte die Hand nach ihr aus, und als er sah, dass sie Qualen litt, versuchte er, sie festzuhalten. Doch er trudelte an ihr vorüber, erbarmungslos davongetragen von dieser seltsamen Strömung. Dann kam etwas anderes gemächlich auf sie zugesegelt – ein entwurzelter Baum. Ungeachtet der grässlichen, dolchartigen Schmerzen machte Draka sich so klein, wie es nur ging, und tat ihr Möglichstes, um ihr Kind zu schützen. Die Zweige des Baums zerkratzten ihr die Haut, als er vorbeischwebte.

Als das Licht intensiver wurde und sie nach der Dunkelheit dieser Reise beinah blendete, streckte sie die Hand danach aus. Ihre forschenden Finger strichen über irgendetwas Festes – Erde! Draka knurrte frustriert, grub ihre scharfen Nägel in den Boden und zog sich in die Höhe, hinaus aus dem Portal.

Füße donnerten an ihr vorbei, und sie rappelte sich auf. Benommen taumelte sie aus dem Gewirr von Orcs, die begierig darauf waren, Blut zu vergießen. Sie spürte durchweichte Erde unter sich … Wasser, Gras …

Draka kreischte, als sie Schmerzen überkamen, die sich anfühlten, als würde ihr Kind ihren Bauch von innen heraus aufschlitzen. Ihre Knie gaben nach, und sie sackte auf den schlammigen Boden; ihre gequälten Lungen sogen keuchend klamme Luft ein.

„Draka!“ Das war Durotan. Auf Händen und Knien kauernd, drehte Draka den Kopf und sah, wie er auf sie zugerannt kam. Dann streckte ein riesiger Orc eine mit pechschwarzen Malen verzierte Hand aus und packte ihren Gefährten.

„Schwanger?“, bellte der Orc. „Du wagst es, dieses Wachook mit in meinen Kriegstrupp zu bringen?“

„Lass mich los, Schwarzfaust!“, bat ihr Gemahl. „Draka!“

Sie konnte ihren Kopf nicht länger oben halten. Durotan würde nicht an ihrer Seite sein und ermutigend brüllen, wenn ihr Baby auf die Welt kam. Bei allen Geistern … konnte es überhaupt überleben, wenn es so früh geboren wurde, gefangen in der Pein seiner Mutter? Draka schluchzte, jedoch nicht vor Schmerz, sondern vor Wut und Zorn. Dieses Kind hatte etwas Besseres verdient! Es verdiente zu leben!

Plötzlich war da jemand, der beruhigend murmelte: „Ssssch … Ssssch … Du bist nicht allein, Draka, Tochter von Kelkar, Sohn von Rhakish.“

Durch das Gewirr von schweißnassem Haar, das ihr am Gesicht klebte, schaute sie auf – in die grün glühenden Augen von Gul’dan.

Nein!

Durotan revoltierte mit all seinen Fasern gegen den Gedanken an Gul’dan mit seiner grünen Haut und seiner Todesmagie, der an seiner Stelle an Drakas Seite weilte, während sie sein Kind gebar. Durotan kämpfte gegen Schwarzfausts Griff an, doch der Orc-Hauptmann hielt ihn unbeirrt fest.

„Pressen, Kleiner“, sagte Gul’dan gerade mit ungewohnt gütiger Stimme. „Pressen …“ Durotan verfolgte hilflos, wie Draka – auf Händen und Knien hockend – ihren Kopf in den Nacken zurückwarf und schrie, als ihr Sohn das Licht der Welt erblickte.

Das Baby war reglos, so grässlich reglos, und gab keinen Laut von sich. Durotan sackte in Schwarzfausts eisernem Griff zusammen, und das Herz brach ihm.

Mein Sohn …

Doch Gul’dan hielt das winzige Etwas, das kaum so groß war wie seine grüne Hand, und beugte sich darüber.

Die kleine Brust bebte. Einen Herzschlag später erfüllte ein kräftiges Heulen die Luft, und Durotan keuchte, als grenzenlose Erleichterung über ihn hinwegspülte. Sein Sohn war am Leben!

„Willkommen, Kleiner!“ Gul’dan lachte und hob Durotans und Drakas Baby gen Himmel. „Ein neuer Krieger für die Horde!“, rief er, und rings um Durotan erscholl ohrenbetäubender Jubel, doch er schenkte ihm keinerlei Beachtung. Benommen starrte er auf das kleine Wesen hinab, das sein Sohn war.

Das Kind war grün.

4

In der Stadt war es dämmrig, laut und heiß. Im Zentrum brannten Feuer, so, wie sie es schon seit Jahren taten. Und auch das Klingen von Hämmern auf Eisen und das Zischen verdampfenden Wassers waren unablässig zu vernehmen. Die Luft roch schwach nach Rauch, auch wenn sie in der höhlenartigen Konstruktion stets atembar blieb. Der Name der Stadt beschrieb zugleich ihre Bewohner – entschlossen, wachsam, immer tätig: Eisenschmiede.

Der König der unterirdischen Zwergenhauptstadt – der Vollbart von wildem Rot, die Nase mächtig wie eine Knolle – führte seinen Gast durch den großen Bereich der Schmieden. Er schüttelte den Kopf, als könnte er etwas immer noch nicht glauben, auch wenn seine Füße ihre Schritte zielstrebig fortsetzten. Er wies mit einem würstchendicken Finger auf seinen Begleiter.

„Für niemanden außer Euch hätte ich jemals Pflugscharen schmieden lassen, Anduin Lothar“, grummelte er mit seiner tiefen, melodischen Stimme. „Jetzt könnt Ihr und Eure Armee von Bauern der Erde mit Zwergenstahl zu Leibe rücken, ja? Das auch nur auszusprechen jagt mir einen Schauder über den Rücken. Was werden meine Gemahlinnen davon halten?“

Anduin Lothar, der einzige Mensch, für den König Magni Bronzebart jemals Pflugscharen würde schmieden lassen, lächelte auf seinen alten Freund hinab. Groß gewachsen und gut gebaut, wenn auch nicht übermäßig muskulös, bereitete königliche Gesellschaft dem „Löwen von Sturmwind“ keinerlei Unbehagen. Er hatte den Großteil seines Lebens damit verbracht, an der Seite des Mannes zu kämpfen – und zu trinken –, der gegenwärtig auf dem Thron von Sturmwind saß, und er kannte auch Magni gut.