Am Tag nach Asras Tod holte man mich zur Untersuchung; diesmal mußten sie mich hinübertragen, und von da an kann ich mich an nichts mehr erinnern.
VIERZEHNTES KAPITEL
Die Flucht
Als Obsle und Yegey beide die Stadt verließen und Sloses Türhüter mir das Betreten des Hauses verweigerte, wußte ich, daß es Zeit wurde, mich meinen Feinden zuzuwenden, denn von meinen Freunden hatte ich nichts Gutes mehr zu erwarten. Also ging ich zu Kommissar Shusgis und erpreßte ihn. Da ich nicht genügend Bargeld besaß, um ihn zu kaufen, mußte ich mit meinem Ruf bezahlen. Bei den Treulosen ist der Name des Verräters so gut wie Geld. Ich erklärte ihm, daß ich als Agent der Adelspartei von Karhide nach Orgoreyn gekommen sei, weil diese Partei ein Attentat auf Tibe vorhabe, und daß man ihn mir als meinen Sarf-Kontaktmann genannt habe; wenn er sich weigere, mir die Informationen zu geben, die ich brauche, würde ich meinen Freunden in Erhenrang mitteilen, er sei ein Doppelagent, der für die Freihandelspartei arbeite, und mein Bericht würde natürlich prompt nach Mishnory und an den Sarf zurückgegeben werden. Dieser Idiot glaubte mir! Er konnte mir gar nicht schnell genug sagen, was ich von ihm hören wollte; er fragte mich sogar, ob ich die Maßnahme billige.
Von meinen Freunden Obsle, Yegey und den anderen drohte mir keine unmittelbare Gefahr. Sie hatten sich ihre Sicherheit erkauft, indem sie den Gesandten opferten, und verließen sich darauf, daß ich weder ihnen noch mir selber Schwierigkeiten machen würde. Bis ich zu Shusgis ging, hatte mich außer Gaum kein einziger von den Sarf-Leuten besonderer Aufmerksamkeit für wert befunden; jetzt allerdings würden sie mir hart auf den Fersen sein. Ich mußte alles erledigen, was zu erledigen war, und dann verschwinden. Da ich keine Möglichkeit hatte, mich direkt mit jemandem in Karhide in Verbindung zu setzen — die Post wurde gelesen, Funk und Telefon abgehört -, begab ich mich zum erstenmal in die königliche Botschaft, zu deren Angestellten Sardon rem ir Chenewich gehörte. Ich hatte ihn bei Hof gut gekannt, und er zeigte sich sofort bereit, Argaven eine Nachricht zu übermitteln, in der ich dem König mitteilte, was aus dem Gesandten geworden war, und wo er gefangen gehalten wurde. Ich konnte mich darauf verlassen, daß es Chenewich, einem geschickten und aufrichtigen Mann, gelingen würde, die Nachricht so zu übermitteln, daß sie nicht abgehört wurde, doch wie der König sie auffassen und was er damit anfangen würde, ahnte ich nicht. Auf jeden Fall wollte ich, daß Argaven für den Fall, daß Ais Sternenschiff durch die Wolken zu uns herabstoßen sollte, über die Entwicklung der Dinge informiert war; denn damals hegte ich immer noch die leise Hoffnung, er habe dem Schiff eine Nachricht zukommen lassen, bevor der Sarf ihn verhaften ließ.
Ich befand mich also jetzt in Gefahr, und falls mich jemand beim Betreten der Botschaft beobachtet hatte, sogar in unmittelbarer Gefahr. Deswegen ging ich von dort direkt zum Karawanenhafen auf der Südseite und verließ Mishnory noch am Mittag desselben Tages, Odstreth Susmy, genau so, wie ich gekommen war: Als Verlader auf einem Lastwagen. Meine alten Zulassungspapiere hatte ich mitgenommen — allerdings waren sie ein wenig verändert worden, damit sie meine neue Arbeit auswiesen. Dokumentenfälschung ist in Orgoreyn, wo die Papiere zweiundfünfzigmal am Tag kontrolliert werden, sehr riskant, aber trotz dieses Risikos keineswegs selten. Meine alten Kollegen von der Fischinsel hatten mir alle einschlägigen Tricks gezeigt. Daß ich einen falschen Namen tragen mußte, ärgerte mich, war aber die einzige Möglichkeit, mich zu retten und quer durch ganz Orgoreyn zur Küste des Westmeers zu gelangen.
Während die Karawane rumpelnd über die Kunderer-Brücke und aus Mishnory hinausrollte, waren meine Gedanken ununterbrochen da draußen im Westen. Der Herbst neigte sich jetzt dem Winter zu; ich mußte am Ziel sein, ehe die Straßen für den Verkehr geschlossen waren, und solange es noch einen Sinn hatte, ans Ziel zu gelangen. Als ich damals in der Verwaltung des Sinoth-Tals arbeitete, hatte ich drüben in Komsvashom eine Freiwilligenfarm gesehen und auch mit einigen Ex-Sträflingen von Farmen gesprochen. Was ich dabei gesehen und gehört hatte, lag mir jetzt schwer wie Blei auf der Seele. Der Gesandte, der so kälteempfindlich war, daß er sogar einen Mantel anzog, wenn die Temperatur Null Grad und darüber betrug, würde einen Winter in Pulefen nie überstehen. Die Notwendigkeit trieb mich zur Eile, die Karawane jedoch kam nur langsam vorwärts. Sie wanderte von einer Stadt zur anderen, einmal nach Norden, dann wieder nach Süden, entlud und belud und brauchte einen ganzen Halbmonat, bis sie in Ethwen, an der Mündung des Esagel-Flusses, eintraf.
In Ethwen jedoch hatte ich Glück. Beim Gespräch mit den Männern im Passantenhaus hörte ich von dem Pelzhandel am oberen Flußlauf, von den zugelassenen Trappern, die mit Schlitten oder Eisbooten den Fluß auf und ab und durch den Tarrenpeth-Wald beinahe bis an das Eis hinauf fuhren. Durch ihre Unterhaltung kam ich auf meinen Plan mit dem Fallenstellen. Weißfellpesthry gibt es im Kerm-Land wie auch im Gobrin-Hinterland; die Tiere halten sich vorzugsweise an Plätzen auf, die unter dem Eishauch des Gletschers liegen. Ich hatte sie in meiner Jugend in den Thore-Wäldern von Kerm gejagt; warum also sollte ich sie nicht jetzt einmal in den Thore-Wäldern von Pulefen fangen?
Diesen fernen West- und Nordregionen von Orgoreyn, in den weiten, unbewohnten Gebieten westlich des Sembensyen- Gebirges, kommen und gehen die Menschen mehr oder weniger frei, denn dort gibt es nicht genug Inspektoren, um sie allesamt zu überwachen. Dort hat sich auch in der neuen Epoche noch ein Rest der alten Freiheit halten können. Ethwen ist eine graue, auf den grauen Felsen der Esagel-Bucht errichtete Hafenstadt; ein regenschwerer Seewind bläst durch die Straßen, und die Bevölkerung besteht aus harten, aufrechten Seeleuten. Des Lobes voll erinnere ich mich an Ethwen, wo sich das Rad meines Schicksals wandte.
Ich kaufte Skier, Schneeschuhe, Fallen und Proviant, holte mir meine Jagdlizenz, meine Genehmigung, meinen Ausweis und so weiter vom Commensal-Büro und machte mich mit einer Gruppe von Jägern unter der Führung eines alten Mannes namens Mavriva zu Fuß am Ufer den Esagel entlang flußaufwärts auf den Weg. Der Fluß war noch nicht zugefroren und die Straßen waren noch befahrbar, denn an diesem Küstenhang regnete es sogar jetzt, im letzten Monat des Jahres, mehr, als es schneite. Die meisten Jäger warteten bis zum hohen Winter, um dann im Monat Thern mit dem Eisboot den Esagel hinaufzufahren, doch Mavriva wollte schon früh möglichst weit oben im Norden sein und die Pesthry fangen, sobald sie auf ihrer Wanderung in die Wälder herunterkamen. Mavriva kannte das Hinterland, die Nord-Sembensyens und die Feuerberge besser als alle anderen, und ich konnte in jenen Tagen, bei unserer Reise stromauf, viel lernen, was mir später sehr zustatten kam.
Bei einer Stadt namens Turuf trennte ich mich von der Gruppe, indem ich so tat, als sei ich krank. Die anderen zogen weiter nach Norden, während ich mich ganz allein nach Nordosten in die hohen Vorberge des Sembensyen schlug. Mehrere Tage verbrachte ich damit, die Gegend auszukundschaften; dann versteckte ich fast alles, was ich bei mir hatte, in einem abgelegenen Tal, ungefähr zwölf, dreizehn Meilen von Turuf entfernt, näherte mich, wieder aus südlicher Richtung, der Stadt von neuem, betrat sie jedoch diesmal und logierte in einem Passantenhaus. Unter dem Vorwand, eine Trapperausrüstung zu brauchen, kaufte ich zum zweitenmal Skier, Schneeschuhe und Proviant, sowie einen Pelzsack und Winterkleidung, einen Chabe-Ofen, ein Mehrschichtzelt und einen leichten Schlitten, den ich mit diesen Sachen beladen konnte. Nun hatte ich nichts mehr zu tun, als zu warten, daß sich der Regen in Schnee und der Matsch in Eis verwandelte — allerdings nicht sehr lange, denn für den Weg von Mishnory nach Turuf hatte ich über einen Monat gebraucht. An Arhad Thern war dann der Winter endgültig da, und auch der Schnee, auf den ich so sehr gewartet hatte, begann zu fallen.