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Sofort fühlte ich mich besser.

Das stammte von den Funktionalen. Das war ihr Bau, genauso lebendig wie mein Turm.

Ich hatte das Herz der Finsternis gefunden! Ein funkelndes, gläsernes Herz.

»Na, ihr könnt euch auf was gefasst machen!«, sagte ich, eher um mir Mut zu machen, als um meinen Feinden zu drohen.

In meinem Kopf setzten sich langsam, aber sicher die Teile des Puzzles zusammen.

Wer hatte eigentlich behauptet, die Heimat der Funktionale sei das Paradies auf Erden, ein Hightech-Reich, unberührte Natur, Schönheit und vollendete Harmonie? Vielleicht war es einmal so gewesen. Früher.

Aber heute war ihre Heimat Erde-16. Eine verbrannte Wüste, verpestete Luft, brennendes Land, radioaktive Strahlung, Ruinen großer Städte. Fast überall. Nur in einigen abgelegenen Eckchen des Planeten, auf großen Inseln oder am geduldigen, heilenden Meer gab es noch Siedlungen von Menschen. Hier lebten Menschen, normale Menschen, die die Vergangenheit ihrer Welt längst vergessen hatten. Und die Funktionale, die die planetare Katastrophe überlebt hatten.

Was war mit ihnen passiert? Ein Atomkrieg? Oder etwas noch Schlimmeres? Ein wissenschaftliches Experiment, das außer Kontrolle geraten war? Versiegte Ressourcen? Ein niedergegangener Asteroid? Oder alles zusammen?

Eine sterbende Welt. Eine Welt im Todeskampf. Menschen, die in den Ruinen nach den Artefakten einer untergegangenen Zivilisation wühlten. Aufseherfunktionale, die es jetzt vorzogen, ihre Experimente in anderen Welten durchzuführen. Oder einen Weg zur Rettung ihrer eigenen Welt suchten.

Und eben kein kalter, unbarmherziger Verstand, der mit den Käfigmäusen herumexperimentierte, wie ich zunächst aus einem Mangel an Informationen vermutet hatte. Sondern verzweifelte Menschen-über-den-Menschen, die in wilder Panik aus ihrer Welt in andere Welten geflohen waren.

Doch so oder so: Hier war ihr Herz. Hier war ihre Heimat.

Und ich hatte das Recht, mit ihnen alles zu machen, was ich wollte, für all das, was sie auf der Erde, Veros, Feste und Arkan angerichtet hatten, ja, selbst auf Arkan, denn es war letzten Endes auch nur ein Instrument, ihre Hauptanlegestelle und Basis. Aber ihre Heimat befand sich hier.

Und es gab nichts Schlimmeres als einen Schlag in den Rücken. Einen Schlag, den sie nicht erwarteten. Hierher dürften keine normalen Portale führen. Sie hatten es geschafft, die noch bewohnten Teile ihrer Welt abzuschotten, indem sie den Zöllnern die radioaktiv verseuchte Wüste zur Kontemplation vorgeworfen hatten.

Ich jedoch war durchgekommen. Ich hatte es geschafft. Irgendwo musste etwas schiefgelaufen sein, weshalb mir mehr Kräfte zugeteilt worden waren, als ein einfaches Funktional normalerweise bekam.

Ich schüttelte mich. Besser verzog ich mich von Deck, bevor ich die Neugier der Ureinwohner weckte.

Auf dem Weg zurück in die Kajüte bemerkte ich einen akkurat bereitgelegten Stapel Kleidung, meine Sachen, sauber und auf wundersame Weise sogar gebügelt. Den Stapel krönte ein Paar leichter Schuhe, vergleichbar unseren Tennisschuhen, die mir sogar passten. Bevor sich die Mannschaft von Deck gestohlen hatte, hatte sie noch sämtliche Befehle ihres gefährlichen Passagiers ausgeführt und versucht, ihm ja alles recht zu machen. Zunächst zögerte ich, ob ich meine alten Sachen überhaupt wieder anziehen sollte. Am Ende hielt ich es jedoch für klüger, in der Stadt nicht im Matrosenanzug aufzutauchen.

Stehlen konnte ich noch schlechter als drohen. Sah man mal von dem Fall ab, wo ich aus dem Lager eine unregistrierte Festplatte hatte mitgehen lassen, als sich bei meinem Rechner gerade eine Schraube gelöst hatte ... Schön, das zählte nicht. Es gibt keinen Verkaufsleiter in einem Computergeschäft, der ein herrenloses Gut nicht für den eigenen Gebrauch nach Hause trägt.

Doch jetzt plante ich überlegt und völlig nüchtern, meine Retter zu beklauen.

Die Kajüten der Matrosen durchsuchte ich gar nicht erst. Das waren bestimmt keine Idioten, die würden ihr Schiff nicht verlassen, ohne Geld und Schmuck mitzunehmen. Dafür nahm ich mir die Kapitänskajüte gründlich vor. Allerdings erfolglos. Entweder führte der übervorsichtige Van Tao auf Reisen nie Geld mit oder ich hatte sein Geheimversteck nicht gefunden. Vermutlich Letzteres. Insofern bestand meine Beute lediglich in einer Handvoll Kleingeld, seltsamerweise alles Münzen aus Aluminium, und drei Scheinen à fünf Mark. Ob die Epoche des Dollars und Euros hier der unverwüstlichen Mark hatte weichen müssen? Wohl kaum, denn mit der europäischen Mark hatten die Scheine überhaupt keine Ähnlichkeiten. Die Beschriftung war in zwei Sprachen gehalten, einmal in Hieroglyphen, einmal auf der Grundlage von Lateinschrift. Waren das dieses »Chinesisch« und »die Hochsprache«? Durchaus denkbar. Die Bevölkerung würde bestimmt imstande sein, Zahlen selbst in der Hochsprache zu erkennen. Bedauerlicherweise konnte ich diese Sprache jedoch nicht genauer analysieren und versuchen, sie mit den Sprachen der Erde zu vergleichen, da die Fähigkeit, frei zu sprechen und zu lesen, alle anderen Fremdsprachen aus meinem Gedächtnis verdrängt hatte.

Mein zweiter Fund dürfte schon nützlicher sein: eine Karte. Leider - aber was hatte ich erwartet? - keine Karte der Erde, sondern eine hiesige Seekarte. Eine Insel war in ihr eingezeichnet, die sich von links nach rechts zog, im Norden von Buchten zerklüftet war und im Süden ein gleichmäßigeres Profil zeigte. Sandbänke waren eingetragen, ein paar kleine umliegende Inseln, Straßen am Ufer und in Richtung der kleinen Inseln. Anscheinend war die Hauptinsel recht groß. Ich selbst hatte ja anfangs nicht mal geahnt, dass ich nicht auf dem Festland war. Der Karte zufolge nahm das Kernland der Insel Wüste ein. Mitten in ihr war ich aufgetaucht. Am Ufer lagen Städte. Die größte von ihnen, Ajrak, lag in der Mitte der Nordküste. Hier befand ich mich jetzt vermutlich.

Wenn ich in Geographie besser beschlagen gewesen wäre, hätte ich vielleicht eine Hypothese entwickeln können, an welchem Punkt der Erdkugel ich mich befand ...

Nachdem ich mir die Karte mehr oder weniger eingeprägt hatte, legte ich sie zurück. Das Arbeitsgerät des Kapitäns zu klauen ging nun wirklich zu weit, außerdem versprach ich mir von der Karte keinen sonderlichen Vorteil.

Das wertvollste Stück auf dem Schiff war vermutlich der Zylinder, der das Elektronetz versorgte. Er stammte fraglos noch aus der grauen Vergangenheit dieser Welt und dürfte eine hübsche Stange Geld gekostet haben. Einen Moment lang zögerte ich. Neben moralischen Erwägungen galt es, auch die Reaktion des Kapitäns einzukalkulieren. Der Verlust eines derart wertvollen Dings könnte ihn seine Angst vergessen lassen. Brauchte ich Probleme mit der hiesigen Polizei?

Nein, auf die konnte ich getrost verzichten. Deshalb begnügte ich mich mit dem Geld.

Ich schulterte den Rucksack, kehrte an Deck zurück und ging an die Pier. Die Jacht war fest am mit Schilf gepolsterten Kai vertäut. Aber wo sollten sie hier auch alte Reifen hernehmen, die in unseren Jachtclubs die Rolle von Stoßdämpfern spielen? Ich sprang ans Ufer und fühlte, wie die Insel unter mir bebte. Na, großartig! Stimmte es also doch: Wenn du auf einem schaukelnden Schiff gewesen bist, kommt es dir anschließend so vor, als bebe auch der feste Boden unter dir!

Von der Pier ging ich in Richtung Stadt. Vorbei an Fischkuttern, von denen der Fang abgeladen wurde. Vorbei an angeberisch flanierenden Cliquen von Jugendlichen. Vorbei an einem dicken Mann, der streng auf zwei Hünen einredete, die mit gesenkten Köpfen dastanden.

In der Menge machte ich einige Asiaten aus. Aber auch Europäer. Zu den Teenagern gehörte ein Schwarzer und, wenn mich nicht alles täuschte, ein Junge mit dem typischen Gesicht eines australischen Ureinwohners. Ein Mischmasch von Völkern und Rassen, ein neues Babylon, erbaut auf den Überresten einer untergegangenen Welt. Die Nachfahren derjenigen, die sich hatten retten können ... oder die gerettet und hierhergebracht worden waren, an den Fuß dieses Wolkenkratzers in Fächerform.