Im Flur tauchte meine Mutter auf. Das war doch nicht zu fassen - sie sah jünger aus, als ich sie in Erinnerung hatte! Ha! Die Geburt und die Sorgen um ein Kind gereichen der Schönheit einer Frau eben doch nicht zum Vorteil ...
»Danila?«, sagte sie mit fragendem Unterton.
»Hier sind Sie falsch«, erklärte mein Vater und fuhr fort, ohne sich zu meiner Mutter umzudrehen: »Der junge Mann sucht einen Kirill Maximow, bei der Auskunft hat man ihm diese Adresse genannt ...«
»Verzeihen Sie die Störung ...«, murmelte ich.
Mein Vater sah mich immer noch ... irgendwie zweifelnd an. Nachdenklich. Ich glich ihm, vermutlich entdeckte er in mir seine Züge, und das irritierte ihn.
Meine Mutter musterte mich übrigens mit demselben Zweifel. Wie auch nicht? Schließlich sprang ihr die Ähnlichkeit noch stärker ins Auge ...
»Entschuldigen Sie.« Ich ging zum Fahrstuhl. Da ihn bereits jemand in einem anderen Stock gerufen hatte, musste ich warten. Mein Vater sah mich ein letztes Mal an, bevor er die Tür schloss.
Ich lauschte. Entweder kamen hier meine Fähigkeiten als Funktional zum Tragen oder meine Mutter sprach sehr laut, doch ich vernahm deutlich: »Der Junge sieht dir ähnlich.«
»Was willst du damit sagen?«, erwiderte mein Vater mit einer Spur von Verärgerung.
»Äh ... nichts.«
»Komm schon, raus mit der Sprache!«
Na prima! Jetzt glaubte meine Mutter auch noch, mein Vater habe ein außereheliches Kind. Da hatte ich ja was Schönes angerichtet.
Wie gestaltete sich mein Verschwinden für sie? Ob sich meine Sachen und Papiere in Luft aufgelöst hatten, mein Gesicht in Fotos zerflossen, in den alten Unterlagen die Zahl der Bewohner dieser Wohnung von »3« zu »2« mutiert war? Und was war mit ihrem Gedächtnis? Hatte meine Mutter sogar vergessen, dass sie einmal schwanger gewesen war? Oder glaubte sie, ihr Kind sei bei der Geburt gestorben? Was trat in ihrem Gedächtnis an die Stelle jener Jahre, die sie mit mir verbracht hatten? Lustige Reisen und das gesellige Beisammensein mit Freunden? Oder leere, bittere, kalte Abende, zu zweit, immer nur zu zweit ...
Ich lehnte die Stirn gegen den schmutzigen Spiegel im Fahrstuhl.
Nicht nur mir hatten sie alles geraubt. Auch meinen Eltern hatten sie etwas genommen: mich. Als Ersatz hatten sie ihnen Freizeit, mit der sie nichts anzufangen wussten, und Leere in der Seele gegeben.
Genauso dürfte es sich verhalten, wenn die Funktionale ganze Länder und Welten bestahlen. Es war einmal ein Land. Ein mitunter etwas unbesonnenes Land, ein Land voller Unruhe und Probleme, das es verdiente, gescholten zu werden. Und bauz! - schon war es nicht mehr da. Daraufhin erklärten die Funktionale, es habe nie existiert, es sei Blendwerk, Täuschung und Teufelei gewesen. Und dass du ihnen dankbar sein müsstest, weil sie dich von diesem Problem befreit hätten. In deiner Freiheit weißt du nicht, was du tun sollst, aber dafür bist du auch für nichts verantwortlich. Und die Leere in der Seele? Die ist doch ganz normal, sie macht dir das Leben leichter.
»Wie ich euch alle hasse«, zischte ich. Ich begriff nicht auf Anhieb, dass ich Illans Worte wiederholt hatte.
Vielleicht sollte ich zu den beiden gehen? Sie waren bei Kotja. Zusammen stünden wir das besser durch ... Allerdings glaubte ich nicht, dass sie sich sonderlich über mein Erscheinen freuen würden. Der dritte Mann war nur in den wüsten Geschichten nötig, mit denen Kotja seinen Lebensunterhalt verdiente.
Außerdem hatte ich noch jemanden, zu dem ich gehen konnte.
Zweiundzwanzig
Ein Mann und eine Frau, die sich noch kaum kennen, sich aber von einander angezogen fühlen, erleben bei uns früher oder später einen seltsamen Moment: »Ich habe plötzlich ...« Oder er tritt eben nicht ein, aber dann endet die Beziehung, noch ehe sie angefangen hat.
Dieser Moment besteht darin, dass es in der Wohnung der Frau (meistens) oder des Mannes (seltener) an der Tür klingelt. Oder das Telefon läutet. Und derjenige, der da kommt, wird sagen: »Ich habe plötzlich beschlossen, bei dir vorbeizuschauen.« Manchmal fügt er hinzu: »Ich hatte so ein Gefühl, als ob du auf mich warten würdest«, aber das hängt bereits davon ab, ob es in seiner Seele eine romantische Ader gibt. Ausschlaggebend ist das Wörtchen »plötzlich«.
Plötzlich habe ich beschlossen, bei dir vorbeizukommen. Plötzlich habe ich beschlossen, dich anzurufen.
Entschuldige, üblich ist das ja nicht, und ich weiß selber nicht, was wir jetzt machen wollen ... Du musst entschuldigen, aber ich war gerade in der Gegend, und da habe ich plötzlich gedacht ...
Der Zufälligkeit oder gar Absurdität des Auftritts kommt bei diesen Szenen entscheidende Bedeutung zu. Die Liebe ist per se unlogisch, deshalb können die Menschen, die versehentlich als Menschen und nicht als Computer geboren worden sind, ihr so wenig abgewinnen.
Ein Ereignis »Ich habe plötzlich ...« garantiert noch nichts. Vielleicht trinken die beiden nur zusammen Tee und gehen anschließend wieder ihrer Wege. Vielleicht landen sie im Bett, trennen sich danach aber trotzdem.
Unterbleibt dieses »Ich habe plötzlich ...« jedoch, kann von Liebe keine Rede sein. Möglicherweise geht es dann um Freundschaft, Leidenschaft, Anhänglichkeit - es gibt ja eine breite Palette schöner Dinge und Gefühle. Aber um Liebe geht es dann nicht.
Die heldenhafte junge Untergrundkämpferin Nastja Tarassowa wohnte in Preobrashenskoje, sicherlich nicht gerade der beste Bezirk. Dafür aber in einem freundlichen Neubau auf einem überwachten Gelände, in einem Studioapartment im obersten Stockwerk, das ihr vermutlich der gute Geschäftsmann Mischa gekauft hatte. Ich kannte ihre Adresse, weil Nastja meine Zollstelle passiert hatte. Eine weitere Fähigkeit eines Zöllners, die in mir gewachsen war.
Wo Mischa wohnte, wusste ich auch. Auf der Rubljowka, wie es sich für einen so gewichtigen Mann gehörte.
Mit der Wache am Eingang des Geländes gab es keine Probleme. Höflich nannte ich ihm Nastjas Wohnungsnummer und ihren Nachnamen, doch als der Wachmann mich bat, ihm meine Papiere vorzuzeigen, schüttelte ich nur den Kopf. Mich ganz wie Stalins Protegé, der parapsychologisch begabte und gerade ungehindert zur Lubjanka herausspazierende Wolf Messing, oder wie der seine imperialen Mannen betörende Obi-Wan Kenobe fühlend, erklärte ich: »Du brauchst meine Papiere gar nicht.«
»Stimmt«, pflichtete mir der Objektschützer bei und öffnete die innere Tür. »Alles Gute.«
Ein wenig enttäuscht von dem Fehlen schöner visueller Effekte durchquerte ich das gepflegte Grundstück, auf dem entlang der mit Steinen ausgelegten Wege Laternen brannten, während unfrohe Mieter ihre reinrassigen Vierbeiner im Regen über das Hundegelände Gassi führten.
Auch die Videogegensprechanlage am Hauseingang bereitete mir keinerlei Problem. Ohne auf die Zahlen zu sehen, tippte ich den Code ein, worauf die Tür sich öffnete. Im Foyer saß eine gestrenge Concierge in ihrem Glashäuschen wie in einem Aquarium, doch stellte sie mir keine Fragen.
Ein anständiges Haus. Die Eingangshalle strahlte vor Sauberkeit, Blumentöpfe und Bäumchen in Fässern standen hier, es roch nach einer kaum zu entschlüsselnden Mischung von Parfüms, offenbar der Gesamtheit aller Düfte der Damen und Herren, die in diesem Haus ein und aus gingen. Der Aufzug, wenn auch nicht marmorverkleidet, glitt sanft nach oben, die Spiegel funkelten, eine leise Musik spielte.
Auf dem Treppenabsatz im obersten Stockwerk wartete allerdings eine Überraschung auf mich. Und diese Überraschung hieß Vitja, war einen Meter und neunzig groß und extrem breitschultrig. Ich erinnerte mich vom Besuch Michails und Nastjas, als die beiden nach Antik zum Konzert wollten, her an ihn.
Der Leibwächter erkannte mich ebenfalls wieder. Er stieß sich von der Wand ab, sah mich irritiert an und linste dann zur Wohnungstür hinüber, die er zu bewachen hatte.