Ich war inzwischen länger in Karhide als damals die Investigatoren und bezweifelte, daß in den Geschichten über die Weissager und ihre Prophezeiungen auch nur ein Körnchen Wahrheit steckte. Weissagungslegenden gibt es überall, wo Menschen leben. Gott spricht, Geister sprechen, Computer sprechen. Orakelhafte Zweideutigkeit und statistische Wahrscheinlichkeit bieten Schlupflöcher genug, und Diskrepanzen werden durch blinden Glauben überbrückt. Immerhin, die Legenden waren es wert, untersucht zu werden. Ich hatte bis jetzt noch keinen Karhider von der Existenz der telepathischen Kommunikation überzeugen können; sie wollten es alle nicht glauben, bis sie es ›sahen‹. Und das war aufs Haar meine Lage im Hinblick auf die Weissager der Handdara.
Während ich dem Pfad weiter folgte, merkte ich nach und nach, daß rings in den Schatten des Waldhangs verteilt, ebenso wirr durcheinander gebaut wie Rer, aber versteckt, friedlich, ländlich, ein ganzes Dorf, eine richtige Ortschaft lag. Über jedes Dach, über jeden Weg neigten sich die Äste des Hemmen, des am häufigsten vorkommenden Baumes auf Winter, einer kräftigen, gedrungenen Konifere mit dicken, blaßroten Nadeln. Auf den Nebenpfaden lagen Hemmenzapfen, der Wind war mit Hemmenpollen parfümiert und alle Häuser waren aus dunklem Hemmenholz gezimmert. Als ich nach einer Weile stehenblieb und überlegte, an welche Tür ich wohl klopfen sollte, kam jemand zwischen den Bäumen hervorgeschlendert und grüßte mich, höflich.»Suchen Sie vielleicht eine Unterkunft?«fragte er.
»Ich bin gekommen, weil ich eine Frage an die Weissager habe.«Ich hatte beschlossen, sie — wenigstens zunächst — in dem Glauben zu lassen, ich sei ein Karhider. Genau wie die Investigatoren, hatte ich mich stets ohne Schwierigkeiten für einen Eingeborenen ausgeben können, denn mein Akzent fiel unter den vielen Dialekten der karhidischen Sprache nicht weiter auf, und meine sexuellen Anomalien waren unter der schweren Kleidung verborgen. Zwar hatte ich nicht den schönen, dichten Haarschopf und die schräg heruntergezogenen Augen des typischen Gethenianers und war überdies schwärzer und größer als die meisten, lag damit aber keineswegs außerhalb der normalen Variationsmöglichkeiten. Mein Bart war vor meiner Abreise von Ollul depiliert worden, weil wir zu jenem Zeitpunkt noch nichts von den ›bepelzten‹ Perunter-Stämmen wußten, die nicht nur bärtig sind, sondern am ganzen Körper behaart wie die Weißen Terraner. Gelegentlich wurde ich wohl gefragt, wobei ich mir die Nase gebrochen hätte. Ich habe eine flache Nase, während die gethenianischen Nasen scharf und gerade und mit sehr schmalen Öffnungen für das Atmen eiskalter Luft wie geschaffen sind. Der Mann, dem ich jetzt auf dem Pfad in Otherhord gegenüberstand, betrachtete meine Nase mit leichter Neugier und antwortete:»Dann möchten Sie vermutlich den Weber sprechen. Wenn er nicht mit dem Holzschlitten fort ist, wird er auf der Lichtung sein. Oder möchten Sie zuerst mit einem von den Zölibatären reden?«
»Ich weiß nicht recht. Ich bin sehr unwissend…«Der junge Mann verbeugte sich lachend.»Ich fühle mich sehr geehrt!«sagte er.»Ich bin schon seit drei Jahren hier, habe mir aber noch immer kein nennenswertes Unwissen angeeignet. Er war belustigt, blieb aber überaus freundlich dabei. Und mir gelang es mit einiger Mühe, mir soviel von der Handdara-Lehre ins Gedächtnis zu rufen, daß mir bewußt wurde, geprahlt zu haben. Nicht anders als hätte ich ihm erklärt: ›Ich bin sehr schön.‹«
»Ich wollte sagen, daß ich nichts über die Weissager weiß…«
»Beneidenswert!«gab der junge Mann zurück.»Hören Sie, wir müssen Spuren in den unberührten Schnee ziehen, wenn wir weiter wollen. Darf ich Ihnen den Weg zur Lichtung zeigen? Ich heiße Goss.«
Das war ein Vorname.»Genry«, stellte ich mich vor, mein ›1‹ verleugnend. Dann folgte ich Goss tiefer in den kühlen Schatten des Waldes. Immer wieder änderte der schmale Pfad seine Richtung, wand sich an dieser Stelle den Hang hinauf, an jener den Hang wieder hinunter. Hier und da, am Wegrand oder weiter zurückgesetzt, zwischen den schweren Stämmen der Hemmen, standen kleine Holzhäuser. Alles war waldfarben, rot und braun, feucht, still, duftend, düster. Aus einem Haus drang der zarte melodische Ton einer karhidischen Flöte. Goss ging mit leichten und schnellen Schritten, mit mädchenhafter Grazie vor mir her. Mit einemmal leuchtete sein weißes Hemd hell auf, und dann trat auch ich hinter ihm aus dem Schatten in das volle Sonnenlicht einer weiten, grünen Wiese hinaus.
Vor uns stand aufrecht, regungslos eine Gestalt: das Gesicht im Profil, der scharlachrote hieb und das weiße Hemd wie buntes Email vor dem saftigen Grün des hohen Grases. Ungefähr hundert Meter weiter sah ich eine weitere Statue in Blau und Weiß, die während der ganzen Zeit, als wir uns mit der ersten unterhielten, weder eine Bewegung machte noch in unsere Richtung blickte. Die beiden praktizierten die Handdara-Übung ›Präzenz‹, eine Art Trance — die Handdarata, die zum Negativieren neigen, nennen es Untrance -, die den Selbstverlust (die Selbst-Vermehrung?) durch äußerste Aufnahmefähigkeit und Empfänglichkeit der Sinne zum Ziel hat. Obgleich diese Methode das genaue Gegenteil der meisten Methoden des Mystizismus darstellt, ist sie vermutlich dennoch eine mystische Übung, die auf das Erlebnis der Imanenz abzielt; aber es ist mir unmöglich, eine Übung der Handdarata mit Sicherheit zu analysieren. Goss sprach den Mann in Scharlachrot leise an. Als dieser sich behutsam aus seiner absoluten Reglosigkeit löste, uns ansah und dann sehr langsam auf uns zukam, versank ich unwillkürlich in Ehrfurcht vor ihm: Im hellen Schein der Mittagssonne erstrahlte er wie in eigenem inneren Licht.
Er war ebenso groß wie ich, schlank, mit einem klaren, offenen und schönen Gesicht. Als seine Augen meinem Blick begegneten, hatte ich plötzlich das Bedürfnis, ihn in der Gedankensprache anzusprechen, die ich seit meiner Landung auf Winter nicht mehr benutzt hatte, und die ich auch jetzt eigentlich noch nicht benutzen durfte. Aber das Verlangen war stärker als die Vernunft. Ich sprach ihn an. Keine Antwort. Es kam kein Kontakt zustande. Er sah mich nur weiterhin ruhig an. Nach einem Augenblick lächelte er, dann sagte er mit weicher, ziemlich heller Stimme:»Sie sind der Gesandte, nicht wahr?«
Stammelnd antwortete ich:»Ja.«
»Mein Name ist Faxe. Es ist uns eine Ehre, Sie hier begrüßen zu dürfen. Werden Sie eine Weile bei uns in Otherhord bleiben?«
»Sehr gern. Ich möchte so viel wie möglich über Ihre Weissagekunst erfahren. Und wenn es irgend etwas gibt, was ich Ihnen über mich erzählen kann, wer ich bin, woher ich komme…«
»Wie immer es Ihnen beliebt«, sagte Faxe mit freundlichem Lächeln.»Es ist ein sehr hübscher Gedanke, daß Sie den Ozean des Weltraums überquert haben, und dann noch einmal tausend Meilen auf sich nehmen, eine Überquerung des Kargav wagen, nur um uns zu besuchen.«
»Die berühmten Weissagungen von Otherhord haben in mir den Wunsch erweckt, herzukommen.«
»Dann würden Sie uns vielleicht gern einmal beim Weissagen zusehen. Oder haben Sie selbst eine Frage an uns?«
Seine klaren Augen zwangen mich, die Wahrheit zu bekennen.»Ich weiß es nicht«, antwortete ich.
»Nusuth«, sagte er.»Unwichtig. Wenn Sie eine Weile bleiben, werden Sie vielleicht wissen, ob Sie eine Frage haben oder nicht… Die Weissager können nämlich nur zu bestimmten Zeiten zusammenkommen, deswegen müßten Sie ohnehin mehrere Tage bleiben.«