»Schön«, antwortete Edmund, »darf ich dann vielleicht unser LKF sagen?«
»Oh, Edmund«, sagte Suse, »ziehe ihn doch nicht immer so auf.«
»Das macht nichts, Mädchen – ich meine, Eure Majestät«, kicherte der Zwerg. »Spott macht keine Blasen.« Darauf nannten die Kinder ihn so lange LKF, bis sie fast vergessen hatten, was das bedeutete.
»Ich wollte also sagen«, fuhr Edmund fort, »wir brauchen den Weg nicht zu nehmen. Wir könnten etwas südwärts rudern, bis wir nach der Spiegelwasserbucht kommen, in die wir hineinfahren. So gelangen wir bis hinter den Hügel des Steintisches. Solange wir auf dem Wasser sind, befinden wir uns in Sicherheit. Wenn wir sofort aufbrechen, können wir, bevor es dunkelt, an der Einfahrt zum Spiegelwasser sein, uns einige Stunden Schlaf gönnen und morgen ziemlich früh bei Kaspian eintreffen.« »Wie gut, wenn man etwas von der Küste versteht«, meinte der Zwerg. »Keiner von uns wußte etwas vom Spiegelwasser.« »Wie steht es mit Verpflegung?« fragte Suse.
»Oh, wir müssen uns eben mit Äpfeln begnügen«, meinte Lucy. »Los, laßt uns aufbrechen. Bis jetzt haben wir noch nichts geleistet, und dabei sind wir schon fast zwei Tage hier.« »Jedenfalls bekommt niemand wieder meine Mütze als Fischkorb«, bemerkte Edmund.
Sie benutzten einen der Regenmäntel als Sack und packten so viele Äpfel wie nur möglich hinein. Dann tranken sie sich noch einmal am Brunnen satt. (Bevor sie das Spiegelwasser durchquert hatten, gab es kein Frischwasser mehr.) Endlich gingen sie hinab zum Boot. Die Kinder waren betrübt, Feeneden zu verlassen. Es war ihnen wie eine Heimat vorgekommen, wenn es auch nur noch aus Ruinen bestand. »Der LKF übernimmt am besten das Steuer«, ordnete Peter an. »Edmund und ich nehmen jeder einen Riemen. Halt, noch einen Augenblick. Wir wollen lieber unsere Panzer ablegen. Uns wird mächtig warm werden, bevor wir am Ziel sind. Die Mädchen müssen sich ins Heck setzen und dem LKF die Richtung zurufen, weil er den Weg nicht kennt. Du, Trumpkin, bringst uns am besten zunächst ein gutes Stück aufs Meer hinaus, bis wir die Insel passiert haben.« Bald blieb die grünbewaldete Küste der Insel weit hinter ihnen zurück, und ihre kleinen Buchten und Klippen verschwammen ineinander. Das Boot hob und senkte sich in der sanften Dünung. Das Meer breitete sich weit um die Kinder herum aus. In der Ferne wirkte es tiefblau; um das Boot herum aber schäumte es grün. Alles roch salzig, und man hörte nichts als das Wasser rauschen, das gegen die Bootswände plätscherte, die Riemen klatschen und die Ruderklampen klappern. Die Sonne brannte immer stärker.
Suse und Lucy hatten auf ihren Plätzen im hinteren Bootsteil viel Freude. Sie beugten sich über die Bootskante und versuchten, ihre Hände ins Wasser zu tauchen, konnten es jedoch nie ganz erreichen. Unter sich sahen sie auf dem Grund des Meeres den bleichen, reinen Sand und manchmal einige Flecken purpurfarbenen Seetangs.
»Es ist wie in den alten Zeiten«, meinte Lucy. »Erinnerst du dich noch an unsere Reise nach Terebinthia – und Galma – und nach den Sieben Inseln und dem Einsamen Eiland?« »Ja«, antwortete Suse, »und an unser großes Schiff ›Kristallpracht‹ mit dem Schwanenkopf am Vordersteven und den geschnitzten Schwanenflügeln, die das Schiff fast zur Hälfte einhüllten?« »Und die seidenen Segel und die Laterne am Heck?« »Und die Feste hinten im Schiff und die Musikanten?« »Weißt du noch, wie wir einmal die Musikanten ins Takelwerk gesetzt hatten? Dort spielten sie Flöte, und es klang so, als käme die Musik aus dem Himmel.«
Bald danach übernahm Suse Edmunds Riemen, und er setzte sich zu Lucy. Sie waren nun an der Insel vorbeigefahren und näherten sich wieder dem Ufer, das weiterhin ganz bewaldet und verlassen war. Es wäre ihnen sehr hübsch vorgekommen, wenn sie nicht an die Zeiten gedacht hätten, als es frei und luftig und voller guter Freunde war. »Puh! Das hier ist eine schauerliche Arbeit«, stöhnte Peter. »Soll ich vielleicht eine Weile rudern?« fragte Lucy. »Die Riemen sind zu lang für dich«, antwortete Peter kurz, nicht etwa weil er ärgerlich war, sondern weil er keine Kraft mehr zum Sprechen übrig hatte.
9. Was Lucy sah
Suse und die beiden Jungen waren vom Rudern todmüde, bevor sie das letzte Vorgebirge umschifft hatten und in die Spiegelwasserbucht hineingerieten. Lucys Kopf schmerzte, nachdem sie viele Stunden in der Sonne gesessen und auf das glitzernde Wasser geschaut hatte. Selbst Trumpkin sehnte das Ende der Reise herbei. Der Steuersitz, auf dem er saß, war für Männer gemacht, nicht für Zwerge, und seine Füße reichten nicht bis an die Bodenbretter. Jeder kann nachfühlen, wie ungemütlich solcher Zustand schon nach nur zehn Minuten ist. Je müder sie wurden, um so mehr sank ihr Mut. Bis jetzt hatten die Kinder nur daran gedacht, wie sie Kaspian erreichen könnten. Nun machten sie sich allerlei Gedanken. Was sollten sie tun, wenn sie ihn gefunden hätten? Wie kann eine Handvoll Zwerge und Geschöpfe der Wildnis ein Heer erwachsener Menschen schlagen?
Langsam folgten sie den Windungen des Spiegelwassers im Zwielicht – in einem Zwielicht, das sich vertiefte, als die Ufer enger zusammenrückten und die überhängenden Bäume sich fast über ihren Köpfen trafen. Es war hier, wo das Meeresrauschen hinter ihnen verklungen war, ganz still. Sie konnten sogar das Tröpfeln der kleinen Rinnsale hören, die aus dem Wald in den Spiegelbach flössen.
Endlich gingen sie an Land. Sie waren viel zu müde, auch nur zu versuchen, ein Feuer anzumachen. Selbst ein aus Äpfeln bestehendes Abendessen war besser, als sich die Mühe zu machen, irgend etwas zu fischen oder zu jagen, obwohl sie fast alle geglaubt hatten, keine Äpfel mehr sehen zu können. Nachdem sie eine Weile schweigend gekaut hatten, kuschelten sie sich zwischen vier großen Buchen zusammengedrängt in das Moos und das trockene Laub.
Alle außer Lucy schliefen sofort fest ein. Lucy, die viel weniger müde war, konnte keine gemütliche Stellung finden. Außerdem hatte sie vergessen, daß alle Zwerge schnarchen. Dagegen wußte sie, daß es, wenn man gern einschlafen möchte, am besten ist, es nicht gewaltsam zu versuchen. Also öffnete sie ihre Augen. Durch eine lichte Stelle zwischen den Farnkräutern und den Zweigen konnte sie gerade einen Fleck des Spiegelbaches und den Himmel darüber sehen. Da entdeckte sie – und die Erinnerung war aufregend – wieder die hellen Sterne von Narnia. Einst hatte sie sie besser gekannt als die Sterne unserer Welt, weil sie als Königin von Narnia viel später ins Bett gegangen war, als es ein Kind in England tun muß. Da waren die Sterne nun wieder, und von ihrem Platz aus konnte sie immerhin drei von den Sterngruppen im Sommer sehen: das Schiff, den Hammer und den Leoparden. »Lieber alter Leopard«, murmelte sie glücklich in sich hinein. Anstatt schläfriger zu werden, wurde sie immer wacher; sie befand sich in einem seltsamen, träumerischen, nächtlichen Wachzustand. Der Bach wurde heller. Sie wußte jetzt, der Mond schien darauf, wenn sie ihn auch nicht sehen konnte. Und dann begann sie zu fühlen, wie der ganze Wald gleich ihr erwachte. Ohne zu wissen, warum sie es tat, erhob sie sich rasch und ging eine kleine Strecke vom Lager fort. »Wie wunderschön ist dies«, sagte Lucy zu sich selbst. Es war kühl und frisch; überall zogen köstliche Düfte durch die Luft. Irgendwo in der Nähe erschallte das Gezwitscher einer Nachtigall, die zu singen anfing, wieder aufhörte und von neuem begann. Geradeaus war es noch ein wenig heller. Sie ging auf das Licht zu und kam auf einen Platz, wo die Bäume weniger dicht standen und wohin der Mond große Lichtflecken und Kreise warf. Mondlicht und Schatten gingen so ineinander über, daß man nicht genau erkennen konnte: war dort etwas, und was war es? In diesem Augenblick brach die Nachtigall – endlich zufriedengestellt mit ihrem Stimmen – in vollen Gesang aus. Lucys Augen gewöhnten sich allmählich an dieses Licht, und sie konnte die ihr am nächsten stehenden Bäume besser erkennen. Eine große Sehnsucht nach den alten Zeiten, als die Bäume in Narnia noch sprechen konnten, überfiel sie. Sie wußte genau, wie jeder dieser Bäume sprechen und welche menschliche Form er annehmen würde – wenn man ihn nur erwecken könnte. Sie betrachtete eine Silberbirke: diese würde eine sanfte, säuselnde Stimme haben und wie ein schlankes, tanzlustiges junges Mädchen aussehen, dem die Haare ins Gesicht fielen. Sie sah die Eiche an: diese würde ein vertrockneter, aber gutmütiger alter Mann mit krausem Bart und haarigen Warzen im Gesicht und an den Händen sein. Sie blickte zu der Buche auf, unter der sie stand; ach – das wäre die schönste von allen. Sie wäre eine anmutige Göttin, glatt und aufrecht, die Herrin des Waldes. »O Bäume, Bäume, Bäume«, sprach Lucy, die vorher nicht die Absicht gehabt hatte, überhaupt zu reden. »O Bäume, erwacht! Erwacht! Erwacht! Erinnert ihr euch nicht? Kennt ihr mich nicht mehr? Baumgeister und Nymphen, kommt heraus, kommt zu mir!«