Bis Quellen ankam, war es später Nachmittag. Die Sonne sank zum Horizont hinab, auf dem verseuchten See tanzten Farben. Lanoy erwartete ihn.
»Alles ist bereit, Quellen«, sagte er.
»Gut. Kann ich mich darauf verlassen, daß Sie ehrlich sind?«
»Sie haben mich freigelassen, oder? Sogar unter uns gibt es Ehrlichkeit«, erwiderte Lanoy. »Sind Sie ganz sicher, daß Sie das tun wollen?«
»Eindeutig. Ich kann nicht hierbleiben. Für Kloofman bin ich jetzt verhaßt. Ich habe ihm zehn peinliche Minuten bereitet, und dafür läßt er mich bezahlen, falls er mich je erwischt. Aber er wird mich nicht erwischen. Dank Ihnen.«
»Kommen Sie rein«, sagte Lanoy. »Verdammt noch mal, ich hätte nie gedacht, daß ich Ihnen einmal so behilflich sein würde.«
»Wenn Sie klug sind, nehmen Sie denselben Weg«, meinte Quellen. »Kloofman wird Sie früher oder später erwischen. Das ist nicht zu umgehen.«
»Ich gehe das Risiko ein, Quellen.« Lanoy lächelte. »Wenn die Zeit kommt, sehe ich Kloofman in die Augen, vielleicht kann ich einen Handel abschließen. Kommen Sie. Die Maschine wartet.«
16
Es geschah.
Ein Wirbeln und Krümmen, bei dem Quellen das Gefühl hatte, nach außen gestülpt zu werden. Er schwebte auf einer purpurroten Wolke hoch über undeutlichem Gelände und stürzte plötzlich.
Er fiel Hals über Kopf hinunter und landete hart auf einem langen, grünen Teppich. Er blieb eine Weile betäubt liegen und klammerte sich am Teppich fest, um in einer ungewissen Welt Sicherheit zu finden.
Eine Handvoll Teppich riß in seiner Hand ab. Quellen starrte ihn verblüfft an.
Gras.
Lebendes Gras. In seinen Fingern.
Der saubere Geruch der frischen Luft fiel ihm als nächstes auf. Es war beinahe ein Schlag. Es war schmerzhaft, solche Luft in die Lunge zu ziehen. Es war, als atme man in einem Zimmer ein, das mit Sauerstoff vollgepumpt war. Aber hier lag er im Freien. Die Luft in Afrika war nicht so, weil sie eine Oberschicht von Restbeständen aus den dichtbesiedelten Gegenden der Welt besaß.
Quellen nahm sich zusammen und stand auf. Der Grasteppich reichte in alle Richtungen, und vor ihm standen dicht an dicht Bäume. Quellen blickte hin. Ein kleiner grauer Vogel kam auf den überhängenden Ast des ersten Baumes hinaus und begann Quellen ohne Furcht anzuzirpen.
Er fragte sich, wie lange Kloofmans Gehilfen ihn suchen würden, bevor sie zu dem Schluß kamen, daß er gesprungen war. Koll würde einem Schlaganfall nahe sein. Und würde Kloofman mit Lanoy zurechtkommen? Er hoffte nicht; Kloofman war ein unheimliches, unwirkliches Ungeheuer, während Lanoy trotz seiner Verschlagenheit Ehrgefühl hatte.
Quellen ging auf den Wald zu. Ich werde einen geeigneten Fluß finden und dort irgendein Haus bauen müssen, entschied er. Improvisierte Architektur — er würde es schaffen, auch wenn die ersten Versuche nicht sehr eindrucksvoll sein mochten. Auf jeden Fall würde es sein Haus werden.
Er fühlte sich nicht schuldbewußt, weil er diesen Weg gegangen war. Er war ein Außenseiter gewesen, in eine Welt gestellt, die er nur hassen konnte, die ihre Fänge in ihn schlug. Norm Pomrath war diesen Weg gegangen. Brogg auch. Nun war Quellen an der Reihe. Bevor er gegangen war, hatte er wenigstens den tapferen Versuch unternommen, sich gegen diese Welt zu wehren.
Es war Wahnsinn gewesen, sich einzubilden, er könnte gegen die Hohe Regierung aufkommen. Aber er hatte Kloofman betroffen gemacht, wenigstens für ein paar Minuten, und das war schon eine Leistung. Er hatte bewiesen, daß er ein Mann war. Nun verlangte die Vernunft einen raschen Abgang, bevor Kloofmans überlegene Macht ihn zerquetschte.
Zwei Rehe kamen aus dem Wald. Quellen war fassungslos. Er hatte noch nie Landtiere von dieser Größe gesehen, nicht einmal in Afrika. Die afrikanischen Säugetiere waren längst in Reservaten eingesperrt. Waren diese Wesen hier gefährlich? Sie sahen sanft aus. Sie huschten im Gras davon.
Quellens Herz begann zu pochen, als er die herrliche Luft einsog. Marok, Koll, Spanner, Brogg. Kloofman. Helaine. Judith. Sie wurden undeutlich und verblaßten. Gemeinschaftserbrechen. Schnellboote. Der gute, alte Lanoy, dachte er. Er hatte doch sein Won gehalten. Zurück zu einem noch nicht verschmutzten Kontinent.
Die Welt gehört mir, dachte Quellen.
Ein hochgewachsener, rothäutiger Mann trat aus dem Wald und lehnte sich an einen Baum. Er betrachtete Quellen ernsthaft. Er trug einen Ledergürtel, Sandalen und sonst nichts. Der rothäutige Mann betrachtete Quellen kurz, dann hob er die Hand zu einer Geste, die Quellen nicht falsch verstehen konnte. Ein warmes Gefühl der Kameradschaft durchflutete Quellen. Dieser Mann hieß ihn willkommen. Dieser Mann fürchtete ihn nicht.
Die Hand erhoben, endlich lächelnd, ging Quellen ihm entgegen.
Aus dem Amerikanischen von Tony Westermayr
Herausgegeben von Dr. Herbert W. Franke
Made in Germany • 2/82 • 1. Auflage • 119
© der Originalausgabe 1967 by Robert Silverberg
der deutschsprachigen Ausgabe 1982 by Wilhelm Goldmann Verlag, München
Dieser Band erschien 1968 unter dem Titel „Flucht aus der Zukunft“ als Terra-Taschenbuch Nr. 145 im Moewig-Verlag, München
Umschlagentwurf: Atelier Adolf Angelika Bachmann, München
Umschlagillustration: Franco Storchi/Agt. Schluck, Garbsen
Gesamtherstellung: Mohndruck Graphische Betriebe GmbH, Gütersloh
Verlagsnummer: 23394
Lektorat: Peter Wilfert • Herstellung: Peter Papenbrok
ISBN 3-442-23394-1