»Daß du mir einen offenen Rat gegeben hast?«ergänzte ich, denn einige Dinge hatte ich jetzt endlich begriffen.»Natürlich verzeihe ich dir, Therem. Wie kannst du noch daran zweifeln? Du weißt, ich habe keinen shifgrethor, auf den kann ich verzichten.«Darüber war er ein wenig belustigt, aber er brütete trotzdem weiter vor sich hin.
»Warum«, fragte er mich schließlich,»warum bist du allein gekommen? Warum hat man dich ganz allein hierhergeschickt? Es hängt doch trotzdem noch alles vom Kommen dieses Schiffes ab. Warum hat man es dir, warum hat man es uns so schwer gemacht?«
»So ist es bei der Ökumene der Brauch, und es gibt gute Gründe dafür. Obgleich ich mich wirklich allmählich frage, ob ich diese Gründe jemals richtig verstanden habe. Ich dachte immer, es wäre euretwegen, daß ich allein kommen mußte — so offensichtlich allein, so ungeschützt, daß ich persönlich keine Gefahr darstellen, kein Gleichgewicht stören konnte: nicht eine Invasion, sondern einfach ein Botenjunge. Aber nein, es steckt mehr dahinter. Bin ich allein, kann ich eure Welt nicht verändern, kann aber von ihr verändert werden. Bin ich allein, muß ich auch zuhören, und nicht nur sprechen. Bin ich allein, ist der Kontakt, den ich herstelle — falls ich überhaupt einen herstelle -, weder unpersönlich noch ausschließlich politischer Natur: Er ist individuell, er ist persönlich, er ist gleichzeitig mehr und weniger als politisch. Nicht Wir und Sie; nicht Ich und Es; sondern Ich und Du. Nicht politisch, nicht pragmatisch, sondern mystisch. In gewissem Sinne ist die Ökumene keine politische Körperschaft, sondern eine mystische Körperschaft. Sie hält jeden Anfang für ungeheuer wichtig. Den Anfang und die Mittel. Ihre Doktrin ist genau das Gegenteil der Doktrin, daß der Zweck die Mittel heilige. Sie schlägt daher sehr subtile Wege, langsame, seltsame und riskante Wege ein; sie ist ein bißchen wie die Evolution, die in gewisser Hinsicht ihr Vorbild ist… Wurde ich also euretwegen allein geschickt? Oder meinetwegen? Ich weiß es nicht. Ja, es stimmt — es hat die Dinge erschwert. Aber ich könnte euch ebensogut fragen, warum ihr nie auf die Idee gekommen seid, Flugkörper zu erfinden? Ein einziges, kleines gestohlenes Flugzeug hätte euch und mir eine Menge Ärger erspart.«
»Wie soll ein normal denkender Mensch je darauf kommen, daß er fliegen kann?«erwiderte Estraven streng. Das war eine gerechtfertigte Antwort — jedenfalls auf einer Welt, auf der kein Lebewesen Flügel hat und sogar die Engel der Yomesh- Heiligenhierarchie nicht fliegen können, sondern flügellos zur Erde herabsinken wie weiche Schneeflocken oder wie die vom Wind getragenen Samen dieser Welt, die keine Blüten kennt.
Gegen die Mitte des Nimmer-Monats kamen wir, nach vielen Stürmen und bitterer Kälte, in ruhigeres Wetter, das einige Tage anhielt. Wenn es einmal irgendwo Sturm gab, dann höchstens weit südlich von uns, ›da unten‹, während wir im Zentrum des Blizzards Windstille hatten, und nur eine leichte Wolkendecke dein Himmel überzog. Zuerst war die Wolkendecke sehr dünn, so daß die Luft von einem gleichmäßigen, wie aus indirekter Quelle kommenden Sonnenlicht erfüllt war, weil es sowohl von den Wolken als auch vom Schnee, von oben und von unten, reflektiert wurde. Eines Nachts jedoch wurden die Wolken dichter. Am nächsten Morgen war das helle Strahlen verschwunden, und auf einmal war gar nichts mehr da. Wir traten aus unserem Zelt ins Nichts. Schlitten und Zelt waren da, Estraven stand neben mir, doch weder er noch ich warfen einen Schatten. Überall um uns herum herrschte ein mattes, alles durchdringendes Licht. Als wir über den knirschenden Schnee gingen, zeigte kein Schatten unsere Fußspuren. Wir hinterließen keine Fährte. Schlitten, Zelt, er und ich: sonst nichts. Keine Sonne, kein Himmel, kein Horizont, keine Welt. Ein weißlich-graues Nichts, in dem wir richtungslos zu hängen schienen. Die Illusion war so vollkommen, daß es mir Mühe machte, das Gleichgewicht zu bewahren. Mein Innenohr war zu sehr daran gewöhnt, von meinen Augen die Bestätigung der Position zu erhalten, in der ich mich gerade befand, doch hier erhielt es diese Bestätigung nicht. Ich hätte ebensogut blind sein können. Solange wir aufluden, ging es noch, aber dann anschließend das Ziehen, ohne etwas, das vor uns lag, ohne etwas, nach dem wir uns umdrehen konnten, ohne jede Orientierung, ohne überhaupt den geringsten Anhaltspunkt für das Auge, war anfangs unangenehm, später ermüdend. Wir liefen auf Skiern über eine gute Firnfläche ohne Sastrugi, die — das stand fest — auf etwa zweitausend Meter Tiefe fest gepackt war. Wir hätten schnell vorankommen müssen. Statt dessen jedoch wurden wir immer langsamer und mußten uns den Weg über diese vollkommen glatte Ebene ertasten: Es kostete uns enorme Willenskraft, ein normales Tempo einzuhalten. Jede winzige Veränderung in der Oberfläche kam wie ein Schock — ungefähr wie beim Treppensteigen im Dunkeln die unerwartete letzte oder die erwartete, aber nicht vorhandene Stufe -, denn wir konnten vor uns nichts erkennen: Es gab keinen Schatten, der uns ein Hindernis gezeigt hätte. Wir liefen blindlings, trotz offener Augen. So ging es einen Tag nach dem anderen. Wir waren gezwungen, die Tagesmärsche zu verkürzen, denn schon am Nachmittag begannen wir beide vor Anstrengung und Erschöpfung zu schwitzen und zu zittern. Es kam so weit, daß ich mich nach Schnee, nach einem Blizzard, nach irgendeiner Veränderung sehnte. Doch jeden Morgen, wenn wir das Zelt verließen, betraten wir dieses Nichts, diese Weiße, die Estraven ›Unschatten‹ nannte.
Eines Tages, an Odorny Nimmer, dem einundsechzigsten Tag unserer Reise, begann dieses matte, blinde Nichts um uns herum gegen Mittag plötzlich zu fließen und zu wirbeln. Ich wollte meinen Augen nicht trauen, weil sie mich schon so häufig genarrt hatten, und schenkte dieser schwachen, bedeutungslosen Luftbewegung nur wenig Beachtung, bis ich auf einmal hoch oben eine kleine, blasse, tote Sonne entdeckte. Und als ich meinen Blick von der Sonne abwandte und nach vorn richtete, sah ich aus dem Nichts einen riesigen, schwarzen Schatten auf uns zukommen. Schwarze Tentakeln reckten sich empor, griffen nach uns. Ich erstarrte mitten im Schritt, so daß ich Estraven auf seinen Skiern herumriß, denn wir gingen nebeneinander im Geschirr.»Was ist das?«
Er starrte auf die vom Nebel verschleierten, dunklen Ungeheuer und sagte schließlich:»Die Crags… Das müssen Esherhoth-Cragsrags sein.«Und setzte sich wieder in Bewegung. Wir waren noch meilenweit von den Dingern entfernt, die ich für so nah gehalten hatte, daß ich glaubte, sie hätte greifen zu können. Als sich das weiße Nichts dann in einen dichten Bodennebel verdichtete und das Wetter endlich aufklarte, sahen wir sie deutlich vor der untergehenden Sonne daliegen: Nunataks, große, zerklüftete und zerrissene Felsspitzen, die senkrecht aus dem Eis ragen und von denen nicht mehr sichtbar ist als von einem Eisberg über Wasser: kalte, im Eis ertrunkene Vulkane, die seit Äonen schon tot sind.
An ihnen erkannten wir, daß wir uns ein wenig nördlich der kürzesten Route befanden — das heißt, falls wir uns auf die schlecht gezeichnete Karte verließen, die wir als einziges Hilfsmittel hatten. Am nächsten Tag marschierten wir zum erstenmal ein bißchen mehr in südöstliche Richtung.
NEUNZEHNTES KAPITEL
Heimkehr
Bei düsterem, windigen Wetter arbeiteten wir uns vor, krampfhaft bemüht, uns vom Anblick der Esherhoth-Crags, dem ersten Objekt nach sieben Wochen, das nicht nur Eis und Schnee und Himmel war, Mut einflößen zu lassen. Nach der Karte konnten sie nicht weit entfernt von den Shenshey- Sümpfen im Süden und der Guthen-Bucht im Osten liegen. Doch leider war diese Karte der Gobrin-Region nicht zuverlässig. Und wir wurden allmählich sehr, sehr müde.
Wir waren näher an den Südrand des Gobringletschers herangekommen, als wir aus der Karte geschlossen hatten, denn schon am zweiten Tag nach unserer Richtungsänderung nach Süden trafen wir auf Druckverwerfungen und Gletscherspalten. Das Eis war zwar nicht so hochgetürmt und zerrissen wie in der Gegend der Feuerberge, aber es war verrottet. Es gab da eingesunkene Mulden, im Sommer vermutlich Seen, die einen Durchmesser von mehreren Meilen hatten; es gab weite Stellen, die von kleinen Löchern und Spalten durchsetzt waren; und immer häufiger gab es riesige Spalten, alte Canyons, die manchmal so breit wie Bergschluchten, manchmal dagegen nur bis zu einem Meter, dafür aber abgrundtief waren. An Odorny Nimmer (nach Estravens Tagebuch, denn ich selber führte keines) herrschte strahlender Sonnenschein und kräftiger Nordwind. Wenn wir mit dem Schlitten die Schneebrücken überquerten, die über die schmaleren Spalten führten, konnten wir rechts und links senkrecht in blaue Schächte und Abgründe blicken, in denen die winzigen, durch die Kufen abgesplitterte Eispartikelchen im Fallen eine ferne, zarte Musik erzeugten, wie Silberdrähte, die dünne Kristallflächen berühren. Ich erinnere mich deutlich an das tiefe, traumhafte, fast schwindelnde Hochgefühl dieses Vormittagsmarsches im hellen Sonnenlicht über die Abgründe. Dann aber wurde der Himmel weiß, die Luft schwer, die Schatten verblaßten, das Blau verblich am Himmel und auf dem Schnee. Wir ahnten nicht, wie gefährlich das weiße, nebelige Wetter in diesem Gelände für uns werden konnte. Da das Eis sehr uneben war, schob ich, während Estraven zog. Ich hatte nur Augen für den Schlitten, dachte an nichts anderes als daran, wie ich am besten schieben könnte, als mir die Stange auf einmal fast aus den Händen gerissen wurde und der Schlitten mit einem unvermittelten Ruck vorwärts schoß. Instinktiv klammerte ich mich an ihm fest und rief Estraven ein lautes»He!«zu, denn ich dachte, er hätte ein Stück freie Bahn vor sich und fahre deswegen plötzlich schneller. Aber da blieb der Schlitten, die Nase abwärts gerichtet, irgendwo hängen, und Estraven war nicht mehr da.