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Er barg den Kopf in seinen Händen. Nach einer Weile sagte er:»Es tut mir leid, Estraven.«Das war Entschuldigung und Geständnis zugleich.

»Tatsache ist, daß Sie nicht daran glauben können oder wollen, daß ich an Sie glaube.«Ich erhob mich, denn meine Beine waren verkrampft, und ich merkte, daß ich vor Zorn und Müdigkeit zitterte.»Lehren Sie mich Ihre Gedankensprache«, fuhr ich fort, bemüht, einen leichten Ton anzuschlagen und ohne Erbitterung zu sprechen.»Diese Sprache, in der es keine Lüge gibt. Lehren Sie mich, sie zu sprechen, und dann fragen Sie mich, warum ich getan habe, was ich tat.«

»Das tue ich gern, Estraven.«

FÜNFZEHNTES KAPITEL

Zum Großen Eis

Ich erwachte. Bis dahin war es seltsam, unbegreiflich für mich gewesen, in diesem schwach erleuchteten, herrlich warmen Kegel zu erwachen, zu hören, wie mein Verstand mir sagte, daß es ein Zelt war, in dem ich lag — lebend lag -, und daß ich nicht mehr auf der Pulefen-Farm war. Diesmal dagegen war gar nichts Seltsames an meinem Erwachen, sondern mich überkam ein Gefühl dankbaren Friedens. Gähnend richtete ich mich auf und versuchte, mein verfilztes Haar mit den Fingern zu glätten. Ich betrachtete Estraven, der einen halben Meter von mir entfernt oben auf seinem Schlafsack lag und tief und fest schlummerte. Er war nur mit seiner Kniehose bekleidet; es war ihm zu heiß. Das dunkle, geheimnisvolle Gesicht war dem Licht, war meinen Blicken voll ausgesetzt. Im Schlaf wirkte Estraven, wie jeder Schlafende, ein wenig dümmlich: ein rundes, kraftvolles Gesicht, gelöst und entspannt, mit kleinen Schweißtropfen auf der Oberlippe und über den dichten Augenbrauen. Ich erinnerte mich, wie er im vollen Glanz seiner Position, im hellen Sonnenlicht damals beim Festzug in Erhenrang auf der Empore gestanden und geschwitzt hatte. Jetzt sah ich ihn wehrlos und halbnackt in einem kälteren Licht, und sah ihn zum erstenmal so, wie er wirklich war.

Er wachte spät und nur langsam auf. Als er sich endlich gähnend erhob, zog er sein Hemd an, steckte den Kopf aus dem Zelt, um nach dem Wetter zu sehen, und fragte mich dann, ob ich eine Tasse Orsh wolle. Als er erfuhr, daß ich schon herumgekrochen und mit dem Wasser, das wir am Abend zuvor als Eis im Topf auf den Ofen zum Auftauen gestellt hatte, eine Kanne voll Orsh gekocht hatte, nahm er von mir eine Tasse entgegen, dankte mir steif und setzte sich hin, um sie zu trinken.

»Wohin wollen wir von hier aus gehen, Estraven?«

»Das hängt davon ab, wohin Sie wollen, Mr. Ai. Und welche Art des Reisens Sie bewältigen können.«

»Was ist der kürzeste Weg aus Orgoreyn hinaus?«

»Nach Westen. Zur Küste. Ungefähr dreißig Meilen.«

»Und dann?«

»Die Häfen hier frieren jetzt zu oder sind bereits zugefroren. Wie dem auch sei, im Winter fährt kein Schiff weit hinaus. Wir müßten uns also irgendwo verstecken und bis zum nächsten Frühjahr warten, wenn die großen Handelsschiffe nach Sith und Perunter fahren. Nach Karhide wird, solange das Handels-Embargo dauert, kein einziges von ihnen fahren. Wir könnten unsere Passage auf einem Handelsschiff abarbeiten. Ich habe nämlich leider auch kein Geld mehr.«

»Gibt es eine andere Möglichkeit?«

»Karhide. Über Land.«

»Und wie weit ist es dahin? Tausend Meilen?«

»Ja, auf der Straße. Aber wir können nicht wagen, die Straßen zu benutzen. Wir würden nicht mal am ersten Inspektor vorbeikommen. Unsere einzige Möglichkeit wäre, zuerst nach Norden über die Berge zu gehen, dann östlich über den Gobrin weiter, und schließlich an der Grenze entlang zur Guthen-Bucht hinunter.«

»Über den Gobrin — die Eisplatte, meinen Sie?«

Er nickte.

»Das ist im Winter aber nicht möglich, wie?«

»Ich glaube doch; allerdings mit ein bißchen Glück, wie bei allen Winterreisen. In einer Hinsicht ist die Fahrt über einen Gletscher im Winter sogar günstiger. Das gute Wetter neigt nämlich dazu, über den großen Gletschern hängenzubleiben, und das Eis reflektiert die Sonnenwärme. Dadurch werden die Stürme ganz an die Peripherie gedrängt. So ist auch die Legende vom Zentrum des Blizzards entstanden. Dies könnte sich zu unseren Gunsten auswirken. Sonst allerdings kaum etwas.«

»Dann glauben Sie ernstlich…«

»Es hätte keinen Sinn gehabt, Sie aus der Pulefen-Farm zu befreien, wenn ich es nicht glaubte.«

Er war noch immer steif, ärgerlich, finster. Die Unterhaltung am Abend zuvor hatte uns beide stark erschüttert.

»Und wie ich annehme, halten Sie die Eisüberquerung für ein geringeres Risiko als das Warten auf eine Seereise im Frühjahr?«

Er nickte.»Einsamkeit«, erklärte er lakonisch.

Ich dachte eine Weile darüber nach.»Hoffentlich haben Sie in Betracht gezogen, daß ich nur mit Vorbehalt dafür geeignet bin. Ich bin nicht so kälteresistent wie Sie — bei weitem nicht. Ich bin kein geübter Skiläufer. Ich bin in schlechter körperlicher Verfassung, auch wenn es mir im Augenblick wesentlich besser geht als vor ein paar Tagen.«

Er nickte abermals.»Ich denke, daß wir es schaffen werden«, erklärte er mit seiner ihm eigenen Schlichtheit, die ich so lange für Ironie gehalten hatte.

»Also gut.«

Er warf mir einen kurzen Blick zu und trank seine Tasse Tee. Man kann dieses Gebräu tatsächlich als Tee bezeichnen; es wird aus gerösteten Permkörnern hergestellt und ist ein bräunliches, süßsaures Getränk mit viel Vitamin A und C, Zucker und einem angenehmen, dem Lobelin verwandten Anregungsmittel. Wo es auf Winter kein Bier gibt, da gibt es Orsh; wo es weder Bier noch Orsh gibt, da gibt es auch keine Menschen.

»Es wird ein schwerer Marsch«, sagte Estraven, als er seine Tasse absetzte.»Ein sehr schwerer Marsch. Wenn wir kein Glück haben, werden wir es nicht schaffen.«

»Ich sterbe lieber da oben auf dem Eis als in dieser Kloake, aus der Sie mich rausgeholt haben.«

Er schnitt ein Stück von einem getrockneten Brotapfel ab, bot mir eine Scheibe an und saß nachdenklich kauend da.»Wir brauchen Lebensmittel«, meinte er dann.

»Was geschieht, wenn wir es wirklich bis Karhide schaffen — mit Ihnen, meine ich? Sie sind doch immer noch verbannt.«

Er richtete den Blick seiner dunklen, ottergleichen Augen auf mich.»Ganz recht. Ich werde vermutlich auf. dieser Seite der Grenze bleiben.«

»Und wenn man entdeckt, daß Sie einem Gefangenen zur Flucht verholfen haben?«

»Das muß man ja nicht unbedingt erfahren.«Er lächelte ein wenig bedrückt und sagte:»Aber zuerst müssen wir das Große Eis überqueren.«

»Hören Sie, Estraven«, brach es aus mir heraus,»verzeihen Sie mir, was ich gestern gesagt habe…«

»Nusuth.« Noch immer kauend, stand er auf, zog Hieb, Mantel und Stiefel an und schlüpfte geschickt wie ein Otter durch die selbstschließende, wie ein Ventil luftdicht versiegelte Türöffnung. Von draußen steckte er noch einmal den Kopf herein.»Es kann sehr spät werden; vielleicht bleibe ich sogar über Nacht. Werden Sie hier allein fertig?«

»Aber sicher.«

»Na schön.«Damit verschwand er. Ich kannte keinen Menschen, der so vollkommen und schnell auf eine veränderte Situation reagierte, wie Estraven. Ich erholte mich langsam und war bereit, den Marsch zu wagen; er hatte die Thangen- Zeit hinter sich. Sobald das klar war, machte er sich auf den Weg. Nie handelte er unüberlegt oder eilig, aber er war stets bereit. Das war zweifellos auch das Geheimnis seiner erstaunlichen politischen Karriere, die er für mich einfach weggeworfen hatte; und es war die Erklärung für seinen festen Glauben an mich und seine Hingabe an meine Mission. Als ich kam, war er bereit. Als ein einziger auf ganz Winter.

Und trotzdem hielt er sich selbst für einen langsamen Menschen, der einem Notfall nur mühsam gewachsen war.