»Reden wir eigentlich Polnisch oder Russisch miteinander?«, fragte ich.
»Russisch«, antwortete sie verärgert. »Als ob du nicht wüsstest, dass ein Zöllner mit jedem in seiner Muttersprache sprechen kann.«
»Ach ja.« Ich nickte. »Hast du die Zeitung schon gelesen?«
»Ja.«
»Und was gedenkst du jetzt zu unternehmen?«
»Wie heißt das doch noch gleich in euern Märchen?« Marta runzelte die Stirn. »Erst werde ich den jungen Helden im Dampfbad schwitzen lassen, dann mäste ich ihn, dann fress ich ihn ...«
»Mit der Hexe Baba Jaga hast du nun wahrlich keine Ähnlichkeit«, versicherte ich ihr. »Bist du schon lange Zöllnerin?«
»Seit neun Jahren. Als ich anfing, war ich noch das reinste Kind.« Sie inhalierte den Rauch fast so tief wie ein Mann. Neugierig betrachtete sie mich. »Komm wieder zu Kräften und geh, wohin du willst. Ich werde dich nicht aufhalten. Aber ich werde dich auch nicht verstecken, darüber solltest du dir klar sein!«
»Ich bin dir wirklich dankbar«, sagte ich ehrlich. »Wohin führen deine Türen?«
»Nach Elblag.«
»Kenn ich nicht ...«, nuschelte ich. »Ist das da, wo auch Kimgim ist?«
»Elblag ist eine Stadt in Polen!« Ich hatte den Eindruck, Marta verübelte mir meine Unbildung ein wenig. »Außerdem nach Janus. Nach Antik. Und nach Erde-16.«
»Was für eine Welt ist das?«, erkundigte ich mich.
»Bist du aufgetaut?«
»Hmm.«
»Dann komm raus. Zieh was über ...« Sie nickte in Richtung der Bademäntel, die an den Haken hingen, und verließ das Bad.
Der eine Bademantel war für Frauen, rosa mit aufgeprägtem Ornament, der andere für Männer, in Dunkelblau. Ich schielte zum Becher mit den Zahnbürsten rüber. Es waren zwei. Marta führte offensichtlich kein Eremitendasein.
Ohne Scham oder Ekelgefühl schlüpfte ich in den fremden Bademantel und folgte Marta. Das Bad und der Tee hatten mich durchgewärmt und mir die Lebensgeister zurückgegeben. Ein Rennen über hundert Meter würde ich noch nicht durchstehen, aber ich brauchte mich auch nicht mehr auf fremde Schultern zu stützen.
Neun Jahre sind neun Jahre. Wenn mein Turm mir kein richtiges Zuhause geworden war - dafür hatte ihm einfach die Zeit gefehlt -, dann war bei Marta alles komplett eingerichtet und gemütlich. Das Erdgeschoss musste ursprünglich ein ähnlich riesiger Saal wie bei mir gewesen sein, wurde jetzt aber von Regalen in zwei Zimmer unterteilt, die ihrerseits mit den unterschiedlichsten Sachen vollgestopft waren, angefangen von Töpfen mit bunten Blumen oder Kartons mit Limonade und Bier bis hin zu irgendwelchem Metallkram zweifelhaften Ursprungs und zusammengeknüllter, schmutziger Wäsche. Das allgemeine Chaos machte jedoch irgendwie den Eindruck von Gemütlichkeit und Bequemlichkeit. Über die Stufen der Treppe, die in den ersten Stock hinaufführte, schlängelte sich ein schmaler Webteppich. Weitere Läufer im Landhausstil bedeckten den Boden. Ich bemerkte noch eine Schale mit Milch, also musste hier auch eine Katze leben ...
»Komm her«, rief mich Marta.
Ich stellte mich zu Marta neben eine Tür. Sie riss sie weit auf. »Das ist Elblag«, verkündete sie.
Unwillkürlich hüllte ich mich fester in den Bademantel und trat etwas von der Tür zurück. Vor mir lag eine abendliche Stadt mit alten Häusern, Kopfsteinpflaster, altmodischen Straßenlaternen und Menschen, die an herausgestellten Tischen vor den Cafés saßen. Die Tür führte auf einen kleinen Platz voller Menschen.
»Es ist sehr hübsch«, versicherte ich. »Ist das das Stadtzentrum?«
»Ja.« Marta schloss die Tür wieder und ging zur nächsten, die sie mit der Ankündigung: »Janus!« öffnete.
»Das hätte ich auch so erkannt«, sagte ich, während ich in das Schneegestöber hinausstarrte. Durch die Tür wogte kalter Wind. Allein bei dem Gedanken, ich könnte in diesem Augenblick in jener Eishölle liegen, leichenstarr und mit aufgerissenen, vereisten Augen in die Dunkelheit blickend, zuckte ich zusammen. »Mach die Tür wieder zu!«
Zum ersten Mal hatte Marta einen ansatzweise mitleidigen Blick für mich übrig. Sie schloss die Tür. »Eine ekelhafte Erde, stimmt schon«, murmelte sie vor sich hin. »Im Sommer ist es nicht viel besser. Weißt du, dass da Menschen leben?«
Ich schüttelte den Kopf. »Mir hat man gesagt, Janus sei unbewohnt.«
»Einmal habe ich im Sommer ein Segel auf dem Fluss gesehen«, erzählte mir Marta. »Ein Boot, ganz erbärmlich. Nicht wie unsere. Dann gibt es noch wilde ...« Sie dachte kurz nach, bevor sie unsicher fortfuhr. »... Ziegen. Zumindest sehen sie noch am ehesten wie Ziegen aus. Ich habe mal eine erlegt, die sowieso ständig hinter der Herde zurückblieb, stolperte und fiel. In ihrem Hinterteil ...« Marta klopfte sich auf den eigenen straffen Hintern. »... steckte ein Pfeil. Mit einer Spitze aus Knochen.«
Etwas in ihrer Stimme überzeugte mich. Ungeachtet der Meinung der anderen Funktionale glaubte ich ihr, dass es auf Janus intelligentes Leben gab. Vielleicht Säugetiere, die über den Planeten zogen, und Wilde, die ihnen folgten. Denkbar war dergleichen. Irgendwelche ewigen Wanderer des Frühlings - nein, wohl eher des Herbsts -, die sich an der Grenze zwischen dem mörderischen Winter und dem sengenden Sommer eingerichtet hatten und sich von den Früchten ernährten, die ihnen diese unwirtliche Erde bot. Brüder aus einer Nachbarwelt. Wie sie wohl waren? Ob wir uns mit ihnen verständigen könnten? Anfreunden? Ob wir ihnen irgendwie helfen und etwas von ihnen lernen könnten?
Die Funktionale interessierten derartige Fragen nicht.
»Mitunter frage ich mich, ob nicht jede Welt des Multiversums besiedelt ist«, sagte Marta, fast als hätte sie meine Gedanken gelesen. »Nur sehen wir diese Menschen nicht in jedem Fall. Vielleicht wollen sie gar nicht, dass wir sie entdecken. Schließlich erkunden wir eine Welt nicht, wenn sie uns nichts zu bieten hat ...«
Sie trat an die dritte Tür heran und blieb nachdenklich vor ihr stehen. »Bist du mal auf Antik gewesen?«, fragte sie mich.
»Nein. Aber ich habe schon einiges darüber gehört.«
»Eine komische Welt.« Sie schnaubte. »In der würdest du nicht weit kommen. Sobald du durch die Tür treten würdest, würden ihre Bewohner auf dich aufmerksam werden.«
Hinter der dritten Tür war Tag, ein sonniger warmer Tag. Die Tür führte in eine schmale Gasse mit Steinhäusern - und zwar richtigen, nicht aus Ziegeln erbauten, sondern eben aus Stein -, die grob, aber solide wirkten, mit schmalen Spalten, bei denen es sich ebenso gut um unverglaste Fenster wie Schießscharten oder Lüftungsöffnungen handeln konnte.
»Das sind Warenlager«, erklärte Marta.
Das hatte ich auch schon geschlussfolgert. Die Portale fanden sich meist an unbewohnten Orten, die Tür nach Elblag, die in einen belebten Platz mündete, stellte eher eine Ausnahme von dieser Regel dar. Ach ja, und mein Turm, der hatte auch nicht gerade am entlegensten Fleckchen Moskaus gestanden. Anscheinend konnte der Durchgang in der Heimatwelt des Zöllners also an jedem x-beliebigen Punkt liegen. Beim Vordringen in andere Welten sollte er jedoch vorsichtig sein und sich abseits halten ...
»Wer sollte mich denn bitte schön hier bemerken?«, wollte ich wissen.
»Zum Beispiel diejenigen, deren Schritte du schon hören kannst, wenn du mal die Ohren aufmachen würdest.«
In der Tat, jetzt vernahm auch ich Schritte. Am Haus gingen zwei Männer vorbei, anscheinend ohne die Tür zu bemerken, ein dunkelhäutiger, muskulöser Kerl in einem weiten, weißen Hemd und weißen Hosen sowie ein Greis in dunklem Umhang. Aus unerfindlichen Gründen waren beide barfuß. Der jüngere hatte ein längliches, graues Etwas von offenkundig einigem Gewicht geschultert und erinnerte mich deshalb an einen Panzerbüchsenschützen aus einem Entwicklungsland, der seine »Vampir« oder »Tawolga« zum Einsatzort bringt. Den Eindruck machte allerdings der goldene Ring zunichte, der sich um seinen Hals spannte, mit einem versponnenen Muster verziert und anscheinend mit Brillanten besetzt war.