„Nun, ich dachte nur, ich sollte mich vielleicht vorstellen. Du — ah — scheinst mir nicht böse gesinnt zu sein, darf ich deshalb fragen, weshalb ich — ah — gelähmt bin?“
„Ach das“, brummte Puck. „Wir müssen erst herausfinden, ob Ihr ein weißer oder schwarzer Zauberer seid.“ „Oh!“ Rod kaute an seiner Wange. „Wenn ich ein — ah — weißer bin, laßt ihr mich dann gehen?“ Puck nickte. „Aber was ist, wenn ihr mich für einen schwarzen haltet?“ „Dann, Rod Gallowglass, werdet Ihr bis zum Jüngsten Tag schlafen.“
„Ich habe zwar im Prinzip nichts gegen Schlafen, aber wäre das nicht ein bißchen lange? Wie kann ich beweisen, daß ich ein weißer Magier bin?“
„Ganz einfach, indem wir den Bann brechen, der Euch bindet.“ „Du meinst, indem ihr mich freigebt? Wie kann das als Beweis dienen?“
„Die Tatsache als solche nicht, sondern der Ort, wo wir es tun.“ Er klatschte in die Hände. Rod hörte das Trippeln Dutzender kleiner Füße von hinten auf sich zukommen. Man band ihm ein dunkles Tuch vor die Augen und knüpfte es am Hinterkopf fest. Er protestierte, aber man achtete überhaupt nicht darauf, sondern schleppte ihn davon. Nach einer Weile schlug feuchte Nachtluft in sein Gesicht, und er spürte, daß er hangaufwärts getragen wurde. Grillen zirpten und einmal heulte eine Eule. Dann ließ man ihn einfach auf den Boden plumpsen und nahm ihm die Binde ab. „Heh!“ stöhnte er. „Bin ich vielleicht ein Mehlsack?“
„Ihr seid jetzt frei, Rod Gallowglass“, klang Pucks Stimme in seinen Ohren. „Möge Gott Euch beschützen!“ Und schon huschte der Troll von dannen.
Rod setzte sich auf und bewegte seine Gliedmaßen. Er schaute sich um. Er saß auf einer mondbeschienenen Lichtung. Zu seiner Linken plätscherte ein Bach. Die Bäume waren wie glänzender Stahl mit Lamettalaub, mit schwarzen Schatten zwischen den Stämmen.
Einer der Schatten bewegte sich. Er wurde zur hochgewachsenen Gestalt in dunkler Mönchskutte mit Kapuze. Rod sprang hastig hoch. Die Gestalt kam langsam auf ihn zu. Zehn Schritt vor ihm blieb sie stehen und warf die Kapuze zurück. Zerzaustes, ungepflegtes Haar hing in ein eingefallenes, verbittertes Gesicht, aus dem die tiefliegenden Augen wie Kohlen brannten. Die Stimme klang wie ein Zischen: „Bist du deines Lebens so müde, daß du dich in den Käfig eines Werwolfs wagst?“
Rod starrte die Gestalt ungläubig an. „Werwolf?“ Na ja, wenn es Elfen gab… Er runzelte die Stirn. „Käfig? Ich sehe keinen!“ „Eine magische Mauer umgibt diesen Hain“, zischte der Werwolf. „Die Kleinen haben sie um mich errichtet — und sie füttern mich auch nicht auf die richtige Weise!“ „Oh? Was ist denn die richtige Weise?“ erkundigte sich Rod. „Rohes Fleisch und Blut zum Hinunterspülen.“ Etwas mit unzähligen winzigen Füßchen schien Rods Rücken entlangzukrabbeln.
„Schließe Frieden mit deinem Gott“, riet der Werwolf, „denn deine Stunde ist gekommen.“
Pelz sproß aus seinen Händen, und aus den Fingernägeln wurden Krallen. Auch Stirn und Wangen bedeckten sich mit Fell. Nase, Mund und Kinn formten sich zur Schnauze. Die Ohren bewegten sich nach oben und liefen spitz zu. Er warf den dunklen Umhang von sich und offenbarte so silbergraues Fell. Und nun ließ er sich auf alle viere fallen. Tief in der Kehle knurrend, setzte der Wolf zum Sprung an. Rod wirbelte herum, aber das Wertier änderte noch in der Luft die Sprungrichtung. Seine Zähne rissen Rods Arm vom Ellbogen bis zum Handgelenk auf.
Der Wolf landete und heulte vor Freude auf. Mit heraushängender Zunge sprang er erneut. Rod ließ sich auf ein Knie fallen, doch das Tier hielt mitten im Sprung an und fiel auf ihn. Die Hinterbeine zerkratzten Rods Brust, und die gewaltigen Kiefer versuchten ihn am Rücken zu packen. Rod kämpfte sich auf die Beine, beugte sich nach vorn und stieß mit aller Kraft gegen den Bauch des Wolfes. Das Wertier flog durch die Luft, dabei rissen die Krallen seiner Vorderbeine Rods Rücken auf.
Der Wolf landete auf dem Rücken und heulte vor Schmerzen, trotzdem war er schnell wieder auf den Beinen und lief, nach Blut knurrend, in einem Kreis um Rod herum. Rod drehte sich so, daß er den Wolf ständig vor sich hatte. Wie geht man gegen einen Werwolf vor? Gekab wüßte es sicher, aber der Roboter war immer noch außer Betrieb.
Der Wolf geiferte und setzte an, um Rod an die Kehle zu springen.
Rod kauerte sich tief und stieß mit der Hand zu. Seine Faust traf den Wolf direkt am Solarplexus. Eilig sprang Rod zurück und duckte sich. Der Wolf stürzte auf den Boden und schnappte nach Luft. Rod kreiste gegen den Uhrzeiger um ihn herum, weil ihm das vielleicht Glück bringen würde, wie er hoffte.
Der Wolf kam wacklig auf die Beine. Er knurrte und kreiste nun auf eine Chance lauernd ebenfalls um Rod herum, und wie der im Gegenuhrzeigersinn.
Beiden gleichzeitig kann es kaum Glück bringen, dachte Rod und änderte die Richtung, um hinter den Wolf zu gelangen.
Das Wertier sprang.
Rod wirbelte herum und holte zu einem Kinnhaken aus, aber der Wolf schnappte nach seiner Faust. Rod brüllte vor Schmerz auf und stieß dem Untier den Stiefel in den Bauch. Der Wolf öffnete aufheulend die Kiefer und gab Rods Hand wieder frei.
Inzwischen überlegte Rod verzweifelt, was gegen einen Werwolf half. Wolfsmilch, vermutlich, aber er könnte sie nicht von Efeu oder sonst einem Grünzeug unterscheiden.
Silberkugeln, sicher. Doch chemische Schußwaffen waren schon seit Tausenden von Jahren nicht mehr in Mode, und das DDT hatte Silber als Währung längst aufgegeben. Ein Kruzifix? Rod nahm sich fest vor, in Zukunft doch an eine Religionszugehörigkeit zu denken.
Sein felliger Freund hatte sich wieder gefangen. Er spannte die Hinterbeine und sprang. Rod wich seitwärts aus, aber das Tier hatte offenbar damit gerechnet und landete voll auf seiner Brust und schnappte geifernd nach seiner Kehle.
Rod fiel auf den Rücken. Er zog die Beine hoch, hieb sie in den
Bauch des Tieres und katapultierte es von sich. Der Wolf prallte schwer auf und plagte sich, um wieder auf die Beine zu kommen.
Was sonst mochten Werwölfe nicht? Knoblauch! Rod kreiste um den Wolf herum und kramte in seiner Tasche nach dem Wurstrest vom Abendessen. Der Wolf spreizte die Beine und hustete. Rod kaute einen Mundvoll Knoblauchwurst.
Mit einem wütenden, entschlossenen Knurren kam das Tier auf die Beine, spannte die Muskeln an und sprang.
Rod packte es an den Vorderbeinen. Er stolperte ein wenig unter seinem Gewicht zurück. Mit aller Gewalt blies er dem Tier seinen Atem ins Gesicht, dann ließ er den Wolf fallen und sprang zur Seite.
Der Wolf rollte sich spuckend und hustend herum, keuchte schaudernd und brach zusammen. Seine Gestalt streckte sich aus, entspannte sich, streckte sich weiter — und ein hochgewachsener, hagerer Mann lag mit dem Gesicht nach unten, heftig luftschnappend, im Gras.
Rod sank auf die Knie. Gerettet durch Knoblauchwurst!
Gras streifte gegen sein Knie. Er blickte in die lächelnden Augen Robin Goodfellows. „Kehrt mit uns zurück, wenn Ihr möchtet, Rod Gallowglass, denn unsere Pfade sind nun auch Eure, wann immer Ihr in Freundschaft darauf wandeln wollt.“
Rod lächelte müde. „Er hätte mich fast getötet!“ beschwerte er sich mit einem Blick auf den jetzt bewußtlosen Werwolf.