Ganz offensichtlich hätte sie am liebsten einen Berg von Büchern angeschleppt und vor mir abgeladen - nein, nicht abgeladen, sondern behutsam auf dem Tisch ausgebreitet - und mich zum Lesen aufgefordert. Zum Lesen, Lesen und noch mal zum Lesen ... zum Übersetzen, Erklären, Umschreiben. Was ist eine Nelke, was ein Gehrock, was hat es mit Glamour auf sich, was mit Default, was ist Umweltverschmutzung, was Krieg oder Korruption.
»Später vielleicht«, antwortete ich auf die unausgesprochene Frage. »Ich würde ... ich würde gern ein Geschichtsbuch lesen.«
»Woher sind Sie?«, fragte die Frau leise. Sie sprach ohnehin nicht sehr laut, eine Angewohnheit, die sie, umgeben von Bücherschränken, angenommen hatte. Jetzt wechselte sie mehr oder weniger in den Flüsterton über.
»Von weit her. Von sehr weit her. Fragen Sie mich besser nicht.«
Sie nickte nachdenklich, als erklärten ihr diese Worte alles. Dann erhob sie sich. »Folgen Sie mir ...«
Wir gingen an Reihen von Bücherschränken vorbei, begleitet vom leisen Rascheln der Seiten - einige Leser blätterten gerade in Büchern -, vom Geruch alten Papiers und frischer Druckerschwärze eingehüllt. Wie im Tempel einer neuen Religion, in dem es statt Ikonen Bücherschränke gab, statt Weihrauch und Myrrhe Bücherstaub ...
»Hier«, sagte die Frau.
Begriffsstutzig betrachtete ich den leeren Schrank.
»Wir haben keine Geschichte«, klärte die Frau mich auf. »Dieses Wort ... ist kaum in Gebrauch. Sie hatten Glück, dass ich Sie überhaupt verstanden habe.«
»Eine Gesellschaft ohne Geschichte gibt es nicht«, konterte ich. »Wie lange leben hier schon Menschen?«
»Vermutlich seit Erschaffung der Welt.« Die Frau lächelte. »Wir haben hier alte Ruinen ... Sehr alte, mehrere tausend Jahre alt.«
»Dann will ich meine Frage anders formulieren: Wie lange leben Menschen ausschließlich auf dieser Insel?«
»Darüber habe ich auch schon nachgedacht«, antwortete die Frau so ernsthaft, als ob ich sie gefragt hätte, worin der Sinn des Lebens bestünde. »Ich glaube, bereits seit mehreren Generationen. Auf dem Festland kann niemand lange überleben. Selbst ... selbst ...«
»Selbst die Menschen-über-den-Menschen nicht?«, fragte ich ganz direkt.
Die Frau nickte. »Wer sind Sie?«
»Ich bin ein Fremder. Erlauben Sie mir, auf weitere Erklärungen zu verzichten. Das könnte gefährlich werden.«
»Für Sie?«
»Für mich auch. Aber in erster Linie für Sie. Lassen wir es dabei bewenden. Ich bin ein ... seltsamer Besucher, der seltsame Fragen stellt.«
»Verstehe«, sagte die Frau. »Das ist zwar ungewöhnlich, aber ich verstehe es. Vermutlich, weil ich alte Bücher liebe.«
»Wer sind die Menschen-über-den-Menschen? Die Herrschenden?«
»Nein. Bei uns herrscht eine Kaiserin.«
Sie wunderte sich nicht einmal mehr über diese Frage, mit der ich meine fremdartige Herkunft doch unter Beweis stellte.
»Und die Menschen-über-den-Menschen?«
»Sie kommen gelegentlich zu uns. Sie kaufen Raritäten vom Festland, bringen uns aber auch bei, was man mit diesen Stücken macht. Sie erteilen keine Befehle, kränken niemanden ... falls Sie das meinen.«
»Wirklich niemanden?«
»Solange man nicht versucht, sie zu kränken. Sie ...« Die Frau verstummte. »Sie sind anders. Wir interessieren sie nicht. Eigentlich sind sie gut. Sie können jede Krankheit heilen ... Meine Oma hat mir erzählt, dass es mal eine Epidemie gegeben hat und da haben sie Medikamente gebracht. Sie erteilen gute Ratschläge. Aber sie leben nicht hier. Ich glaube, unser Leben langweilt sie.«
»Und wer hat versucht, sie zu kränken?«
Die Frau zögerte. »Wenn Sie in die Berge gehen«, setzte sie schließlich an, »kommen Sie zum Anwesen des Herrn Dietrich. Er ist ein reicher Landbesitzer, ein Mäzen ... diesen Bau hat er der Stadt geschenkt. Ich glaube, ihn sollten Sie fragen.«
»Hat er was gegen die Menschen-über-den-Menschen?«
»Er schätzt das Wissen. Er wird Ihnen mehr erzählen. Natürlich nur, falls Sie ihm gefallen. Aber Sie werden ihm gefallen.«
»Vielen Dank«, sagte ich leise. »Sie haben mir sehr geholfen.«
Die Frau nickte und antwortete mir genau mit den Worten, die ich erwartet hatte: »Das ist meine Arbeit. Werden Sie noch einmal zurückkommen?«
»Ich weiß es nicht«, antwortete ich ehrlich. »Ich weiß es wirklich nicht.«
»Ich würde Ihnen gern ... einige Bücher zeigen.«
»Ich weiß es nicht«, wiederholte ich. »Das hängt nicht von mir ab.«
Das Schlimmste in rückständigen Welten ist nicht die Toilette in Form eines Nachttopfs unterm Bett, die Kerze anstelle der Glühbirne oder der Aufguss aus Heilkräutern statt Tabletten. Das Schlimmste ist das Tempo der Fortbewegung. Die Zivilisation presste unsere Erde zunächst in achtzig Tage, in denen die Welt umrundet wurde, dann in achtzig Stunden (seien wir so realistisch und lassen Düsenjäger, Raumschiffe und andere Nicht-Massentransportmittel außer Acht). Allein die Möglichkeit, in zehn Stunden von Moskau nach Tokio zu gelangen, ist - verglichen mit Zügen, Schiffen und Kutschen - ein unbeschreibliches Wunder. Doch selbst wenn wir Welt- und Fernreisen nicht berücksichtigen: Wer macht sich denn noch eine Vorstellung davon, wie viel Zeit früher die banale Fahrt der gesamten Familie hinaus auf die Datscha, hundert Kilometer von Moskau entfernt, in Anspruch nahm? So ohne Zug, in der Kutsche? Eben. Insofern können wir Autos wegen der giftigen Abgase verdammen und über Staus schimpfen - aber sie haben uns von etlichen Problemen befreit, die wir uns inzwischen nicht einmal mehr richtig vorstellen können.
Dabei sollte ich im Grunde noch Glück haben. Gut, in der Stadt entdeckte ich keinen Hinweis auf ein Transportmittel, das man mieten konnte - keine Kutsche, keine Rikscha, rein gar nichts! Selbst private Fuhrwerke begegneten mir nur selten, ich sah nur ein paar leichte zweirädrige Karren. Dann gab es noch Lastkarren, denen Ochsen vorgespannt waren, und Menschen, die unerschütterlich auf Eseln und Maultieren ritten. Doch selbst das stellte eher eine Ausnahme als die Regel dar. Im Wesentlichen ging man zu Fuß.
Das tat ich denn auch. Erfreulicherweise hatte der Regen aufgehört, und die Wolken spendeten einen angenehmen Schatten. In einer Stunde hatte ich die gesamte Stadt durchquert und befand mich auf der Straße, die hoch in die Berge führte, zum Anwesen des Landbesitzers Dietrich.
Hier bekam meine Entschlossenheit, mich auf der Stelle mit dem Wissensliebhaber zu treffen, unvermutet einen Riss.
Ich schaute auf die Landstraße, die sich den Berg hochschlängelte, auf den halb in den Wolken verschwindenden Riesenfächer. Sollte ich wirklich ...? So kurzentschlossen? Ohne Mittag gegessen zu haben? Ohne mich wenigstens in der für eine Woche gemieteten Kammer ausgeschlafen zu haben? Und wenn der Regen wieder losbrach? Oder die Wolken sich verzogen und die Sonne vom Himmel sengte? Sollte ich mich nicht besser vorher umhören, Informationen sammeln, mir eine Ausrüstung besorgen?
Ich könnte zum Beispiel näher mit der Bibliothekarin ins Gespräch kommen, das war eine nette Frau ... Nebenbei - beziehungsweise gar nicht so nebenbei - fiel mir ein, dass Kotja dreimal eine Bibliothekarin zur Freundin gehabt hatte, die seinen Worten zufolge alle romantische Naturen gewesen waren, leidenschaftlich und leicht entflammbar. Vermutlich ganz natürlich - wenn man ständig von Büchern umgeben ist.
»Hast du’s weit?«
Die knarzende Britschka, die aus der Stadt herausfuhr, hatte sich erstaunlich lautlos genähert. Bei dem Gefährt drängte sich die Bezeichnung Britschka förmlich auf, ihm haftete etwas Polnisches oder Ukrainisches an: ein geflochtenes Dach, das sich über den halben Wagenkasten spannte, absolut typisch für die ländlichen Gegenden Europas ... Und auch der nicht mehr ganz so junge Kutscher, ein kräftiger, rotgesichtiger Mann mit Schnurrbart, passte haargenau nach Osteuropa. Er trug einen grauen, zerschlissenen Gehrock, ein blaues Hemd mit Stehkragen, extrem weite braune Hosen und überhaupt nicht zu seinem sonstigen Aufzug passende schwarze Lackschuhe. Eben ein Mann vom Land!