Ich beugte mich vor und stellte das Glas auf der Treppe ab. »Ich werde es Ihnen hierlassen. Sie können es sich ja mal ansehen, wenn Sie wollen — und ich weiß, daß Sie das wollen — ich will Ihnen jetzt nicht mehr Ihre Zeit stehlen.« Ich drehte mich um und ging den Weg hinunter, wobei das laute Knirschen meiner Schritte im Kies den Regen übertönte.
Als ich mich umschaute, sah ich, daß er das Glas aufgehoben hatte, und das grüne Glühen schwächte die Schatten der Kerze auf seinem Gesicht ab. »Aber Ihr Name…«, rief er.
Da kam mir eine Eingebung. »Mein Name ist Plattner«, behauptete ich.
»Plattner? Kennen wir uns?«
»Plattner«, wiederholte ich fast verzweifelt und kramte in den hintersten Winkeln meines Gehirns nach einer detaillierteren Lüge. »Gottfried Plattner…«
Es schien mir, als ob es ein anderer gewesen wäre, der das gesagt hatte — aber sobald die Worte meinen Mund verlassen hatten, wußte ich, daß ich sie nicht mehr zurücknehmen konnte.
Es war geschehen; der Kreis hatte sich geschlossen!
Er rief weiter hinter mir her, aber ich ging ungerührt weg, weg von dem Tor und den Hügel hinunter.
Nebogipfel erwartete mich hinter dem Haus, in der Nähe der Zeitmaschine. »Es ist erledigt«, sagte ich zu ihm. Der erste Hauch von Morgenlicht überzog den verhangenen Himmel, und ich konnte den Morlock als eine Art körnige Silhouette wahrnehmen: er hatte die Hände auf dem Rücken verschränkt, und das Haar klebte flach am Rücken. Seine Augen waren große, blutrote Scheiben.
»Du siehst ja schlimm aus«, meinte ich mitfühlend. »Dieser Regen…«
»Das macht nichts«, erwiderte er.
»Was wirst du jetzt tun?«
»Was wirst du jetzt tun?«
Anstelle einer Antwort beugte ich mich über die Zeitmaschine und zerrte daran. Sie verwand sich, quietschte wie ein altes Bett und kam dann mit einem heftigen Stoß auf dem Rasen zur Ruhe. Ich fuhr mit der Hand am ramponierten Rahmen der Maschine entlang; Moos und Grasreste klebten an den Quarzstangen und am Sattel, und eine Kufe war völlig deformiert.
»Du könntest nach Hause gehen«, sagte er. »Nach 1891. Offensichtlich haben die Beobachter uns in deine Original-Geschichte zurückgebracht — zur Ursprungsversion der Dinge. Du müßtest nur ein paar Jahre in die Zukunft reisen.«
Ich dachte über diese Option nach. In mancherlei Hinsicht hätte es durchaus seine Vorzüge gehabt, in diese lauschige Zeit zurückzukehren, zu meinem Umfeld aus Besitztümern, Mitmenschen und wissenschaftlichen Leistungen. Und ich hätte mich wieder an der Gesellschaft einiger meiner alten Kumpels erfreuen können — Filby und die anderen. Aber…
»Ich hatte einen Freund im Jahre 1891«, sagte ich zu Nebogipfel. (Dabei dachte ich an den Schriftsteller.) »Er war ein junger Bursche. In mancherlei Hinsicht ein seltsamer Kerl — sehr intensiv — und doch betrachtete er alles auf eine ganz besondere Art…
Er schien die Dinge in ihrem Gesamtzusammenhang zu sehen — über das Hier und Jetzt hinaus, das uns alle so beschäftigt — und das schnelclass="underline" die Trends, die Tiefenströmungen, die uns mit der Vergangenheit und Zukunft verknüpfen. Er mußte wohl die Kleinheit der Menschen vor dem großen Hintergrund der Evolution begriffen haben — und ich glaube, daß er deswegen nur wenig Geduld mit der Welt hatte, an die er gefesselt war, mit den endlosen, langsamen gesellschaftlichen Entwicklungen — und sogar mit seiner eigenen, schwachen Existenz.
Er schien ein Fremder in seiner eigenen Zeit zu sein, verstehst du«, schloß ich. »Und genauso würde ich mich auch fühlen, wenn ich zurückginge. Zeitlos. Denn egal, wie solide diese Welt auch scheint, würde ich immer daran denken, daß sie von Tausenden mehr oder weniger unterschiedlicher Universen umgeben ist — allesamt unerreichbar.
Ich vermute, daß ich zu einem Monster geworden bin… Meine Freunde sollen glauben, daß ich in der Zeit verschollen bin, und um mich trauern, wenn ihnen danach ist.«
Noch während unserer Unterhaltung hatte ich einen Entschluß gefaßt. »Ich habe noch eine Berufung. Ich habe die Aufgabe, die ich mir bei meinem zweiten Aufbruch in die Zeit selbst gestellt hatte, noch nicht erfüllt. Hier ist ein Kreis geschlossen worden — aber ein anderer ist noch offen, wobei seine Enden weit in die Zukunft reichen…«
»Ich verstehe«, sagte der Morlock.
Ich kletterte auf den Sattel der Maschine.
»Aber was wird aus dir, Nebogipfel? Willst du mit mir kommen? Ich könnte mir dort eine Rolle für dich vorstellen — und ich möchte dich nicht hier aussetzen.«
»Danke — aber nein. Ich werde nicht lange hier bleiben.«
»Wohin wirst du gehen?«
Er hob den Kopf. Der Regen ließ jetzt nach, aber ein dünner Schleier aus Tropfen fiel noch immer aus dem heller werdenden Himmel und benetzte seine großen Augen. »Ich bin mir auch bewußt, daß Kreise geschlossen worden sind«, meinte er. »Aber ich will noch wissen, was jenseits dieser Kreise liegt…«
»Wie meinst du das?«
»Wenn du hierher zurückgekehrt wärst und dein jüngeres Ich erschossen hättest — nun, dann gäbe es keinen kausalen Widerspruch: statt dessen würdest du eine neue Historie erzeugen, eine weitere Variante in der Multiplizität, in der du als junger Mann von einem Fremden getötet wurdest…«
»Das alles ist mir mittlerweile völlig klar. Wegen der Existenz der Multiplizität kann innerhalb einer Einzel-Historie keine Paradoxie auftreten.«
»Aber«, fuhr der Morlock ruhig fort, »die Beobachter haben dich hierher gebracht, damit du das Plattnerit deinem eigenen Ich übergeben konntest — somit konntest du die Ereignisabfolge initiieren, die zur Entwicklung der Zeitmaschine und der Genese der Multiplizität führte. Es gibt also noch einen größeren Kreis, der sich geschlossen hat — die Multiplizität selbst.«
Ich erkannte, worauf er hinauswollte. »Es gibt tatsächlich eine Art geschlossener Kausalitätsschleife«, sagte ich, »eine Schlange, die sich in den Schwanz beißt… Die Multiplizität hätte nicht entstehen können, wenn es die Multiplizität nicht schon von vornherein gegeben hätte!«
Nebogipfel meinte, die Beobachter gingen davon aus, daß die Auflösung dieser Finalen Paradoxie die Existenz mehrerer Multiplizitäten vorausetzte: eine Multiplizität der Multiplizitäten! »Es ist logisch notwendig, die Kausalschleife aufzulösen«, sagte Nebogipfel, »genauso wie unsere Multiplizität erforderlich war, um die Paradoxien einer einzigen Geschichte aufzulösen.«
»Aber — verdammt, Nebogipfel! Diese Vorstellung macht mich völlig irre. Parallele Ensembles von Universen — ist das überhaupt möglich?«
»Mehr als nur möglich«, erwiderte er. »Und die Beobachter planen, dorthin zu reisen.« Er senkte wieder den Kopf. Der Morgen dämmerte jetzt bereits ziemlich hell, und ich konnte sehen, wie sich das teigige Fleisch um seine Augen vor Unbehagen in Falten legte. »Ich könnte mir kein größeres Abenteuer vorstellen… du vielleicht?«
Ich schaute mich ein letztesmal um, in dieser ganz normalen, matschigen Morgendämmerung im neunzehnten Jahrhundert. Die Silhouetten der mit schlafenden Menschen belegten Häuser zeichneten sich auf der ganzen Länge der Petersham Road ab; ich roch das feuchte Gras, und irgendwo schlug eine Tür, als ein Milchmann oder Briefträger sein Tagewerk begann.
Ich wußte, daß ich das alles jetzt zum letztenmal sah.
»Nebogipfel — wenn du diese übergeordnete Multiplizität erreichst — was dann?«
»Es gibt viele Ebenen der Unendlichkeit«, entgegnete Nebogipfel ruhig, und das zunehmende Licht zeichnete die Konturen seines Gesichts nach. »Es ist wie eine Hierarchie: von universalen Strukturen — und von Ambitionen.« Seine Stimme nahm wieder dieses leise Morlock-Gurgeln an — mit einem völlig fremdartigen Klangbild — und in ihr schwang ein starkes Gefühl des Wunders mit. »Die Konstrukteure hätten ein Universum besitzen können; aber es war ihnen nicht genug. Deshalb forderten sie die Finalität heraus und stießen an die Grenze der Zeit und durchstießen sie und ermöglichten es dem Geist, all die vielen Universen der Multiplizität zu besetzen und zu besiedeln. Aber die Beobachter der Optimalen Historie geben sich nicht einmal damit zufrieden; und sie suchen nach Wegen, wie sie Zugang zu weiteren Ebenen der Unendlichkeit erhalten können…«